Deutsch lernen im Duo

von Marie Eisele
Lesezeit: 8 min
Sprache ist der Schlüsselfaktor auf dem Weg zur Integration – und gleichzeitig oft die größte Hürde. Viele Geflüchtete brauchen zusätzliche Unterstützung. Ein neues Projekt der Caritas Tirol vermittelt Freiwillige an Deutschlernende.
An einem Mittwochmittag im Jänner treffen sich Elias Neurauter und Abdul Rahman in der Kulturbackstube. Die beiden jungen Männer sind nicht nur hier, um Kaffee zu trinken – sie sind ein Sprachtandem. Neurauter und Rahman treffen sich einmal die Woche, um zusammen an Rahmans Deutsch zu arbeiten. Das Treffen haben sie über WhatsApp ausgemacht. „Ich schreibe immer Elias, wann ich Zeit habe, und dann treffen wir uns und lernen“, sagt Rahman. Der 25-jährige arbeitet im Schichtdienst und hat deswegen aktuell keine Zeit für einen Deutschkurs. Bisher haben er und der 24-jährige Neurauter sich viermal getroffen. Meist lernen sie mit Rahmans Büchern. Auch Neurauter hat schon Lernunterlagen mitgebracht, die er selbst erstellt hat – mithilfe von künstlicher Intelligenz: „ChatGPT ist dafür sehr nützlich.“

Elias Neurauter (links) und Abdul Rahman (Bild: Ola Frühwirth/Caritas)

Sprachhilfe für Geflüchtete

Dass man ChatGPT auch für die Erstellung von Lernunterlagen nutzen kann, erfuhr der Tiroler bei seiner Kurzausbildung zum Sprachbuddy bei der Caritas Tirol. Das Integrationsprojekt Sprachtandem wurde im Herbst 2024 von Projektkoordinatorin Ola Frühwirth ins Leben gerufen. „Die Idee ist, dass freiwillige Menschen sich im Bereich Integration engagieren und einer Person, die einen Fluchthintergrund hat, dabei helfen, Deutsch zu lernen“, so Frühwirth. Die Freiwilligen bekommen eine Art Mini-Ausbildung, die vier Module umfasst. Es geht um Themen wie Sprachvermittlung und interkulturelle Kompetenzen. Danach folgt das „Matching“, bei dem die Teilnehmenden ihren Sprachbuddy kennenlernen. Frühwirth sucht die Tandems so aus, dass sie möglichst gut zusammenpassen. „Beispielsweise habe ich jetzt eine Deutschlehrerin mit einer Lernenden gematcht, die auch Lehrerin ist.“

Das Sprachtandem-Projekt ersetzt keinen Sprachkurs, sondern ist als Ergänzung gedacht. „Die meisten besuchen einen Deutschkurs, oder haben zumindest mal einen besucht, und brauchen einfach zusätzliche Hilfe und Übung mit Muttersprachlern“, erklärt Frühwirth. Außerdem achtet sie darauf, dass die Freiwilligen sich von Anfang an ohne größere Probleme mit ihrem Tandempartner verständigen können. Jemandem die deutsche Sprache von Grund auf beibringen müssen die Helfer also nicht.

Doch auch die Arbeit mit Fortgeschrittenen kann schwierig sein, selbst für Muttersprachler. Die haben ihre eigene Sprache in vielen Fällen nämlich noch nie so betrachtet, wie ein Lernender es tut. Hier kommt die Kurzausbildung ins Spiel, die dabei helfen soll, „die Freiwilligen zu empowern, sich das zuzutrauen“, wie Frühwirth es ausdrückt.

Dietger Lather (links) und Agasemed Agamov beim Sprachtreffen. (Bild: Marie Eisele)

Auch Dietger Lather und Agasemed Agamov bilden ein Sprachtandem. Jede Woche treffen sie sich bei Lather zu Hause, um gemeinsam Tee zu trinken, zu lernen und sich um praktische Dinge wie Arzttermine oder die Anmeldung im Kindergarten zu kümmern. In seinem Deutschkurs fehlt Agamov hierfür die Flexibilität: „Im Kurs haben wir ein Programm, das wir Schritt für Schritt durchgehen. Es gibt keine Möglichkeit, etwas zu fragen, was mich heute, jetzt interessiert“. Agamov kommt aus dem Kaukasus und wohnte lange in Moskau. Nun ist er seit zwei Jahren in Innsbruck. Sein Ziel ist es, sich selbstständig zu machen, so wie er es schon in Moskau war. Dafür braucht er vor allem eines: sehr gute Deutschkenntnisse.

„Deutsch ist die Grundvoraussetzung, sonst bleibt man immer in prekären Arbeitsverhältnissen“, erklärt sein Tandempartner Dietger Lather. Lather ist pensionierter Soldat und schon seit Jahren ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe aktiv. „Wenn ich mich wirklich für jemanden engagiere, dann will ich sehen, dass da auch eine Bereitschaft da ist, sowohl die Sprache zu lernen als auch eine Ausbildung zu machen und sich tatsächlich zu integrieren“. Lather ist es wichtig, dass die von ihm betreuten Menschen nicht in die Schwarzarbeit abrutschen, um schnell Geld zu verdienen – was gar nicht so einfach ist, da viele vor der Flucht Schulden aufgenommen haben. Um das Ziel einer gelungenen Integration zu erreichen, ist er bereit, die Menschen fünf bis sechs Jahre lang zu begleiten.

Agamovs Deutsch ist durch die Treffen mit Lather schon besser geworden. Trotzdem kann es für ihn frustrierend sein, nur wenig von dem, was er weiß, auch auf Deutsch ausdrücken zu können: „Ich sage nur, was ich mit Worten, die ich kenne, sagen kann.“ Er fügt hinzu: „Ich habe einen sehr armen Wortschatz.“ Lather korrigiert ihn: „Keinen armen Wortschatz, einen kleinen Wortschatz“. Agamov nickt zustimmend.

Auf die Frage hin, was er neuen Sprachtandems empfehlen könne, betont Lather, dass es Verbindlichkeit braucht – von beiden Seiten. „Die entscheidende Frage an Lernende ist: Möchtest du weiter in Österreich leben und dich integrieren?“ Auf Seiten der Freiwilligen hält er ein langfristiges Engagement für das Sinnvollste, insofern man sich mit seinem Buddy gut versteht. Das Tandem-Projekt ist eigentlich auf drei bis vier Monate angelegt, danach wird der Partner gewechselt. „Ich möchte aber mit Agasi weiterarbeiten“, so Lather. Auch das ist möglich, wenn sich ein Tandem so gut versteht wie die beiden.

Den eigenen Namen auf Arabisch zu schreiben, ist Teil der Kurzausbildung zum Sprachbuddy (Bild: Marie Eisele)

Muttersprache ist keine Voraussetzung

Obwohl das Projekt von der Caritas angeboten wird, muss man nicht katholisch sein, um daran teilzunehmen. „Gerade im Integrationsbereich wäre das eher widersinnig. Da ist es wichtig, dass die Mitarbeiter aus verschiedenen Kulturen kommen“, betont Ola Frühwirth. Mitmachen können prinzipiell alle, die über 18 sind und über ausreichende Deutschkenntnisse verfügen: „Man muss kein Muttersprachler sein.“ Hat man selbst Deutsch als Fremdsprache gelernt, kann das sogar seine Vorteile haben.

So wie bei Emanuele Tranquillini und Abdullah Sabur. Trotz der Klausurenphase haben die beiden an diesem Abend Ende Jänner Glück und ergattern einen Tisch im Uni-Hauptgebäude. Sabur fragt als Erstes, ob es in Ordnung ist, wenn er eine Übersetzer-App auf seinem Handy benutzt, in die man reinsprechen kann. Er verwendet sie im Laufe des Gesprächs jedoch nur ein einziges Mal, alles andere versteht er auch so.

Sabur ist vor zwei Jahren aus Syrien nach Österreich gekommen und lernt seit anderthalb Jahren Deutsch. Der Deutschkurs allein reicht ihm aber nicht: „Wenn ich nicht viel Kontakt mit Leuten habe, funktioniert es nicht gut.“ Ihm ist vor allem das Mündliche wichtig. „Emanuele spricht besser als ich, und er hilft mir sehr.“

Manchmal funktioniert das mit der Hilfe auch andersherum. „Ab und zu hast du mir auch Artikel korrigiert“, sagt Tranquillini und beide müssen lachen. Tranquillini ist Italiener und hat Deutsch als Fremdsprache gelernt. „Ich mache bei dem Projekt mit, einerseits, um die deutsche Sprache weiter zu lernen. Ich bin Nicht-Muttersprachler und merke, dass ich die Sprache besser anwende, wenn ich weiterhin über sie reflektiere. Andererseits möchte ich ein bisschen nützlich sein.“

Wie Projektkoordinatorin Frühwirth sieht auch er die Vorteile darin, Deutsch als Fremdsprache gelernt zu haben: „Ich habe die deutsche Sprache sozusagen nicht automatisch. Ich musste mich selbst in die Sprache einarbeiten, und manche Aspekte der Sprache sind für mich noch teilweise herausfordernd.“ Ihm hilft es, sich in seinen Tandem-Partner hineinzuversetzen: „Meine Denkweise ist näher am Deutschlernen“.

Während ihres Treffens vertiefen sie die Inhalte, die Sabur in seinem Deutschkurs lernt. Der Schwerpunkt liegt meist auf Sprechen und Schreiben. Tranquillini ist der Meinung, dass man als Freiwilliger keine Angst haben soll, seinen Tandempartner nicht ausreichend unterstützen zu können. „Das klappt durch Trial und Error“.

Auch Elias Neurauter findet es wichtig, dass Freiwillige nicht kontaktscheu sind. „Generell muss man offen sein für neue Erfahrungen.“ Neurauter ist der einzige Teilnehmer, der über die Universität bei dem Projekt mitmacht. Er studiert Sozial-, Gesundheits- und Public-Management am MCI, einen Studiengang, bei dem 40 Stunden soziale Arbeit verpflichtend sind. Auch an der Universität Innsbruck wurde schon einmal eine Lehrveranstaltung angeboten, bei der man sich für fünf ECTS sozial engagieren konnte: Im Rahmen des interdisziplinären Angebots [kursiv_anfang]Service Learning[kursiv_ende] war es beispielsweise im Sommersemester 2024 für Studierende aller Fakultäten möglich, bei Projekten in sozialen Einrichtungen mitzumachen. Ob Service Learning in diesem Sommersemester wieder angeboten wird, steht zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht fest.

„Ein totaler Erfolg“

Das Projekt sei bisher „ein totaler Erfolg“, schwärmt Koordinatorin Frühwirth. Es habe viel positives Feedback gegeben. „Sowohl die Sprachlernenden als auch die Sprachbuddys sind sehr motiviert.“ Generell kann sie die Teilnahme nur empfehlen: „Es ist eine tolle Möglichkeit, in eine andere Kultur einzutauchen und in Kontakt zu einem Menschen zu kommen, zu dem du sonst wahrscheinlich gar keinen Kontakt hättest.“ Am 20. März startet das Sprachtandem-Projekt in die nächste Runde. Wieder gibt es vier Basisbildungs-Module, bevor die Freiwilligen ihre Tandempartner kennenlernen. Informieren kann man sich auf der Website der Caritas Tirol.

In der Kulturbackstube sieht Abdul Rahman schon erste Fortschritte: „Für mich ist Deutsch ein bisschen schwierig, aber ich merke schon: Ich lerne langsam, es wird langsam. Ich brauche ein bisschen Zeit, aber das ist okay.“ Neurauter und er verstehen sich sehr gut. „Oft reden wir auch noch über andere Sachen“, sagt Neurauter, „Tischfußball haben wir auch schon gespielt und uns Getränke ausgegeben. Es ist immer recht lustig.“ So viel Spaß kann es machen, gemeinsam eine Sprache zu lernen.

1 Kommentar

Ulla Eisele-Ickler 24. Juni 2025 - 7:21

Sehr gut dass man sich dafür einsetzt.

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