Meister im Rückzug
von Hannah Mayer
Uns umgeben viele Vorurteile: Die einen halten uns für spießig, die anderen für verklemmt. Immer heißt es, wir seien zu still. Dabei sind wir nur introvertiert. Und Ruhe – am besten viel davon – ist genau das, was wir brauchen, um Kraft zu tanken.
Zugegeben, manchmal brauchen wir auch soziale Interaktion. Aber wenn, dann bitte nur für kurze Zeit. Und am liebsten nur zu zweit. Alles andere ist Stress pur. Wie hält der Extrovertierte das nur aus? Und wenn das Treffen länger als 30 Minuten dauert oder mehr als vier Leute dabei sind, droht die soziale Batterie in den roten Bereich zu rutschen. Dann hilft nur noch die 72-Stunden-Isolation.
Zu viel Kontakt mit Menschen ist einfach anstrengend. Manchmal träume ich von einem Kurzurlaub auf einer einsamen Insel und Noise-Cancelling-Kopfhörern. Oder von einer Einsiedlerhütte. Wie oft habe ich mich schon stundenlang in meinem Zimmer verkrochen, in irgendein Hobby vertieft, ohne mich einsam zu fühlen? Ganz ehrlich, ich würde zehnmal lieber einen Self-Care-Abend in Ruhe zu Hause planen, als meinen Samstagabend irgendwo auswärts zu verbringen. Da sind ja viel zu viele andere Leute unterwegs… und am Ende müsste ich mich dann auch noch mit denen unterhalten. Gruselig.
Vor Situationen, in denen ich Small Talk machen muss, würde ich am liebsten weglaufen. Wenn ich kann, gehe ich solchen Situationen sogar aktiv aus dem Weg. Hast du schon mal in der Wohnung gewartet, bis der Nachbar nicht mehr im Flur herumsteht? Nein? Ich schon. Dabei hatte ich eigentlich einen wichtigen Termin. Mein Herz raste schon bei der bildlichen Vorstellung, wie ich mich beim Doktor für meine Verspätung entschuldigen sollte. Ich hätte mir danach übrigens aus Scham fast einen neuen Arzt gesucht – bis ich gecheckt habe, dass ich dafür ein Telefonat führen müsste…
Ich bin zwar nicht gut im Socializing, aber ich habe andere Stärken: Wäre People Watching eine olympische Disziplin, hätte ich längst Gold für mein Land geholt. Während die Extrovertierten damit beschäftigt sind, einen ganzen Raum zu unterhalten, sitze ich die meiste Zeit still da und nehme die Details wahr, die den Extrovertierten durch die Lappen gehen. An meinen Namen erinnert sich am Ende des Abends dafür natürlich niemand mehr. Für die anderen bin ich so etwas wie ein Geist. Kein Wunder, dass ich Expertin im Ghosting bin. Die aktuelle Wartezeit auf eine Antwort von mir auf Whatsapp beträgt ca. 3-4 Werktage… oder Monate. Sorry an meine Freunde. Also die zwei, die ich habe.
Hat zwar keiner gefragt, aber ich sag’s trotzdem
von Anna Mayr
Hallo zusammen, alles klar? Sorry für die Verspätung, ich hab grad so viel um die Ohren, aber jetzt hab ich’s ja geschafft. Worüber redet ihr gerade? Ah ja, Extrovertiertheit? Da kann ich auch was beitragen.
Manche sagen, wir als Extrovertierte sind zu viel und zu laut. Ich sage: Lieber zu viel und zu laut als allein zuhause. Wir sind nur einmal jung. Wir wollen raus in die Welt und alles sehen und alles erleben. Der erste Unitag in einer fremden Stadt? Gruppenurlaub in Kroatien? Eine Party, auf der man niemanden kennt? Genau das brauchen wir, um uns richtig lebendig zu fühlen.
Im Small-Talk sind wir Profis. Wie praktisch es doch ist, sich immer wieder auf bestimmte Themen stürzen zu können. In Innsbruck scheint echt immer die Sonne! Der Blick auf die Nordkette ist soo schön! Endlich Semesterferien, wie liefen deine Klausuren? Und wenn es keine Themen mehr gibt, haben wir immer noch unsere Königsdisziplin: Oversharing. Einmal alles ungefiltert aus dem Leben brabbeln; es hat zwar niemand gefragt, aber Hauptsache kein unangenehmes Schweigen. Natürlich besteht die Gefahr, das später zu bereuen, aber darüber denken wir nicht nach.
Und ganz egal ob neue Nachbarn im Treppenhaus, neue Gesichter auf der Arbeit oder neue Mitglieder in der Unizeitung: Natürlich warten wir keine Sekunde, um uns vorzustellen. Sollen sich doch alle wohlfühlen! Und ja, wir merken uns auch direkt eure Namen – oder verwechseln sie charmant für die nächsten zwei Wochen. Big sorry nochmal Klara, äh Sarah.
Zugegeben, manchmal sind wir auch gern allein, aber bitte nur beim Spazieren mit Podcast auf den Ohren. Stille ist auch cool, am Ende vom Yogakurs zum Beispiel.
Ah ja, und ich muss euch unbedingt noch von meinem Wochenende erzählen, Skifahren war so. geil. Und was ich auch noch sagen wollte: Eigentlich war am Abend bisschen chillen geplant, aber jetzt schmeiße ich doch spontan eine Party. Ihr kommt doch auch, oder?