Ist jung sein heutzutage beschissen?

von Jonas Krabichler
Lesezeit: 3 min
Wir sind in den 2020ern in unseren Zwanzigern. Zwei überspitzte Perspektiven auf die Erfahrungen einer Generation.

Jung, pleite, in Panik

von Jonas Krabichler

Schon seit Anbeginn der Zeit regen sich ältere Generationen über die jungen Menschen auf, häufig wurden junge Menschen als besonders faul dargestellt. Heute ist das nicht anders. Durch Technik ist das Leben zwar komfortabel geworden, aber auf keinen Fall ein Zuckerschlecken. Denn ein Dach über dem Kopf ist unumgänglich. Dieses Dach bittet junge Menschen jedoch immer mehr an die Kassa. Viele junge Erwachsene haben den Traum, unabhängig zu sein und eigenständig zu wohnen. Exorbitante Mietpreise zerschmettern diesen Traum oft sofort bei der ersten Google-Suche von „Wohnungen in meiner Nähe“. Dann halt lieber doch Hotel Mama.

Sollte man es doch wagen, aus dem Hotel Mama auszuchecken und ein Studium anzustreben, sieht man sich nach Abschluss mit einem neuen Problem konfrontiert – dem Arbeitsmarkt. Mittlerweile ist es schon ein Erfolg, wenn eine Absage im Posteingang eintrifft, denn oft muss man sich mit Funkstille zufriedengeben. Schafft man es sogar, früher oder später in die Arbeitswelt einzutauchen, schwebt das Damoklesschwert der KI ständig über der eigenen Tätigkeit. Besonders Büroberufe können leicht ersetzt werden. Damit ist die berufliche Perspektive vieler junger Menschen ungewiss. Dazu kommt die prekäre Weltlage: Überall gibt es Konflikte, die Kriege in der Ukraine und in Gaza scheinen nicht enden zu wollen. Und das alles wird von Algorithmen täglich ins Rampenlicht gestellt. Genau die gleichen Algorithmen führen sogar dazu, dass unsere Gehirne nur mehr Informationen in Intervallen von 30 Sekunden (am besten weniger) aufnehmen können. All dies führt zu einer deutlich größeren Präsenz von psychischen Erkrankungen, auch die Covid-19-Pandemie spielt eine Rolle. Damit lässt sich sagen, dass das Aufwachsen zwar komfortabler geworden ist, viele andere Faktoren machen das Jungsein aber definitiv nicht zum Luxus, den so mancher sieht.


Jung, digital, gutaussehend

von Katharina Isser

Jung sein ist geil. „Noch immer?“, ruft jemand aus dem Publikum und murmelt, plötzlich schüchtern geworden, hinter seinem Performative-Male-Schnauzer irgendetwas von Klimakrise, Lebenserhaltungskosten und stetig sinkenden Zahlen an sexueller Aktivität, was ich aber nicht so genau verstehe, weil ich mir seit Jahren mit geräuschunterdrückenden In-Ear-Kopfhörern die Haarsinneszellen im Innenohr weg fetze. „Gerade jetzt!“, antworte ich, Pressesprecherin der letzten Hoffnungsvollen. Hört mein Plädoyer.

Ich bin 2025 eine Frau Mitte zwanzig. Vor 50 Jahren wäre ich vermutlich schon verheiratet gewesen, vor 100 bereits bei der Entbindung meines dritten Kindes verstorben. Im Vergleich dazu bin ich richtig frei. Vielleicht gibt es ein paar große Krisen, aber wann gab es die denn nicht? Meine Eltern lagen im Kalten Krieg wach aus Angst vor der Atombombe, meine Großeltern wurden in eine Diktatur geboren. Da lob ich mir die Gegenwart.

Noch nie hatte eine Generation so viel Spaß wie wir! Das Studium ist geschenkt, seit ChatGPT unsere Pflichtlektüre zusammenfasst und unsere Arbeiten schreibt. Die gewonnene Zeit verbringe ich auf Netflix/Prime/Disney+/Hulu/Mubi/Tubu/Poopy und kann, wenn’s fad ist, dank autogenerierter Untertitel sogar ein bisserl durch stummgeschaltete Reels scrollen, ohne Dialog im Film zu verpassen. Sofort nach dem Abspann kommt die eigentliche Viewing-Experience: Edits vom Hauptcharakter auf TikTok anschauen („a man, a man, a ma-a-a-an“). Repost!

Manchmal wage ich mich Freitag abends auch ins echte Leben. Dann fällt mir ein, dass mir jedes meiner Hinge-Matches „in the wild“ begegnen könnte, und ich lege ich noch einmal eine Extra-Schicht Makeup auf, vorbeugend gegen etwaige „Catfish-Allegations“. (Am Ende verliere ich sonst einen loyalen Story-Liker…) Zum Glück sind die Clubs aber eh leer. Und ich bin auch dankbar, dass die Spritzer sechs Euro kosten. Denn laut wissenschaftlichen Studien, über die Journalisten Artikel schreiben, die sie in Instagram-Posts verwandeln, deren Schlagzeile ich dann lese, gibt es eh keine unbedenklichen Mengen Alkohol. Die Gen Z trinkt weniger als vorherige Generationen, bestätigt Time Magazine. Wir wissen eben, wie man sich verantwortungsvoll vergnügt.

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