
„Verdammt, wir sind viel zu spät! – Na und? Das hat eh alles keinen Sinn mehr, und außerdem ist es alles deine Schuld!“ 17:54 Uhr, wir stehen im MCI und zischen uns wütend an. In der SoWi Aula findet derweilen seit einer knappen Stunde der Vortrag „Unternehmerische Chancen des Klimawandels in Zeiten des Trump‘schen Chaos“, für den wir viel zu spät dran sind, statt. Langsam zahlt sich das Kommen gar nicht mehr aus, weil der Vortrag um 18:30 Uhr endet. „Entschuldigung, Sie wissen nicht zufällig, wo die SoWi Aula ist?“ Ein letzter Versuch, bevor wir das Handtuch werfen – und dieses Mal haben wir Glück. Die Studentin bringt uns sogar freundlicherweise direkt dorthin ins Nachbargebäude. Durch die Glasfront sieht man den Schriftzug SoWi Aula auf der Tür, die Lösung unseres Problems war also die ganze Zeit da, keine hundert Meter entfernt, typisch. Aber egal, besser spät als nie, also ziehen wir vorsichtig die Tür auf und schlüpfen in den halb gefüllten Saal.
Die Menschheit hat kollektiv versagt
Warum wir das alles erzählen? Weil es eine gute Metapher für den Umgang mit der Klimakrise ist. Wir sind nicht zum Spaß hier, sondern weil wir wenigstens irgendetwas tun müssen, während das 1,5-Grad-Ziel unweigerlich unter- und auf der COP 30 in Belém nichts weitergeht.
Nicht einmal eine Woche ist es her, dass der Präsident der Vereinten Nationen, António Guterres, offiziell verkündet hat, dass das 1,5-Grad-Ziel nicht mehr zu erreichen ist. Eine Entwicklung, die sich lange abgezeichnet hat – aber das macht sie nicht weniger schmerzhaft. Die Menschheit hat kollektiv versagt. Wir haben die Hoffnungen unzähliger Menschen, die im Zuge von Fridays4Future und auch schon vorher in diversen Protesten seit den 70ern lautstark auf den Straßen Umweltschutz und Klimagerechtigkeit gefordert haben, enttäuscht. Und wir haben uns letztlich selbst verraten. Zumindest hat es sich in diesem Moment für uns persönlich so angefühlt.

„Die Probleme von heute sind die Lösungen von gestern“
Andererseits ist es auch unmöglich, all die positiven Beispiele und Fortschritte zu ignorieren. Immerhin sitzen wir in einem Panel-Talk im Zuge der schon dritten Nachhaltigkeitswoche der Uni Innsbruck. Und auch in der Mensa gibt es mittlerweile einige wirklich leckere, nachhaltige Angebote. Vielleicht haben wir also gar nicht alle Ambitionen unseres idealistischeren Selbst von damals verloren, vielleicht bewegen wir uns sehr wohl weiter in Richtung einer klimafreundlicheren Zukunft. Und sobald wir unseren Fokus darauf lenken, wird uns irgendwie auch klar, dass wir nicht die einzigen sind: Die ganze Welt setzt kleine, grüne Schritte. Zum Beispiel auf neu entwickelten stromerzeugenden Fliesen, die in US-amerikanischen, brasilianischen und Berline Bahnhofshallen die kinetische Energie der Schritte von Passant:innen in Strom umwandeln. Und auch immer mehr Unternehmen steigen auf erneuerbare Energie um.
Der Haken? Die Kosten. Die sind zweifelsfrei hoch, aber im Vergleich laut Dr. Margreth Keiler, Universitätsprofessorin und Vortragende beim Panel, in Österreich stemmbar. Die jährlich notwendigen Investitionen von 6,4 bis 11,2 Milliarden Euro würden nämlich noch immer unter den jährlichen Ausgaben für die Importe fossiler Energie liegen. Ganz abgesehen davon, dass wir uns nicht nur autonomer und unabhängiger machen würden, sondern im wahrsten Sinn des Wortes in die Zukunft investieren. Eine Zukunft, für die wir aber aktuell noch viel zu wenig tun, und für die Technologie allein auch nicht die Lösung darstellt. Erst recht nicht, wenn wir neue Abhängigkeiten schaffen. „Die Probleme von heute sind die Lösungen von gestern“, so drückt es Dr. Keiler aus. Ein sehr prägnanter Satz, der nachdenklich stimmt.

Noch weniger als zu wenig
Das erste Mal in der Geschichte liegt es in unserer Macht, eine große Klimaveränderung zu beeinflussen. Wir haben das Wissen, wir haben die Lösungen. Aber anstatt auf die zu hören, die sich auskennen – die Wissenschaftler:innen – , und anstatt zu sprinten, wenn es knapp wird, resignieren wir. Wir nehmen eine zynische Gleichgültigkeit ein und akzeptieren sie einfach, diese Nachricht vom verfehlten Pariser Klimaabkommen, die uns schockieren sollte.
Schuld sind sowieso die anderen: Die USA respektive Trump, China als Hauptemittent oder die Generationen vor uns. Es ist doch auch viel einfacher, die Schuld auf andere zu schieben oder gleich ganz zu verdrängen, oder? Nein! Denn diese so komplexe Krise auch uns betrifft, wie wir wieder im SoWi-Vortrag hören, wenn zum Beispiel Innsbruck als Hitze-Hotspot Wien überholen wird.
Überhaupt dürfte es in Österreich unangenehm warm werden, vor allem da wir voraussichtlich nicht bei 1,5 Grad Erwärmung im Vergleich zum präindustriellen Zeitalter, sondern bei 3°C landen. Dabei trifft uns diese Krise, trotz zu erwartender Hitzetoter, vergleichsweise weniger hart als den globalen Süden. Aber eine Erwärmung um 2,7 Grad statt 1,5 Grad würde global nach einer Schätzung des Weltwirtschaftsforums in Davos 2024 3,5 Millionen Todesopfer bis 2050 fordern. Keine Überdramatisierung, sondern ein blanker Fakt. Einer, bei dem die Politik anscheinend nicht zu genau hinschauen möchte. Oder sie sieht im abgeholzten Amazonas trotzdem den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Insofern ist unsere Anwesenheit bei diesem SoWi-Vortrag selbstverständlich höchst symbolisch, denn die Entscheidungen müssten in Belém getroffen werden. Nur dass man dort lieber darüber diskutiert, wie wir mit noch weniger als zu wenig ans Ziel kommen.

Besser spät als nie
Weniger als zu wenig reicht aber nicht! Wir brauchen mehr, auch wenn wir das 1,5-Grad-Ziel verfehlt haben.
Denn spät ist immer noch besser als nie. Sogar wenn man, wie wir, eine Stunde zu spät zu einem eineinhalbstündigen Vortrag auftaucht. Es bringt nichts, sich mit Anschuldigungen zu überbrüllen, sondern es geht darum sich kompetenten Rat einzuholen, und zu handeln. Gerade bei der Klimakrise befinden sich die Lösungen, so wie in unserem Fall die SoWi, direkt vor der eigenen Nase. Wir müssen handeln, ohne langes Zögern, beherzt und gemeinsam. In dem Wissen, dass nur wir die Welt verändern können und das 2019 nicht vergebens war. Uns allen ist bewusst, wie schlecht es um die Erde steht. Es ist an der Zeit, auch die Politik an ihre Visionen aus Paris zu erinnern, mit dem Druck der Straßen, der schon einmal radikale Veränderungen möglich gemacht hat. Es ist Zeit für eine zweite Welle! Wir sind bereit, und Innsbruck ist es auch, oder?
