Eigentlich könnte es ganz doch einfach sein, wenn die AHS-Oberstufe vor dem Aufbruch in die Zukunft ihre Altlasten zurücklässt: Weg (natürlich nicht ganz) mit Latein oder der zweiten lebenden Fremdsprache, her mit KI und Demokratiebildung. Einmalig, einfach, effizient. Wenn es da nicht ein paar winzige Probleme gäbe… Aber davon lässt sich eine echte Reformregierung natürlich nicht aufhalten. Per aspera ad astra, richtig?
Die Faktenlage
Bildungsminister Christoph Wiederkehr hat für April 2026 die neuen AHS-Lehrpläne angekündigt: Lehrpläne, die auch KI und „Medien und Demokratiebildung“ enthalten sollen. Diese sollen aber nicht als fächerübergreifende Materien in bestehende Fächer integriert werden, sondern als eigene Gegenstände, für die vier Stunden Latein am Gymnasium beziehungsweise an den Realgymnasien zwei Stunden einer lebenden Fremdsprache gestrichen werden sollen. Schließlich könnten den Schüler:innen nicht immer mehr Fächer aufgebürdet werden. Wiederkehrs Betonung lag dabei klar auf dem toten Latein, nicht den quietschlebendigen Fremdsprachen – selbstverständlich kein pinker Populismus. Wo denken Sie hin?
Alia iacta est?
Blöd nur, dass ausgerechnet Latein eine sehr energische Fürsprache genießt. Sogar an vorderster Front knirscht es, spätestens seit der „Arbeitsverweigerung“ der Latein-Gruppe, die eben diese neuen Lehrpläne ausarbeiten sollte. Aber ausgerechnet die hat jetzt einstimmig hingeschmissen. Die Begründung: Der Zeitrahmen sei zu knapp und gefährde die europäische Vergleichbarkeit und die Reputation Österreichs als Bildungsstandort.
Um genau diesen geht es auch der Petition „Latein ist kein Luxus – es ist Bildung“, unterstützt mit bereits über 41.100 Stimmen, unter anderem von den Nobelpreisträger:innen Elfriede Jelinek und Anton Zeilinger sowie zahlreichen weiteren prominenten Persönlichkeiten aus der österreichischen Wissenschafts-, Kunst- und Kulturszene. Für sie leistet humanistische Bildung, bestehend wesentlich auch aus Latein- und Literaturunterricht, dessen Rückbau im selben Atemzug kritisiert wird, einen unverzichtbaren Beitrag zur Ausbildung mündiger, selbst denkender Staatsbürger:innen. Acht Stunden würden zur seriösen Aneignung schlicht nicht ausreichen. Wobei acht Stunden wohlgemerkt zum Beispiel zwei Wochenstunden über vier Jahre Oberstufe bedeuten würden, nicht acht Wochenstunden.
Non vitae sed scuolae discimus?
KI ist viel wichtiger als Fremdsprachen, übersetzen kann sie sie zum Beispiel längst. Demokratiebildung wird demokratiebewusste Bürger:innen heranbilden, und wer übersetzt schon Cicero im „echten Leben“?
Sicher? Vielleicht besteht zukunftssichere Bildung doch aus mehr als dem Vermitteln am Arbeitsmarkt direkt gefragter Kompetenzen. Vor diesem Hintergrund könnte auch etwas dran sein an dem, was zahlreichen Unterzeichner:innen der Petition zwischen den Zeilen orten: Eine grassiere Nützlichkeitsepidemie im Bildungssystem. Dieser drohen übertragbare Fähigkeiten zum Opfer zu fallen, wie interkulturelles Verständnis, Wissen um historische und heute noch erschreckend ähnliche Propaganda, Jahrtausende alte, aber immer noch kaum anders klingende Vorurteile und zeitlose literarische Motive. Ganz abgesehen davon, dass das Überbordwerfen von antikem Wissen historisch gesehen auch eher selten zu einer fortschrittlicheren Gesellschaft beigetragen hat. So war es schließlich das (bewusste) Vergessen der griechischen und römischen Literatur und damit verbundener Erkenntnisse, dass den wissenschaftlichen und kulturellen Verfall Europas am Übergang zum Mittelalter wesentlich ausgelöst hat. Andererseits waren Jahrhunderte später Sophie Scholl und die „Weiße Rose“ in ihrem Weltbild und ihren Flugblätter stark von der Übersetzung antiker Quellen und dem daraus gezogenen humanistischen Weltbild geprägt. Wobei gerade dieses Beispiel zeigt, wie die Fähigkeit zum selbständigen Verständnis antiker Texte, in einer Zeit, in der sie gleichzeitig für Propaganda missbraucht wurden, essenziell war. Und es sind Momente der Geschichte wie diese, die hinter abstrakten Begriffen wie „geistige Grundlage Europas“ oder „humanistische Grundbildung“ stehen, und die uns auch in Zeiten weniger unmittelbar zivilisations- und menschlichkeitsgefährdender Bedrohungslagen in Europa innehalten lassen sollten, bevor wir reformieren.
Ende offen
Aber zurück in die Gegenwart, wo besagte Bildungsreform noch ganz am Anfang steht und Österreich damit ein bildungspolitisch turbulenter Frühling mit einigen Zukunftsentscheidungen erwartet. Frei nach dem Motto „Quo vadat?“ – „Wohin soll es gehen?“ Ach, und Totgesagte, die leben bekanntlich länger.