Was du heute kannst besorgen…

von Elena Rieger
Lesezeit: 6 min
Viele Aufgaben bleiben liegen, weil der Anfang eine Entscheidung erfordert, die gern aufgeschoben wird. Was daraus wird, heißt Prokrastination: Planen, Prüfen und Perfektionieren. Dann schauen wir weiter.

Ich habe lange darüber nachgedacht, wie ich diesen Text beginnen soll – so lange, dass das eigentliche Problem bereits im Raum stand, bevor der erste Satz existierte. Statt zu schreiben, habe ich mich vorbereitet, optimiert, mental eingestimmt und dabei eine gewisse Ausdauer darin entwickelt, genau das zu vermeiden, was ich eigentlich tun wollte. Prokrastination ist in meinem Studienalltag kein Ausrutscher, sondern ein erstaunlich stabiles System, und je länger ich sie beobachte, desto deutlicher wird: Es geht weniger um Zeitmanagement als um Entscheidungsfindung – oder genauer gesagt um die Kunst, Entscheidungen so lange hinauszuzögern, bis sie sich von selbst erledigen. Was sie natürlich nie tun.

Vielleicht morgen?

Eine Woche vor Redaktionsschluss. Ich neige dazu, das Aufschieben sehr ernst zu nehmen: Wenn ich schon prokrastiniere, dann gründlich. Ich recherchiere, ich strukturiere, ich öffne Dokumente, um sie wieder zu schließen und entwickle dabei das beruhigende Gefühl, mich dem Schreiben zumindest konzeptionell zu nähern. Tatsächlich ist das eine ziemlich elegante Selbsttäuschung, denn sie erlaubt mir, beschäftigt zu sein, ohne mich festlegen zu müssen. Und genau darin liegt der Reiz: Solange ich nicht anfange, kann ich auch nichts falsch machen – eine Logik, die kurzfristig hervorragend funktioniert und langfristig zuverlässig scheitert.

Die Psychologie ist an dieser Stelle recht unsentimental und nimmt mir jede Ausrede mit professioneller Gelassenheit auseinander: Prokrastination hat weniger mit Faulheit zu tun als mit Emotionsregulation und ist auf ihre Art und Weise ein sehr konsequenter Umgang mit Entscheidungen – nur eben ein unproduktiver. Man schiebt nicht auf, weil man grundsätzlich nichts tun will, sondern um sich vor dem unangenehmen Gefühl zu drücken, das mit dem Anfangen einhergeht – dieser Mischung aus Unsicherheit und dem Verdacht, dass der erste Satz wahrscheinlich nicht gleich von epochaler Genialität sein wird. Dass dieses Gefühl verschwindet, sobald man ins Tun kommt, ist bekannt; dass man trotzdem nichts tut, leider auch.

Los jetzt, aber wie?

Drei Tage vor der Deadline. Mein eigentliches Problem ist selten die Aufgabe selbst, sondern die Frage, wie ich sie beginne. Schreibe einen Artikel über Prokrastination. Ich kann mich stundenlang damit beschäftigen, mögliche Einstiege zu formulieren, sie gedanklich zu verwerfen und durch neue zu ersetzen, die ich ebenfalls nicht schreibe. Es ist ein bemerkenswert produktiver Stillstand: Ich treffe Entscheidungen, ohne sie umzusetzen, und halte mir so alle Optionen offen – ein Zustand, der sich intellektuell anspruchsvoll anfühlt, praktisch aber nichts hervorbringt. Der erste Satz ist deshalb weniger ein Anfang als ein Abschied von allen anderen möglichen ersten Sätzen. Und Abschiede schiebe ich offenbar gerne auf. 

Hier sollte ich schreiben. Tue es aber (noch) nicht. (Quelle: Elena Rieger)

Das ist kein individuelles Talent, sondern ein gut dokumentiertes Phänomen. In der Entscheidungsforschung wird beschrieben, dass eine große Auswahl nicht automatisch zu besseren Entscheidungen führt, sondern oft genau das Gegenteil bewirkt: Aufschub oder komplette Vermeidung. Genauer gesagt „Choice Overload”, also eine Überforderung durch Möglichkeiten, bei der jede zusätzliche Option nicht als Gewinn, sondern als kognitive Belastung wirkt. Je mehr Varianten zur Verfügung stehen, desto stärker tritt ein paradoxes Kalkül in Kraft: Man wägt länger ab, antizipiert mögliche Fehlentscheidungen und verliert sich in hypothetischen Alternativen, bis die eigentliche Entscheidung zur größten Hürde wird. Prokrastination ist in diesem Sinne keine Verweigerung, sondern eine Art Strategie: Solange man nichts entscheidet, kann man sich auch nicht falsch entscheiden.

Passt das so?

Vierundzwanzig Stunden vor der Deadline. Ein weiterer, weniger schmeichelhafter Grund für mein Aufschieben ist der Anspruch, dass das Ergebnis gut sein soll, idealerweise sofort. Ich hätte diesen Text gerne in einer Version begonnen, die bereits halb fertig wirkt, was ungefähr so realistisch ist wie ein leerer Kühlschrank, der sich von selbst füllt, wenn man lange genug davor steht. Dieser Anspruch ist nicht laut oder dramatisch, eher ein stiller Begleiter, der sich bei jedem Gedanken einmischt und fragt, ob das schon reicht – und genau dadurch verhindert, dass etwas vollendet wird, das reichen könnte. 

Die Forschung nennt das dysfunktionalen Perfektionismus, ich nenne es einen sehr höflichen Saboteur. Er tritt nicht aggressiv auf, sondern argumentiert sachlich: „Vielleicht noch nicht anfangen, vielleicht erst, wenn alles passt.“ Die Schwierigkeit ist nur, dass „Alles passt!“ ein Zustand ist, der sich hartnäckig weigert, vor dem Loslegen einzutreten. Genau darin liegt sein Effekt, denn er verschiebt den Maßstab vom Fortschritt zur Fehlervermeidung. Dieser Typ Perfektionismus geht weniger mit besseren Ergebnissen als mit einer höheren Aufschieberate einher, weil er den Einstieg blockiert und Handlung durch Abwägung ersetzt. „Gut“ wird dabei zu einer Art beweglichem Ziel, das sich immer ein Stück weiter entfernt, sobald man sich ihm nähert – und deshalb unerreichbar bleibt, solange man nicht trotzdem beginnt. 

Was wäre da noch?

Sechzig Minuten vor der Deadline. In einer spontanen Befragung einiger Kommiliton:innen, die ich – konsequent – ebenfalls aufgeschoben habe, zeigen sich ähnliche Muster. Oft wird erwähnt, dass man Aufgaben nicht beginnt, weil man nicht weiß, wie man anfangen soll; weil man befürchtet, das Ergebnis könnte nicht gut genug sein; oder weil man sich darauf verlässt, unter Zeitdruck produktiver zu werden. Letzteres wird mit einer Sicherheit vorgetragen, die beeindruckend ist, wenn man bedenkt, wie oft sie der eigenen Erfahrung widerspricht. 

Auffallend sind weniger die Begründungen als die Selbstverständlichkeit des Prokrastinierens. Die „Aufschieberitis” wird nicht als Problematik beschrieben, sondern als Teil des studentischen Alltags, fast wie ein inoffizielles Modul im Studium, das Dutzende belegen, ohne sich angemeldet zu haben. Auch der Zeitdruck gehört offenbar bereits zum Konzept: Er ist nicht nur Folge des Prokrastinierens, sondern wird fast einkalkuliert, als notwendiger Startschuss, der die Entscheidung ersetzt, rechtzeitig zu beginnen. Man kennt die Mechanismen, man erkennt sie bei anderen, und trotzdem wiederholt man sie selbst. Vielleicht, weil sie kurzfristig funktionieren und langfristig nur dann stören, wenn es zu spät ist, sie noch zu ignorieren. 

Nicht ganz so entspannt, aber symbolisch: Prokrastination ist wie ein untätiges Dasitzen vor einem Meer aus Entscheidungen. (Quelle: Elena Rieger)

Na geht doch!

Nachts. Dreiundzwanzig Uhr irgendwas. Der Moment, in dem ich meinen Text tatsächlich beendet habe, war unspektakulär genug, um ihn fast zu übersehen: Ich habe schrittweise mit dem Schreiben angefangen, ohne mich bereit zu fühlen, ohne einen perfekten Plan und ohne die große Erwartung, dass es besonders geistreich wird. Rückblickend wirkt genau das wie der entscheidende Unterschied. Viele Strategien gegen Prokrastination setzen an dieser Stelle an und versuchen, Entscheidungen zu verkleinern, etwa indem man sich vornimmt, nur einen Absatz zu schreiben oder nur zehn Minuten zu arbeiten – was zunächst nach Selbsttäuschung klingt, aber erstaunlich effektiv ist. 

Denn Motivation entsteht oft erst im Tun. Sobald man begonnen hat, wird aus der Angst vor dem Anfangen eine Entscheidung für das Weitermachen, und die fällt, zu meiner eigenen Überraschung, deutlich leichter. Das bedeutet nicht, dass Prokrastination verschwindet, aber sie verliert ihren größten Vorteil – die Kontrolle über den Anfang. 

Am Ende bleibt eine Erkenntnis, die sich fast widerwillig einstellt: So schwer war’s wirklich nicht. Dieser Artikel ist nicht trotz, sondern wegen der Aufschieberei entstanden. Sie hat ihn verzögert, aber auch strukturiert, hat mich gezwungen, meine eigenen Ausweichbewegungen zu beobachten und sie ernst genug zu nehmen, um darüber zu schreiben. Die Prokrastination verschiebt den Anfang, vergrößert den Druck und hält die Illusion aufrecht, dass später der bessere Zeitpunkt sei. In Wirklichkeit ist dieser Zeitpunkt erstaunlich belanglos: Er beginnt genau dort, wo man aufhört, ihn weiter nach hinten zu verschieben – idealerweise noch vor der Deadline.





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