„Meine Stimme soll gehört werden“ – Josi im Interview

von Hannah Mayer
Lesezeit: 14 min
Josi ist als Video-Creatorin für ihren feministischen und gesellschaftskritischen Content auf den sozialen Netzwerken bekannt. Im Interview erklärt sie, was Feminismus für sie bedeutet, wie sie im echten Leben auf Diskriminierung reagiert und warum ihr das Thema mentale Gesundheit so am Herzen liegt.

Unter dem Handle @josischreibt_ veröffentlicht Josi seit drei Jahren lehrreiche Kurzvideos auf Instagram und TikTok. In ihren Beiträgen äußert sie Kritik am Patriarchat, spricht sich gegen Diskriminierung aus und macht mentale Gesundheit zum Thema. Sie hat selbst schon seit ihrer Jugend mit der Angststörung Agoraphobie zu kämpfen. Betroffene haben Angst vor Orten oder Situationen, von denen sie notfalls nur schwer entkommen können. Vor ihrer Arbeit als Content Creatorin war Josi als Erzieherin unter anderem im Frauenhaus tätig und hat während ihres Psychologiestudiums schon auf ihrem damaligen Tumblrblog zu feministischen Themen geschrieben. Mittlerweile hat sie sich auf Social Media eine Reichweite von mehreren hunderttausend Followern aufgebaut. Für ihre Arbeit erhält sie neben Lob und Dankbarkeit auch sehr viel Hate – von Männern und von Frauen. Was sie trotzdem motiviert, ihre Arbeit weiterzumachen, welche Vorbilder sie geprägt haben und welche Lehren sie aus ihrem Leben mit der Angststörung gezogen hat, erzählt Josi im Interview mit UNIpress.

UNIpress: Josi, was hat dich dazu motiviert, edukativen Content auf Instagram und TikTok zu veröffentlichen?

Josi: Ich hatte schon während meiner Studienzeit einen Blog, damals noch auf Tumblr, und da habe ich auch schon über feministische Themen geschrieben, einfach weil ich Lust darauf hatte. Das hab ich dann aber irgendwann während des Studiums ein bisschen schleifen lassen. Vor jetzt mittlerweile drei Jahren hatte ich nochmal die Idee, dass ich gerne noch mal was machen möchte, was für mich Mehrwert hat und sich für mich sinnhaft anfühlt. Denn ich hab Dinge zu sagen. Ich bin mit einigen Dingen unzufrieden und ich habe den Wunsch und den Drang, mich mitzuteilen, anstatt alles stillschweigend so hinzunehmen, wie es ist. So hab ich dann relativ spontan und impulsiv mit diesen Kurzvideos auf Social Media gestartet.

Du hast Psychologie studiert, bist gelernte Erzieherin und hast im Frauenhaus gearbeitet. Wie hat dich dein bisheriger Lebensweg in dieser Hinsicht beeinflusst?

Genau, ich bin gelernte Erzieherin, habe ein Psychologiestudium begonnen, aber nicht abgeschlossen. Die Zeit im Frauenhaus war schon sehr prägend. Ich glaube, es gibt einen Unterschied dazwischen, feministische Videos zu machen und das wirklich live zu erleben. Das ist eine große Diskrepanz und das habe ich auch gemerkt. Es hat mich sehr traurig gemacht. Es hat mich schockiert, zu sehen, wie schwer es teilweise auch ist, als Frau Unterstützung zu bekommen – gerade, wenn das Einkommen nicht reicht. Aber auch, wie schwierig das für Frauen ist, die zwar ein Einkommen haben, die also nicht vom Jobcenter abhängig sind. Die müssen das alles selbst bezahlen, und das kann, gerade wenn man ein geringes Einkommen hat, eine sehr große Hürde sein. Am meisten mitgenommen hat mich diese emotionale Abhängigkeit, die Opfer von Tätern haben. Da gibt es keine Rationalität. Da kommt man auch oft nicht durch. Das ist ein Kreislauf, und dieser Kreislauf wird leider oft vererbt. Ich hatte Situationen, in denen Frauen vor die Wahl gestellt wurden. Da hieß es dann: „Entweder du behältst die Kinder oder du gehst zu deinem gewalttätigen Mann zurück“. Und sie sind zum Mann zurückgegangen. Das heißt, die Kinder werden dann in ein System der Obhut gegeben, aus dem sie vielleicht nie wieder rauskommen. Sie werden davon ihr Leben lang geprägt sein, wenn sie die ersten Jahre im Kinderheim leben. Und das zu erkennen, wie strukturell das Problem ist, aber gleichzeitig, wie sehr es auch individuell in den Menschen verankert sein kann und wie wenig man da mit Rationalität durchkommt. Das tut weh und lässt ein Ohnmachtsgefühl in einem aufkommen.

Wie lange hast du im Frauenhaus gearbeitet?

Nicht zu lange, eben wegen dieser ganzen Faktoren. Wenn ich mich recht erinnere, etwa ein Jahr.

Du hast auf Social Media schon erzählt, dass du mit starken, selbstständigen Frauenbildern aufgewachsen bist. Wie haben dich die Frauen in deinem Leben geprägt? 

Durch ihre Existenz. Die Frauen in meinem Leben haben mir Stärke vorgelebt. Sowohl emotional als auch körperlich. Meine Mutter hat zu Hause Laminat verlegt, die Möbel gemacht, gemalert – sie hat alles gemacht. Das lag auch daran, dass keine Vaterfigur da war, aber so war es halt auch selbstverständlich, dass meine Mutter das macht. Und das habe ich von ihr übernommen. Ich muss nicht gleich einen Mann um Hilfe bitten, sondern ich kann es erst mal selbst probieren. Dann kann ich ja immer noch um Hilfe bitten. Natürlich gibt es gesellschaftliche Hürden, die einem in den Weg gelegt werden – gerade für alleinerziehende Mütter, so wie ich das in meiner Familie erlebt habe. Aber grundsätzlich ist mein Geschlecht nicht der Grund dafür, warum ich Dinge nicht schaffen kann. Rein körperlich und emotional kann eine Frau alles schaffen, was auch ein Mann schaffen kann.

Gab es in deinem Leben bestimmte Vorbilder, die dich geformt haben?

Ja, vor allem meine Mutter, aber auch meine Oma. Die sind vom gleichen Schlag. Beide sind selbständig und stark. Ich hatte aber auch Chefinnen, die ich als sehr stark und klar und direkt empfunden habe, und die haben mich auch positiv beeinflusst. 

Was bedeutet Feminismus für dich?

Im Grunde genommen bedeutet Feminismus für mich Chancengleichheit. Gleichberechtigung von allen Menschen, unabhängig von ihrem Geschlecht, von ihrer sexuellen Orientierung, ethnischen Gruppierung et cetera. Gleichzeitig ist Feminismus für mich aber auch eine politische Kritik. Es ist immer noch eine Bewegung, eine laute, offene Kritik und ein Wunsch nach Veränderung. Feminismus ist etwas Machtvolles.

Frauen sollen sich im Patriarchat sehr stark mit der Mutterrolle identifizieren – Feministinnen haben daran immer wieder Kritik geübt. Wie identifizierst du dich mit dieser Rolle?

Ich bin stolz darauf, eine Mama zu sein. Ich habe ein Kind heranwachsen lassen, es geboren und gestillt. Das war ein großer körperlicher und mentaler Akt. Mein Feminismus und meine Mutterschaft sind für mich kein Kontrast. Ich kann mich mit beiden Rollen sehr gut identifizieren.

Hast du mit deinem Kind schon über Feminismus gesprochen – oder, falls es noch zu jung ist, hast du dir Gedanken gemacht, wann und wie du das Thema ansprechen möchtest?

So wie ich es in meiner Familie mitbekommen habe. Ich erlebe uns in der Familie alle als sehr gleichberechtigt und ich glaube, dass wir Feminismus ganz gut nonverbal vorleben. Bei uns gibt es zum Beispiel auch keine „geschlechtsspezifischen“ Spielzeuge.

Du hast mal gesagt, du hoffst, mit deiner Arbeit zum Nachdenken und zum Lernen anzuregen. Nun besteht das Patriarchat aber schon seit mehreren tausend Jahren und Frauen werden noch immer in vielen Bereichen diskriminiert. Du selbst erfährst auch viel Hate für deine Arbeit – sowohl von Männern als auch von Frauen. Was motiviert dich dazu, deine Arbeit weiterzuverfolgen?

Ich hab noch nicht alles gesagt, was ich sagen will, und solange das nicht der Fall ist, werde ich weiterhin online was sagen. Mein Impuls, Dinge richtig zu stellen, die teilweise auch falsch online verbreitet werden, ist immer noch stärker als der Hate. Außerdem bekomme ich neben sehr vielen negativen Nachrichten auch sehr, sehr viele positive Rückmeldungen. Ich bekomme immer wieder gespiegelt, dass das, was ich tue, richtig wichtig ist. Zum Beispiel auch jetzt gerade in diesem Interview. Meine Stimme soll gehört werden. Das gibt mir ein gutes Gefühl und bestärkt mich weiterzumachen.

Du hast in der Vergangenheit offen über deine Erfahrungen mit Agoraphobie gesprochen, die dich seit deiner Jugend begleitet. Was hast du über dich selbst im Leben mit deiner Angststörung gelernt?

Das hätte ich gar nicht gedacht und oft empfinde ich es nicht so, aber ich habe gelernt, dass ich sehr, sehr stark bin und dass ich mich nie aufgebe. Ich habe mich nie aufgegeben und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich das auch in Zukunft nicht tun werde. Ich kann mich auf eine innere Stärke verlassen. 

Wie wirkt sich deine Angststörung auf deinen Alltag aus?

Es ist unterschiedlich. Ich habe gute und schlechte Tage. Was aber immer ist, ist, dass ich sehr viel in meinem Kopf und gleichzeitig auch sehr viel in meinem Körper bin. Ich höre in mich rein – was läuft da vielleicht gerade schief in meinem Körper? Was sind Anzeichen für Angst? Gleichzeitig bin ich schneller gestresst von äußeren Reizen, als es wahrscheinlich andere Personen sind. Einzelne alltägliche Situationen, wie zum Beispiel, wenn ich mir mal im Nagelstudio die Nägel machen lasse, können schon Stress auslösen.

Magst du auch erzählen, wie das während deiner Zeit als Erzieherin oder im Studium war?

Das war auch schwierig, sage ich ganz ehrlich. Im Studium hat es mich oft überfordert, in den Vorlesungen mit den vielen Kommilitonen zu sitzen. Und in der Kita kam es immer darauf an, wie stressig es war. Ich kann aber grundsätzlich besser mit Stress von Kindern umgehen als mit Stress von Erwachsenen. Ich war auf jeden Fall nicht verkehrt für den Beruf, würde ich sagen.

Wie hat sich die Agoraphobie bei dir geäußert?

Das war ein schleichender Prozess. Meine erste Angstattacke hatte ich mit 16. Das war noch in meiner Schulzeit und das hat sich dann so ein bisschen verselbstständigt. Ich habe erstmal Angst entwickelt vor dem Unterrichtsfach, in dem ich meine erste Angstattacke hatte. Das hat sich dann aber immer weiter ausgebreitet auf jedes Unterrichtsfach, und dann irgendwann auf meinen Alltag und schließlich auf jeden Aspekt meines Lebens.

Zu der Zeit haben wir in den Medien und der Gesellschaft nicht offen über psychische Erkrankungen geredet. Das heißt, ich konnte gar nicht greifen, was da passiert, dass das eine psychische Erkrankung ist, die sich da gerade aufbaut. Das war gar keine Option in meinem Kopf. Ich dachte, ich reagiere total überempfindlich. Mir war das unangenehm, also habe ich nicht darüber geredet. Ich hatte oft Bauchweh deswegen. Mit Anfang 20 hat mein Umfeld dann gesagt, dass es schon auffällig ist, dass ich so oft Bauchweh habe und viele Treffen absage und mich mehr und mehr isoliere. Da wurde mir das gespiegelt, dass irgendwas nicht ganz so läuft, wie es laufen sollte.

Die mentale Gesundheit ist in unserer Gesellschaft noch immer ein stark stigmatisiertes Thema. Über psychische Erkrankungen zu sprechen, kann sehr beängstigend sein. Wie war es für dich, deine Krankheit offen zu thematisieren?

Gar nicht beängstigend. Das ist auch einer der Gründe, warum ich mit Social Media angefangen habe. Einerseits wollte ich über Themen sprechen, die mir wichtig sind, und da gehört auch meine Angststörung dazu. Andererseits hatte ich das Gefühl, dass ich in den sozialen Medien nicht repräsentiert werde. Klar, es gibt Accounts, die über psychische Erkrankungen reden und da gibt es vielleicht auch mal eine Angststörung. Aber niemand hatte so richtig die Symptomatik, die ich habe. Ich hab das zumindest nicht gesehen, dass jemand explizit eine Agoraphobie hatte und ich wollte und will weiterhin, dass sich niemand so ungesehen und allein fühlt, wie ich mich oft gefühlt habe. So als ob ich die einzige Person wäre, der es so geht. Ich habe aber auch Therapien gemacht, in denen ich gelernt habe, diese Scham abzulegen, um über meine psychische Erkrankung zu reden.

Was würdest du einer betroffenen Person raten, die sich nicht traut, sich zu öffnen oder sich Unterstützung zu suchen?

Bitte trau dich. Es kann nur besser werden. Das Schlimmste, was man tun kann, ist sich zu isolieren und alleine zu bleiben mit der Angst. Je mehr man Angst vermeidet, desto stärker wird sie. Auch wenn man das nicht hören will. Das ist aber so. Sich zu isolieren, das gibt einem ein gutes Gefühl für den Moment, wird einen dauerhaft aber nur kränker machen.

Viele Menschen finden Vorbilder in den Sozialen Medien. Du hast mittlerweile eine große Reichweite. Fühlst du dich wie ein Vorbild für andere? Und wenn ja, wie gehst du mit dieser Verantwortung um?

Ich weiß, dass ich für viele ein Vorbild bin, weil sie es mir schreiben. Aber für mich fühlt es sich wahnsinnig surreal an. Ich finde das ganz absurd. Manchmal, wenn ich draußen unterwegs bin, sprechen mich Leute an und dann denke ich krass, eigentlich könnte mich ja jederzeit jemand erkennen. Ich kann mich mit dieser vermeintlichen Vorbildfunktion noch nicht so ganz identifizieren, weil sich das für mich einfach noch sehr absurd anfühlt – und das nach 3 Jahren. Ich weiß nicht, ob da jemals der Punkt kommt, wo ich sage, ja, ich habe einen Einfluss im Leben anderer Menschen. Vielleicht kommt es noch, vielleicht auch nicht. Ich versuche natürlich trotzdem, dieser Rolle so gerecht wie möglich zu werden und keine doofen Sachen zu machen. Aber so ganz greifen kann ich es noch nicht.

Die For You Page auf TikTok ist ja oft ein Spiegelbild dessen, was wir konsumieren. Du hast schon oft auf Content reagiert, der misogynistische oder diskriminierende Haltungen widerspiegelt. Wie würdest du deine eigene For You Page beschreiben?

Ganz anders, als man das vielleicht denkt. Ich bekomme oft Kommentare wie „Oh man, du tust mir so leid für deine For You Page“, aber ich bekomme diese Videos immer zugeschickt. Ich gucke sie mir nur einmal an, speichere sie ab und dann merkt sich das Tiktok zum Glück nicht so. Meine For You Page besteht eher aus Popkultur, einigen Musikern, viel auch aus den USA. Witzige Videos werden mir immer mal wieder ausgespielt. Mutterschaft ist auch so ein Thema, das bei mir auftaucht, weil ich selber Mutter bin. Und mentale Gesundheit, aber auch andere feministische Accounts, denen ich folge.

Wie entscheidest du, auf welche Inhalte du reagierst?

Ich schaue immer ein bisschen auf die Inhalte. Manchmal sind das auch so Inhalte, die wir schon tausendmal gehört haben. Da denk ich mir, die machen das nur noch, um Klicks zu bekommen, darauf will ich jetzt gar nicht eingehen. Ich will denen gar nicht die Aufmerksamkeit geben. Ich gucke, dass ich da vielleicht einen Funken Mehrwert mit einbringen kann. Klar, es kann auch mal ein Video sein, in dem wir uns einfach nur über die misogynen Aussagen lustig machen können, die da getätigt werden. Aber ich versuche immer ein bisschen Wissen reinzubringen, als lehrhafte Komponente. Und da gucke ich halt, welche Videos sich dafür eignen und welche nicht.

Was löst es in dir aus, dir solche Videos anzusehen?

Nicht allzu viel. Das ist aber, glaube ich, ein wichtiger Punkt, weil sonst wäre ich dafür nicht gemacht. Wenn ich mir jeden Tag solche Videos angucke, mich das aber emotional zu sehr ergreift, dann würde ich daran kaputt gehen – und dann hätte ich wahrscheinlich schon längst aufgehört mit Social Media. Ich habe da mit der Zeit eine gewisse Resilienz entwickelt. Ich kann mich erinnern, am Anfang habe ich manchmal Videos geguckt und da hat mein Herz richtig gepocht, weil mich das so wütend gemacht hat. Aber mittlerweile ist das nicht mehr so. Ich habe mich daran gewöhnt und schaffe es, eine Distanz zum Content zu wahren.

Wie viel Zeit steckst du in die Recherche für deine Videos – und wie läuft das bei dir ab?

Das ist unterschiedlich. Es kommt immer darauf an, wie komplex das Thema ist. Gerade bei Fake News, wo dann zum Beispiel biologische Fakten komplett verdreht werden, um Frauen abzuwerten, da muss ich dann schon mehr dafür recherchieren – denn ich bin keine Biologin. Das kann dann wirklich ein paar Stunden dauern. Ich will ja auch gute Quellen finden. Davon mache ich mir dann auch Screenshots, damit ich sie in meine Videos einbauen kann. Oft sind mir die Informationen aber auch schon bewusst. Da muss ich nicht mehr in die Recherche gehen. Das sind dann Sachen, die ich entweder von anderen Creators gehört – da lerne ich auch viel – oder selbst schon mal gelesen habe. Die Kriminalstatistik, zum Beispiel, gucke ich mir regelmäßig an für meinen Content. Irgendwann sitzen diese Informationen einigermaßen und dann muss ich da nicht mehr so in die Recherche gehen.

Wenn wir noch mal zurückblicken auf die Zeit, als du deinen Tumblr-Blog hattest. Da hast du ja auch schon über feministische Themen geschrieben. Wo hast du damals das Wissen herbekommen?

Damals habe ich dann vor allem über Themen geschrieben, mit denen ich in Berührung gekommen bin. Ich kann mich erinnern, da habe ich gerade im Mutter-Kind-Heim ein Praktikum als Erzieherin gemacht, und dann habe ich zum Beispiel einen Artikel über Teenagerschwangerschaften geschrieben. Dazu habe ich damals wirklich das Internet einmal komplett durchforstet und mir dieses Wissen angeeignet.

Wie gehst du mit dem Druck um, immer auf dem neuesten Stand zu sein oder Themen zu behandeln, die viele Menschen beschäftigen?

Druck ist auf jeden Fall das richtige Wort, gerade weil die sozialen Netzwerke ja mein Arbeitsplatz sind. Und diese Algorithmen der sozialen Netzwerke sind nicht so gnädig. Wenn man ein paar Tage nichts postet, wird man schnell mal in den Aufrufen zurückgestuft. Das löst schon Druck aus. Ich versuche aber, mich davon ein bisschen zu distanzieren. Wenn mir zum Beispiel ein Thema sehr wichtig ist, dann versuche ich auch immer öfter, einfach Beiträge von anderen zu teilen, die dazu schon etwas gesagt haben. Ich muss nicht die Person sein, die jedes einzelne Thema abdeckt – das kann ich auch gar nicht sein. In der Aktivismus-Bubble kann man das ein bisschen aufteilen. Dann teile ich einen Beitrag einer Kollegin oder eines Kollegen und habe trotzdem vielleicht einen Teil dazu beigetragen, ein Thema oder eine Message in die Welt zu tragen.

In Videos diskutierst du feministische und gesellschaftliche Themen auf reflektierte, schlagfertige und oft auch sarkastische Weise. Wie reagierst du im echten Leben auf misogyne oder diskriminierende Aussagen?

Ich erlebe nicht so oft misogyne Aussagen in meinem Umfeld, weil ich ein Umfeld habe, das sehr gut aufgeklärt ist. Wenn ich aber auf der Straße etwas sehe, was ich nicht in Ordnung finde, dann mache ich sehr schnell meinen Mund auf – natürlich vorausgesetzt, für mich besteht keine akute körperliche Gefahr. Das war zum Glück noch nie der Fall. Da gerate ich auch öfter mal mit wildfremden Passanten verbal ein bisschen aneinander. Ich kann das nicht sehen, wenn da jemand gerade richtig respektlos oder übergriffig gegenüber einer anderen Person ist. 

Zum Abschluss: Wer inspiriert dich gerade?

Gute Frage. Ich fand es schon immer schwierig zu sagen, dass mich einzelne Personen inspirieren. Ich glaube, was mich inspiriert, sind die Ziele, die ich im Leben habe – was ich noch machen und für mich noch erreichen möchte. Das spornt mich an. Eine Sache ist gerade in Arbeit, aber da will ich noch keine großen Wellen schlagen. Aber ganz allgemein gesagt: Ich habe noch berufliche Ziele, die sich jetzt nicht nur auf Social Media begrenzen. Ich habe im Privaten Wünsche und Ziele. Und ich wünsche mir, dass meine Angst mir nicht so im Weg steht. Da bin ich motiviert und inspiriert, weiter für mich und meine persönliche Freiheit zu kämpfen.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

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