Was haben ein wissenschaftlicher Vortrag und ein netter Abend in der Bar gemeinsam? Auf den ersten Blick wenig. Das Wissenschaftsfestival Pint of Science vereint jedoch genau diese Gegensätze. Seit 2013 wird komplexe wissenschaftliche Forschung für jeden verständlich präsentiert – in entspannter Atmosphäre in Bars und Cafés. In Innsbruck präsentieren Forschende seit 2022 jährlich im Mai ihre Ergebnisse.
An diesem Dienstagabend gehören mein Freund und ich zum Publikum. Um kurz vor 19 Uhr steigen wir hinab in den Keller des Cool Run Inn, eines von sechs Lokalen, die in Innsbruck ihre Türen für die Wissenschaft öffnen. Das Kellergewölbe ist eng mit Stühlen vollgestellt, vorne hängt eine Leinwand. Das Publikum wirkt gelöst, entspannt, die meisten nippen an Getränken. Auch wir holen uns ein Bier und setzen uns auf zwei der wenigen noch freien Plätze in der ersten Reihe. Der Raum füllt sich immer mehr, bis fast jeder Platz belegt ist. Kein Wunder: Einige Events des diesjährigen Pint of Science waren schon Wochen vorher ausgebucht.
Aus den Laboren in die Kneipen
2012 begann die Geschichte des Pint of Science mit dem Programm Meet the Scientist. Zwei Forschende aus London holten damals von Krankheiten wie Alzheimer oder Multipler Sklerose betroffene Menschen in die Labore, um ihnen die Forschung zu ihren Krankheiten näherzubringen. Dann kamen die Forschenden auf eine Idee: Anstatt die Menschen zu den Forschenden zu holen, könnte man die Forschenden zu den Menschen bringen. 2013 fand das erste Pint of Science Festival in drei englischen Städten statt.
Heute beteiligen sich Wissenschaftler:innen und Lokale rund um die Welt am Pint of Science. Das Festival gibt es mittlerweile in über 500 Städten in 27 Ländern. In Innsbruck fanden in diesem Jahr vom 18. bis 20. Mai 17 verschiedene Veranstaltungen mit jeweils mehreren Vorträgen statt. Die Themengebiete reichten von Quantencomputern und Astrophysik über Gerichtsmedizin bis hin zu Analysen moderner Geschlechterdynamiken.
Fesselnde Forschungsergebnisse
Bei der Veranstaltung, die ich besuche, halten zwei Wissenschaftler von der Medizinischen Universität Innsbruck Vorträge über Krebsforschung. Laut der Website geht es um die Bewegung von Zellen im Körper und die Mechanik, die dahintersteckt. Mit Medizin kenne ich mich leider gar nicht aus und frage mich, wie viel ich überhaupt verstehen werde.
Schnell stellt sich heraus, dass im Publikum viele Forschende und Universitätsangestellte sitzen, die in ähnlichen Gebieten forschen. Daneben gibt es einige Studierende. Nur eine Handvoll Zuschauer hat gar nichts mit der Uni zu tun. Trotz diesem fast schon Fachpublikum startet der Vortrag mit den absoluten Basics, bevor er tiefer in die Materie einsteigt. Mit Zeichnungen, Videos und Animationen ist er so verständlich und unterhaltsam wie möglich gestaltet – auch wenn meine Grundkenntnisse aus dem Biounterricht in der Schule mir schon sehr beim Verstehen helfen. Es geht darum, welche Strategien unsere Zellen nutzen, um sich im Körper zu bewegen, und wie diese Strategien von Krebszellen gekapert werden. Bald bin ich total gecatcht. Der Vortrag vergeht für mich wie im Flug. Am Ende gibt es noch viele Fragen aus dem Publikum.
Danach überraschen uns die Moderatorinnen mit einem Pub-Quiz. Kurz habe ich Sorge, dass jetzt geprüft wird, wie aufmerksam wir zugehört haben. Doch die Fragen beziehen sich gar nicht direkt auf den Vortrag. Es geht um die Geschichte des Pint of Science und menschliche Biologie. Dazu gibt es Rätsel, die man eher in einem Kindermagazin als bei einem Pub-Quiz erwarten würde. Unsere Gruppe landet im Mittelfeld – was noch ein gutes Ergebnis ist, wenn man bedenkt, dass die Forscher selbst auch mitgemacht (und gewonnen) haben.
Zwischen den Vorträgen gibt es ein Pub-Quiz. Einige Fragen sind schwer, andere sehr leicht zu beantworten. (Bild: Marie Eisele)Der Wert von Grundlagenforschung
Nach einer kurzen Pause folgt der zweite Vortrag. Er dreht sich darum, wie Proteine in unseren Zellen hergestellt und transportiert werden und wie man in diese Prozesse eingreifen kann, um Krebs zu bekämpfen. Der vortragende Professor erzählt dabei viel von seiner eigenen Forschungskarriere, in der er mit Grundlagenforschung begann und später fast zufällig auf einen praktischen Nutzen seiner Forschung in der Krebsbekämpfung stieß.
Am Ende spricht er ein starkes Plädoyer dafür aus, Dinge zu erforschen, auch wenn ihr Nutzen nicht direkt ersichtlich ist. Die Fragen des Publikums hören nach dem Vortrag gar nicht mehr auf. Es geht viel um den Wert von Grundlagenforschung angesichts einer Politik, die der Meinung zu sein scheint, jede Forschung müsse immer eine direkte Anwendung haben.
Als wir das Lokal verlassen, dröhnt mein Kopf zugegebenermaßen ein wenig von den vielen neuen Informationen. Gleichzeitig bin ich begeistert, dass so viel komplexe Forschung in zwei recht einfache Vorträge verpackt wurde. Über die Message des zweiten Vortrags denke ich noch lange nach. Genau das ist ein Ziel des Pint of Science: Forschung und ihre gesellschaftlichen Implikationen sichtbar machen und zum Nachdenken anregen.
Fazit: Es lohnt sich
Der Pint of Science hat mich in ein Thema eingeführt, von dem ich sonst höchstwahrscheinlich nie etwas erfahren hätte. Anders als erwartet habe ich mich in keiner Weise wie in einer Vorlesung gefühlt. Stattdessen konnte ich einfach mal in einem entspannten Rahmen etwas Neues lernen. Nächstes Jahr findet der Pint of Science vom 10. bis 12. Mai statt, auch in Innsbruck. Ich kann allen empfehlen, hinzugehen, sich auf ein unbekanntes Thema einzulassen – und Wissenschaft mal anders zu erleben.