Die ungebremste Enthusiastin
von Anna Stotter
2026: Das wird mein Jahr werden! Ich spüre es, jetzt brechen richtig produktive Zeiten an. Ich bin so was von bereit, all in zu gehen. Früh aufstehen, ha, das wird meine ganze Persönlichkeit sein im neuen Jahr. Um sechs Uhr oder besser noch um vier Uhr morgens (die Ashton-Hall-Motivation-Shorts kicken rein). Und das ist erst der Anfang, wenn ich mir meine neue, super produktive Morgen-Routine (10 Steps absolutes Minimum) ausmale, wird mir schon ganz schlecht (vor Aufregung, versteht sich!).
Gut, vielleicht, ganz vielleicht verkrampfe ich innerlich beim Gedanken, eiskalt zu duschen (näher an Eisbaden komme ich logistisch leider nicht heran). Eigentlich bin ich am Kaltduschen auch schon einmal gescheitert. (Zumindest meine Zehen haben ein paar Tage durchgezogen.) Das wird also doch wieder gestrichen. Aber von so ein paar klitzekleinen Anfangsschwierigkeiten lässt sich ein echter Neujahrs-Junkie doch nicht aus dem Konzept bringen: Früh aufstehen kommt fix auf die Liste!
Und morgens hört der Tag zum Glück nicht auf. Die Uni wird in den nächsten Monaten so richtig durchgezogen: strukturiertes Lernen (fast) jeden Tag! Wenn ich mir den perfekt aufgeräumten Schreibtisch samt farblich sortierter Marker und handgeschriebener To-Do-Listen für jede Sekunde meines Tages so vorstelle, kann ich die Produktivität à la Paris Geller schon richtig fühlen. Sämtliches lustloses Scrollen am selben Schreibtisch letztes Jahr? Sowas von vorbei. Zeit für ein Academic Comeback!
New year, new me. Sagt mein neues Vision Board schließlich auch. In Großbuchstaben, mitten am Board angebracht. Und das funktioniert bestimmt, ich schwöre! Vor ein paar Jahren im Sommer habe ich schließlich auch mal mit Joggen angefangen. Einen Halbmarathon laufen, das wär‘s. Wobei, warum klein anfangen? Warum nicht gleich einen ganzen? Vor meinem inneren Auge sehe ich mich schon strahlend über die Ziellinie hechten (oder humpeln). Ich höre auch schon förmlich David Goggins „They don’t know me, son“ in meinem Ohr. Habe ich bereits erwähnt, wie motiviert ich bin?
Irgendwas fehlt aber noch. Ich weiß! Etwas, das mir auch tatsächlich Spaß macht und nicht nur nach extrem viel Arbeit oder einem echten Albtraum klingt. Lachen, LEBEN! Das kommt jetzt auch noch auf die Liste mit Neujahrsvorsätzen. Perfekt, fertig: 2026 kann kommen.
Die intellektuell Überlegene
von Katharina Stotter
Silvester, das heißt Highlight Reels aus 2025, Vision Board Reviews und Accomplishment Cakes. Und selbstverständlich freue ich mich für alle, die ihre Ziele im vergangenen Jahr erreicht haben. Selbstverständlich. Über Gefühlen wie Neid stehe ich schließlich drüber. Milliardär:in werden, Millionen an Follower:innen bekommen und um die halbe Welt reisen mit 20, alles machbar und nur eine Frage der Vorsätze, oder? Trigger-Warnung: Ignoranz in Reinkultur. Als nächstes kommt dann noch das Argument, dass ohnehin alle dieselben 24 Stunden hätten und Privilegien nur Einbildung wären.
Vom Leinöl auf leeren Magen (und nicht nur davon) kommt mir die Galle hoch, außerdem bin ich mir um vier Uhr früh nicht einmal sicher, wie ich heiße. Und bin ich eigentlich die Einzige, die den Verdacht hat, dass Guided-Meditation-Videos Brainwashing sind? Oder schlicht absurd (wir wollen es schließlich nicht gleich übertreiben). Apropos absurd, um Geld zu machen, muss man es sicher erst ausgeben, logisch. Also wird jetzt rundherum kräftig investiert: In die Zukunft, das heißt in heillos überteuerte gluten-, zucker- und geschmackfreie Riegel mit unglaublichen acht Prozent Protein; zusammenpassende Workout-Sets, die ansonsten höchstens dem KI-Model gepasst haben; und Finanzbücher, dank denen das Wohnzimmerregal jetzt gebildeter ist als die Personen, die davor sitzen. Das laut zu sagen? Schlechte Idee, am Ende hieße es noch, ich hätte nur Komplexe.
Ich übertreibe und suche Ausreden für mein Scheitern? Unsinn! Ein wenig Arroganz hat noch niemandem geschadet, intellektuelle Überlegenheit ist in diesen Tagen mein zweiter Vorname, und von Vorsätzen habe ich die Schnauze voll! Ich bin ein Mensch, kein Vision Board! Und dieser Mensch bewegt sich jetzt zurück ins Bett und steht erst wieder für ein essbares Frühstück auf.
Ein paar Stunden später und nach einer extra Runde Schlaf bin ich dann schon deutlich milder gestimmt. So milde, dass ich sogar die Neujahrsvorsätze von anderen schlucke – geht auch vorbei. Dafür habe ich das erste Achievement für den Achievement Cake, und das schon am ersten Tag des Jahres: Neujahr überlebt.