Künstliche Intelligenz hier, künstliche Intelligenz da: Kein Thema ist aktuell so brisant, wenn es um unsere Zukunft geht. Wie beeinflusst die KI den Journalismus, welche Rolle spielt sie im US-Wahlkampf und wird man KI-generierte Bilder künftig überhaupt noch erkennen können? Viorela Dan ist Assistenz-Professorin am Institut für Medien, Gesellschaft und Kommunikation an der Universität Innsbruck und forscht in den Bereichen Journalismus sowie politische Kommunikation. In ihrem Büro sprechen wir über den Einfluss der KI auf unsere Gesellschaft – und wieso die Zukunft mit der KI gar nicht mal so düster wird, wie manche vorhersagen.

Viorela Dan ist Assistenz-Professorin am Institut für Medien, Gesellschaft und Kommunikation an der Universität Innsbruck. Sie forscht in den Bereichen Journalismus und politische Kommunikation. Foto: Lichtraum
UNIpress: Frau Dan, zum Einstieg eine Frage, die wir als Journalist:innen immer wieder zu hören bekommen: Wieso braucht es in Zukunft überhaupt noch Journalismus — wird den nicht bald die KI übernehmen?
Viorela Dan: Die KI spart Journalist:innen unnötige Mühe. So können Tools wie etwa Wordsmith oder NotebookLM verwendet werden, um anhand von Vorlagen oder Stichpunkten einfache, formelhafte Texte automatisiert zu generieren – zum Beispiel Sport- oder Wetterberichte. Die Erstellung komplexer Formate wie Kommentare, Hintergrundberichte oder politische Analysen ist im Moment nicht automatisiert möglich. Also ja, es braucht noch Journalist:innen, die sich nun aufgrund der KI noch mehr auf Tätigkeiten konzentrieren können, für die es Menschen beziehungsweise eine nicht-künstliche Intelligenz braucht – wie etwa vor Ort recherchieren und Interviews führen.
In der Vortragsreihe der Universität Innsbruck zu den Wahlen in den USA sprechen Sie über den US-Wahlkampf in Zeiten von KI, Deep Fakes und die Relevanz von Faktenchecks. Welche Rolle spielt die KI in diesen Wahlen? Gehen KI-generierte Bilder und Meldungen ausschließlich von Trump und seinen Anhänger:innen aus?
Nein, das ist breiter angelegt als nur von Trump und seinen Anhänger:innen. Es gibt Bemühungen der Anhänger:innen beider Parteien, Dinge darzustellen, die nie passiert sind. Zum Beispiel sieht es in einem Video so aus, als würde Taylor Swift ein Plakat hochhalten, auf dem steht, dass sie Trump unterstützt. Das ist jedoch nie passiert und Taylor Swift hat sich deutlich für Kamala Harris ausgesprochen. Ein anderes Beispiel ist ein Video, in dem Biden vermeintlich wie eine Katze einem Laserpointer hinterher springt – ein Versuch, ihn als alt und neben der Spur darzustellen.
Wie gefährlich ist das für den Wahlkampf?
Fake News sind durchaus ernstzunehmen. Ob das vermeintliche Video von Biden dazu beigetragen hat, dass er als Kandidat zurücktreten musste, ist schwer zu sagen. Solche Entwicklungen gehen selten auf nur eine Ursache zurück. Eine negative Berichterstattung oder negativ konnotierte Präsenz in den sozialen Medien ist aber sicherlich kein Vorteil, wenn es um den Wahlsieg geht.
Wie nutzen Parteien hierzulande KI für ihre Zwecke?
Fotomontagen werden öfter für strategische Zwecke verwendet als aufwendige KI-Manipulationen. Unlängst gab es ein Plakat der FPÖ, auf dem es so aussieht, als würde Ursula von der Leyen Wolodymyr Selenskyj küssen. Die ukrainische Botschaft zeigte sich empört darüber. Früher gab es einige Videos von Sebastian Kurz, in dem es aussieht, als würde er Schlager singen. Aber diese Videos fallen für mich unter Satire und erscheinen mir deshalb relativ harmlos. Die österreichische Politik bietet sowieso genügend echte, brisante Videos. Wenn man sich die Videos in der Ibiza-Affäre anschaut, braucht man eigentlich gar keine KI um Skandale zu generieren (lacht).
Gibt es einfache Wege, um KI-generierte Bilder und Videos zuverlässig zu erkennen?
Das wird immer schwieriger und es reicht nicht mehr aus, nur auf die Machart zu achten. Jedes Problem, das öffentlich angesprochen wird, führt dazu, dass es behoben wird. Früher haben KI-Klone zum Beispiel nicht geblinzelt. Kurze Zeit, nachdem dies als Anzeichen einer KI-Manipulation diskutiert wurde, fingen die KI-Klonen an zu blinzeln. Mit Ohrringen, die zunächst ungepaart waren, und Brillen, die pro Auge unterschiedliche Rahmen hatten, war es ähnlich. Was bleibt: In Videos klingt die Stimme oft noch roboterhaft, und der Klon spricht ohne Punkt und Komma. Auch das wird sich ändern.
Was kann man dann tun, wenn man die Deep Fakes mit bloßem Auge nicht mehr erkennt?
Die beste Waffe, die wir haben, ist die Plausibilitätsprüfung: Wie wahrscheinlich ist es, dass diese Person das gesagt oder getan hat? Eines der bekanntesten Deep Fakes zeigt Barack Obama, wie er in die Kamera spricht und Donald Trump beleidigt. Wie wahrscheinlich ist es, dass Obama das vor laufender Kamera tut? Es gibt auch Tools wie die Fotorückwärtssuche, mit der man das Originalbild im Kontext sehen kann, denn oft werden Bilder aus dem Zusammenhang gerissen. Während der Pandemie kursierte ein Bild, das Bundestagsmitglieder mit Sektgläsern zeigte, während alle anderen im Lockdown waren, dabei stammte das Foto aus einer früheren Zeit. Und zurück zum Journalismus: Wir können uns auf Journalist:innen verlassen, deren Jobs es ist, den Wahrheitsgehalt von Behauptungen zu überprüfen, die oft als Faktenchecks veröffentlicht werden.
Sollte man die Nutzung von KI regulieren?
Häufig wird im Umgang mit der KI laut nach zwei Dingen gerufen: Regulierungen und technischen Lösungen. Doch damit sind wir immer einen Schritt hinter denjenigen, die Fehlinformationen erstellen und verbreiten. Die Gefahren der KI sind ein gesellschaftliches Problem. Wir müssen also an uns arbeiten, unsere Medienkompetenz verbessern und lernen, uns nicht so leicht von Darstellungen jeglicher Art emotional berühren zu lassen und ihnen Glauben zu schenken. Und wenn wir das geschafft haben, ist es egal, dass bei den technischen Lösungen ein Katz-und-Maus-Spiel stattfindet.
Dann ist die KI also gar nicht so gefährlich, wie manche denken.
Richtig. Jede neue Technologie hat in der Vergangenheit dazu geführt, dass wir uns neu sortieren mussten. Bis jetzt waren wir jedoch immer in der Lage, damit umzugehen. Wir haben ja auch gelernt, dass Fotos gephotoshoppt werden können und dass Menschen plagiieren können. Ich glaube, es wird ein paar Jahre dauern, bis wir verinnerlichen, dass nicht jedes Foto und Video echt ist – aber durch KI wird die Welt nicht untergehen. Und überhaupt: Mit Lügen ist die Menschheit schon immer ausgekommen.
… und viele vergessen, dass die KI auch viele Vorteile mit sich bringt. Welche positiven Anwendungen der KI könnten in den kommenden Jahren besonders relevant werden?
Da gibt es bereits einiges: Der Geschichtsunterricht kann zum Beispiel spannender gestaltet werden, wenn man einen Deep Fake von Sisi oder Franz Josef erstellt und diese von deren Leben erzählen lässt. Im Unterhaltungsbereich wird gerne mit KI gearbeitet, um verstorbene Schauspieler:innen für ein Sequel von Filmen zu verwenden. Auch für polizeiliche Ermittlungen wurde ein Mordopfer bereits „wiederbelebt“, um an das Gewissen des Mörders zu appellieren. Die KI ist ein Tool, das weder gut noch schlecht ist. Man kann es so und so verwenden – wie genau, das wird uns die Zukunft zeigen.