Jeden Tag menstruieren etwa 300 Millionen Menschen weltweit. Monat für Monat, über Jahrzehnte hinweg – im Schnitt rund 500 Mal im Leben. Das sind insgesamt sieben bis acht Jahre. Trotzdem bleibt die Periode ein tabubehaftetes Körperphänomen. Ein Blick zurück zeigt: Die Produkte wurden moderner, das Schweigen kaum leiser. Die Menstruation ist einer der zentralen biologischen Prozesse des Menschen und völlig normal. Selbst wer nie selbst blutet – Männer, trans Personen, nicht-menstruierende Frauen – lebt in Familien, Partnerschaften, Teams oder Gesellschaften, in denen Menstruation Einfluss hat: auf Gesundheit, Leistungsfähigkeit, Schulbildung, Sport und Arbeit.
Am Anfang ist die Blutung
Biologisch ist der Ablauf klar: In vier zyklischen Phasen baut der Körper eine Schleimhaut in der Gebärmutter auf, bereitet sich auf eine mögliche Schwangerschaft vor, stößt diese Schleimhaut bei Ausbleiben der Befruchtung ab und beginnt dann von vorn. Der hormonelle Ablauf ist ein fein abgestimmtes System, das den gesamten Organismus beeinflusst – von Energielevel über Stoffwechsel bis zur Stimmung.

Und doch: Während die Physiologie gleich geblieben ist, variiert das Wissen darüber enorm. Viele wissen erstaunlich wenig über einen Vorgang, der unser Leben prägt – egal ob wir menstruieren oder nicht.
Dass der männliche Zyklus im Vergleich hormonell meist jeden Tag gleich verläuft, ist auch einer der Gründe, warum weibliche Körper nur ungern für wissenschaftliche Tests ausgewählt wurden. Bis weit in die 1990er war es Standard, Frauen aufgrund ihres Zyklus auszuschließen und Medikamente anhand männlicher Pharmakokinetik zu entwickeln.
Aufklärung ist nicht selbstverständlich
Damals wie heute ist es nicht garantiert, dass junge Menschen – oder ihr Umfeld – wissen, was während der Periode eigentlich passiert. Schulen sollten diese Lücke schließen, doch Straßenumfragen zeigen: Die Wissensdefizite sind groß. Fragen wie „Kann man mit Tampon auf die Toilette gehen?“ oder „Verliert man nicht einen Liter Blut?“ sind keine Seltenheit.
Zu den Fakten: Die erste Periode beginnt meist zwischen zehn und 14 Jahren, der Zyklus dauert durchschnittlich 28 Tage und die Blutung drei bis sieben Tage. Binden werden in den Slip geklebt, Tampons und Menstruationstassen werden in die Scheide eingeführt. Harnröhre und Blase haben einen eigenen Ausgang. Insgesamt verliert man pro Periode rund 20 bis 60 Milliliter Blut – etwa ein bis zwei kleine Espressotassen. Enden tut dieser Lebensabschnitt in den Wechseljahren, meist zwischen 45 und 55 Jahren.
Wie groß die Unsicherheit rund um Menstruation bleibt, zeigen nicht nur Passant:innen, sondern auch historische Beispiele: 1983 fragte die NASA Astronautin Sally Ride, ob 100 Tampons für eine Woche ausreichen würden. Realistisch sind – je nach Blutungsstärke – etwa drei bis fünf Tampons pro Tag, also rund 20 pro Woche.
Auch das Produkt Pinky Gloves zeigte, wie schnell alte Stigmata reproduziert werden: 2021 präsentierten zwei Gründer in „Die Höhle der Löwen“ rosa Einweghandschuhe zur „diskreten“ Entsorgung von Periodenprodukten. Die Kritik an der unnötigen Dramatisierung von Menstruationsblut war massiv; kurz darauf wurde das Produkt wieder eingestellt.
Zykluswissen ist elementar – im Alltag und im Spitzensport
In den letzten Jahren entdecken Forschung und Sportwissenschaft, wie stark der Zyklus Körper und Leistung beeinflusst. Energielevel, Muskelkraft, Ausdauer, Schmerzempfinden – alles schwankt hormonabhängig. Athletinnen berichten, dass intensives Training oft zu Zyklusstörungen führt – ein medizinisches Warnsignal, kein Zeichen von „Leistung“. Dass dies früher als normal galt, zeigt, wie tief das körperliche Schweigen verwurzelt war.
Spitzensportlerinnen trainieren jetzt zunehmend „zyklusgerecht“: intensive Einheiten in der Follikelphase (Frühling), Regeneration in der Lutealphase (Herbst). Das Wissen darüber war lange nicht vorhanden – oder wurde ignoriert.
Bluten wir heute anders?
Ein Jahrhundert Periodenprodukte erzählt ein Jahrhundert gesellschaftlicher Vorstellungen. In den 1920ern nähten viele ihre Binden selbst aus Baumwolle, wuschen sie im Geheimen aus. Wohlhabendere Frauen kauften die ersten Wegwerfprodukte. Tampons gab es zwar schon in den 1930ern, aber der Gedanke, sich „etwas einzuführen“, war für viele unvorstellbar. Dementsprechend war man früher während der Periode meist krank und blieb zuhause. Arbeiten, Sport, Schwimmen – das alles wurde für Mädchen und Frauen mit starker Periode erst mit der Schambefreiung von Tampons in den 50ern möglich.

In der Werbung wurde Menstruation jahrzehntelang verfremdet: Statt rotem Blut benutzten die Unternehmen blaue Flüssigkeit – ein Symbol der Reinheit, die das Thema möglichst körperlos halten sollte. In Filmen war es stets normal blutige Szenen zu sehen, aber Periodenblut galt weiterhin als verpönt. Erst 2016 traute sich eine britische Marke zum ersten Mal weltweit, rotes Blut zu zeigen.
Heute gibt es eine kaum überschaubare Auswahl: Menstruationstassen – das sind wiederverwendbare Silikonformen, die sich gefaltet einsetzen lassen; Periodenunterwäsche – ihre modernen Textilschichten ermöglichen Trockenheit und Wiederverwendbarkeit; biologische Baumwolltampons statt behandelter Watte; und Apps, die Zyklusbeschwerden tracken. Trotz all dieser Fortschritte gilt: Die Technologie hat sich schneller weiterentwickelt als das gesellschaftliche Sprechen über die Periode.
Stigmatisiert und unterschätzt: Menstruationsblut

Das alte Stigma der „Unreinheit“ hält sich hartnäckig. In vielen Kulturen dürfen menstruierende Personen nicht kochen, nicht in Tempel gehen, nicht schwimmen, nicht einmal dieselben Betten benutzen wie nicht-menstruierende. Der Gedanke, Menstruationsblut sei eklig oder gefährlich, ist kein Randphänomen, sondern global verbreitet. Dieser Mythos hält sich seit der Antike und wurde 1919 vom Wiener Arzt Béla Schick weiter geschürt. Er beobachtete, dass seine menstruierende Haushälterin Rosen in eine Vase stellte und diese schnell verwelkten, was er auf ihre Periode zurückführte. Seine Forschung wurde zwar widerlegt, Periodenblut ist völlig harmlos, das Bild blieb jedoch.
Moderne Forschung zeigt: Menstruationsblut ist medizinisch ausgesprochen interessant. Es enthält Stammzellen, die sich schnell vermehren, sowie Immunzellen mit besonderen regenerativen Eigenschaften. Einige Forschungsgruppen untersuchen Menstruationsblut sogar als potenzielle Quelle für regenerative Therapien – also das genaue Gegenteil des alten Vorurteils.
„Schmerzen müssen in der Regel nicht sein“ – aber Millionen haben sie
Das größte Problem bleibt die Normalisierung von Schmerzen. Viele menstruierende Menschen berichten Monat für Monat von Übelkeit, Krämpfen, Rückenschmerzen oder Kreislaufproblemen – und gehen trotzdem zur Schule, zur Arbeit, ins Training.

Doch Schmerzen und vor allem starke Schmerzen sind nicht normal. Krankheiten wie Endometriose, Adenomyose oder hormonelle Dysbalancen sind weit verbreitet. Endometriose betrifft weltweit rund zehn bis 15 Prozent aller menstruierenden Personen – etwa 190 Millionen Menschen. Damit ist sie eine der häufigsten gynäkologischen Erkrankungen. Trotzdem dauert es oft sieben bis zehn Jahre, bis Betroffene eine Diagnose erhalten. Endometriose ist eine chronische und schmerzhafte Erkrankung, bei der die Gebärmutterschleimhaut an anderen Stellen im Körper auftritt. Jedoch ist sie bisher wenig erforscht, weshalb es nur Vermutungen zu möglichen Ursachen gibt. So ist eine familiäre Häufung der Erkrankung aufgefallen, die auf eine genetische Komponente hinweist. Eine Heilung gibt es bislang nicht; die Beschwerden lassen sich nur lindern und der Verlauf kontrollieren.
Je weniger über Menstruation gesprochen wird, desto länger bleibt Leiden unsichtbar.
Oma, Mama, Freundin: Was wir sie nie fragen
Wie viel offener wäre die Welt, wenn jede Person einmal ihre Mutter, Oma, Schwester, Partnerin oder Freundinnen fragen würde: Wie geht es dir eigentlich mit deiner Periode?
Die Antworten wären vermutlich vielfältig:
- Die Großmutter erzählt vom Auskochen der Stoffbinden oder vielleicht sogar von der Entfernung ihrer Gebärmutter nach der letzten Geburt.
- Die Mutter vom ersten Tampon oder von den schlimmen Periodenkrämpfen bis zum Übergeben.
- Die Freundin von PMS (Prämenstruelles Syndrom – Unwohlsein vor der Periode), App-Tracking oder Periodenunterwäsche.
Ein Gespräch verändert kein Hormonsystem – aber es verändert, wie wir miteinander leben. Wisst ihr über diesen Teil eurer Familie und Freunde Bescheid?
Ein Jahrhundert später: Wissen, reden, enttabuisieren
Die menstruierende Hälfte der Weltbevölkerung trägt Monat für Monat körperliche Lasten, aber auch gesellschaftliche. Ein Jahrhundert nach den „goldenen Zwanzigern“ haben wir die Produkte modernisiert – aber die Kultur nur halb erneuert.
Die nächsten 100 Jahre könnten anders sein: wissenschaftlich informierter, politisch engagierter, sozial offener. Die Periode ist kein privates Geheimnis, sondern ein kollektives Thema. Je besser wir verstehen, desto gerechter leben wir.
Vielleicht beginnt der Fortschritt nicht mit einer neuen Tasse oder einer besseren App, sondern mit einem Satz, der so einfach ist wie revolutionär:
„Wie geht’s dir eigentlich damit?“