Angst, Machtlosigkeit, Verzweiflung: Was tun gegen politische Überforderung?

von Marie Eisele
Lesezeit: 6 min
Rechtsruck, Klimawandel, Kriege: Die Welt scheint im Dauerkrisenmodus. Viele fühlen sich angesichts der ständigen Schreckensmeldungen überfordert und ohnmächtig. Was dagegen helfen kann.

Jeden Tag wird es schlimmer, wie es scheint: Wer im Moment die Nachrichten verfolgt, bekommt leicht das Gefühl, das Geschehen auf der Welt erreiche Tag für Tag einen neuen Tiefpunkt. Die politische Weltlage lässt einen sprachlos zurück. Kein Wunder, dass so viele sich hilflos und überfordert fühlen.

Bin ich überfordert?

Fühlst du dich traurig und antriebslos angesichts politischer Ereignisse? Oder bist du oft gereizt und wirst schnell wütend? Wirkt die Situation der Welt für dich aussichtslos und die aktuellen Krisen unüberwindbar?

Das sind typische Symptome von Überforderung:  Probleme und Aufgaben scheinen viel zu groß und unlösbar. An der politischen Situation kann man schnell mal verzweifeln. Auch Stimmungsschwankungen oder Reizbarkeit könnten darauf hindeuten, dass dich etwas überfordert. Pessimismus und Apathie hängen ebenfalls häufig damit zusammen.

Tatsächlich fühlt sich die Entwicklung der Weltpolitik nicht nur unlösbar an, sie ist es für den Einzelnen faktisch auch. Ist man nicht gerade Politiker, gibt es kaum Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen. Schon gar nicht auf die Weltlage. Auch wenn es Optionen gibt, sich im kleineren Rahmen zu engagieren, ist man aufs große Ganze gesehen sehr machtlos. Das kann einen ganz schön fertig machen.

Ob es angesichts der politischen Lage auch bei dir zu diesen Gefühlen kommt, ist erst einmal Typsache. Wer sich gar nicht für Politik interessiert, wird sich auch jetzt nicht verzweifelt die Haare raufen. Jedoch wird es Menschen, die immer auf dem neuesten Stand bleiben wollen und mehrmals täglich Nachrichten konsumieren, schwerer fallen, damit klarzukommen. Auch reagieren manche Menschen sensibler als andere auf Nachrichten, die sie nicht unmittelbar selbst betreffen. Das hängt unter anderem mit Empathie zusammen.

In der Doomscrolling-Spirale

Wer immer und überall Nachrichten liest, fühlt sich schnell überfordert (Bild: unsplash/Fujiphilm)

Ein hierzu passendes Phänomen, das in den letzten Jahren immer mehr in den Blick gerückt ist: Das sogenannte Doomscrolling. Der Begriff bezeichnet das exzessive Konsumieren negativer Nachrichten im Internet, meist über längere Zeit am Stück. Besonders fies: Je mehr negative Nachrichten du dir anschaust, desto mehr schlägt dir der Algorithmus vor. Aus der Doom-Spirale wieder rauszukommen, ist gar nicht so einfach. Und auch die wenigen Menschen, die noch nie im Doomscrolling versunken sind, werden ständig mit Nachrichten konfrontiert: auf dem Bildschirm in der Tram, auf der Startseite von Suchmaschinen, auf jeder Social-Media-Plattform.

Steckt man einmal in der Überforderung fest, ist es schwer, wieder rauszukommen. Denn die Widerstandsfähigkeit ist kleiner als sonst, man reagiert viel stärker auf schlechte Nachrichten als normalerweise.Negative Gedanken und Überforderung nehmen noch mehr zu. Ein Teufelskreis. 

Reden, handeln, entspannen: 5 Tipps gegen Überforderung

  1. Austausch mit anderen

Hand in Hand mit der Überforderung gehen häufig der Rückzug und die Vermeidung. Überforderte sprechen kaum über ihre Probleme. Das kennen wohl viele Menschen, die von Arbeit oder Studium überfordert sind, es kann aber auch bei politischer Überforderung vorkommen. Betroffene könnten beispielsweise versuchen, sich einfach nicht mehr für Politik und das Weltgeschehen zu interessieren und sich von Menschen zurückzuziehen, mit denen sie sich darüber austauschen. 

Bei Überforderung ist das kein guter Ansatz. Die erzwungene Gleichgültigkeit ignoriert das Problem, ohne es zu lösen. Besser ist es, mit Freunden oder Familienmitgliedern über das politische Geschehen und die eigenen Gefühle zu sprechen. Ob Deep Talk oder Diskussion – sich jemandem zu öffnen, nimmt einen Teil der Last von den eigenen Schultern. Und nebenbei: Sich gemeinsam über die gleiche Sache aufzuregen, macht auch Spaß! 

  1.       Zeit für Hobbys und Entspannung 

Im Unistress kann es oft schwierig sein, sich Zeit für Dinge zu nehmen, die einem Spaß machen. Wer hat sich noch nie vorgenommen, die letzten Tage bis zum Klausurtermin 24/7 zu lernen und nichts anderes mehr zu machen? Gerade hier ist Ausgleich aber wichtig. Sei es skifahren, lesen, kicken oder stricken – alle paar Tage sollte man den Kopf ein wenig frei kriegen, damit der Stress nicht die Überhand gewinnt. Wer schon gestresst ist, dem schlagen nämlich auch schlechte Nachrichten viel eher auf den Magen. 

In diesem Kontext auch wichtig: aktives Chillen statt Prokrastination. Am besten, man behandelt seine Chill-Zeiten wie einen Punkt auf der To-Do-Liste. Dann fühlt man sich nicht schuldig dafür. Und wenn man es sich wirklich auf die Liste schreibt, gibt das Abhaken danach zusätzlich Dopamin! 

  1.       Weniger und bewusster Nachrichtenkonsum

Weniger Nachrichten verfolgen – das ist einfacher gesagt als getan. Wie soll man Nachrichten aus dem Weg gehen, wenn sie einem vor allem im Internet immer und überall begegnen? Hier kann es helfen, sich ein- bis zweimal am Tag aktiv mit den Nachrichten zu beschäftigen, beispielsweise morgens beim Frühstück Zeitung zu lesen und abends eine Nachrichtensendung zu gucken oder einen Podcast zu hören.

Auch seine Zeit auf Social Media einzuschränken, kann sehr hilfreich sein. Bei jungen Menschen unter 25 sind TikTok, Instagram und Co die wichtigste Nachrichtenquelle. Die Besonderheit: Aufgrund des Plattformformats ist es kaum möglich, Nachrichten vollumfänglich darzustellen. In TikToks oder Instagram-Reels werden oft nur Ausschnitte oder stark zusammengefasste Inhalte gezeigt. Und: Kurzvideos verleiten dazu, stundenlang immer weiter zu scrollen. Hört man endlich auf, bereut man oft die verlorene Zeit und hat gleichzeitig das Gefühl, dass alles auf der Welt noch viel schlimmer ist, als man vorher dachte. Besser, man sieht sich auf Social Media nur kurz Ausschnitte an und informiert sich bei seriösen Quellen. Leider ist es gar nicht so leicht, TikTok und Co hinter sich zu lassen – schließlich sind die Plattformen darauf ausgelegt, dich so lange wie möglich in der App zu halten.

  1.       Aktiv werden 

Zur Überforderung gesellt sich nicht selten ein Ohnmachtsgefühl. Mehr als wählen scheint man nicht tun zu können, um etwas zu verändern. Und selbst da stellt sich die Frage, was die eigene Stimme für einen Unterschied macht, unter Millionen von anderen. Doch es gibt Möglichkeiten, stärker am politischen Geschehen teilzunehmen. Man kann Petitionen unterschreiben, bei Demos mitlaufen oder sich in politischen Organisationen engagieren. Im Moment gibt es in Österreich und auch Deutschland besonders viele große Demonstrationen gegen rechts. In Innsbruck finden außerdem immer wieder Radldemos auf der Inntalautobahn statt. Wem das zu viel ist, der kann mit seiner Oma am Küchentisch einfach mal auf Augenhöhe über Politik reden. Das Ziel ist, etwas zu tun. Wer aktiv ist, fühlt sich nicht mehr so hilflos ausgeliefert. Gleichzeitig kann man sich mit Menschen austauschen, die sich ähnlich machtlos fühlen, wie man selbst, aber vielleicht Wege gefunden haben, damit umzugehen.

Demonstrieren kann gegen Hilflosigkeit angesichts der politischen Lage helfen. (Bild: unsplash/Duncan Shaffer)

  1. Sich Hilfe suchen

Bringt das alles nichts? Und auch mit der Zeit verschwindet die Überforderung nicht, sondern wird zu einem Dauerzustand? Dann gibt es gerade für Studierende viele Angebote, um professionelle Hilfe zu erhalten. Informieren kannst du dich auf der Website der Universität Innsbruck, wo du gleich eine Liste von Ersthelfenden sowie den Kontakt der psychologischen Studierendenberatung und weiterer Anlaufstellen findest.

Wer 21 oder jünger ist, kann sich außerdem bei „Gesund aus der Krise“ anmelden. Mit dem Projekt werden Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene dabei unterstützt, die aktuellen Krisen zu bewältigen. Wen die politische Lage mitnimmt, der ist hier genau richtig. Angeboten werden fünfzehn kostenfreie Stunden psychosozialer Unterstützung und Beratung. Wichtig: Du musst keine österreichische Staatsbürgerschaft besitzen, um dich anzumelden, nur einen Wohnsitz in Österreich. 





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