Drei Engel und ein Minimalist

von Elena Rieger
Lesezeit: 5 min
Alle Jahre wieder läuten die Glocken zum vorweihnachtlichen Konsum. Ab November versperrt eine Schar Schoko-Nikoläuse den Durchgang zu den Lieblingsnudeln, und Angebote türmen sich wie der persönliche Haufen Ugly Christmas Sweaters. Wer Freude will, muss kaufen!

Mit jedem Tag wächst in der Vorweihnachtszeit der Druck, Geschenke zu besorgen und das Fest vorzubereiten, während Verlockungen an allen Ecken lauern. Doch mitten in diesem hektischen Treiben taucht er auf: der Minimalist. Eine Gestalt, die wirkt, als sei sie aus der Zeit gefallen. Kein Wagen voller Produkte rollt vor ihm her, keine Berge an Paketen stapeln sich vor seiner Tür. Stattdessen zieht er durchs Leben, begleitet von einem Hauch Zen und der Frage: Wie wenig braucht der Mensch eigentlich, um glücklich zu sein?

Laufen und kaufen

Oh du fröhliche Zeit des Kaufens – in der Rabattjagd zum inoffiziellen Volkssport wird. Black Friday? Nur das Warm-up! Spätestens ab Dezember startet der Konsummarathon, bei dem Einkaufswägen wie Trophäen durch die Gänge geschoben werden. Wer es bequemer mag, klickt sich durch Onlineshops, als wäre jeder Klick ein Schritt zum Ziel. Die Sieger? Die, die mit vollen Taschen oder vor Bestellbestätigungen strotzenden E-Mail-Postfächern triumphieren und noch genug Luft haben, um über ihre Schnäppchen zu schwärmen.

Der Minimalist hingegen betrachtet das Spektakel wie ein Naturforscher: Er sieht ein Rudel Kaufwütige, das von Laden zu Laden hetzt oder sich durch endlose Online-Filter klickt. Das neue Kinderspielzeug, das Freudensprünge verspricht, wird bald ein staubiger Zeuge verfehlter Erwartungen. Menschen stürzen sich auf Angebote, als hinge ihr Glück von der Anzahl der Tüten oder Bestellungen ab. Und in der Luft? Ein Potpourri aus Zimt, gebrannten Mandeln und Angstschweiß.

Drei Engel des Konsums

Die eigentlichen Heilsbringer der Saison? Werbung, Rabatte und Sofortkauf – die drei Engel des Konsums. Die Werbung trällert: „Dieses Parfüm wird deine Beziehung retten.“ Oder: „Dieses Gadget beendet deine Midlife-Crisis!“ Der Rabatt wiegt einladend den Kopf: „Nur 99 statt 200 Euro!“ Und der Sofortkauf setzt den letzten Stich: „Nur noch drei Stück verfügbar – greif zu, bevor dein Leben in Scherben liegt!“ 

Sie kennen unsere Schwächen und unsere Sehnsüchte. Sie wissen, dass wir glauben wollen, dass ein teurer Fernseher nicht nur unser Wohnzimmer, sondern unseren gesamten Alltag erleuchtet. Die drei Engel flüstern uns ins Ohr, dass wahres Glück nur eine Bestellung entfernt ist. Wir hören zu, füllen unsere Körbe und wundern uns hinterher, warum sich Leere nicht einfach wegkaufen lässt.

Minimal radikal?

Der Minimalist hingegen scheint gegen diese Verheißungen gefeit zu sein. Kein gehetztes Wühlen in Prospekten, kein Fiebern vor Rabatt-Tickern. Sein Leben gleicht eher einem stillen Spaziergang als einem hektischen Kaufhausbesuch. Statt neue Dinge anzuhäufen, versucht er es mit Aussortieren. Statt sich fünf LED-Rentierschlitten im Garten zu plazieren, zündet er lieber ein paar Kerzen an – nicht für die Instagram-Story, sondern für sich.

Das bedeutet nicht, dass er Weihnachten verteufelt. Er mag Märkte und Glühwein genauso wie die anderen, und Geschenke sind für ihn nicht grundsätzlich Teufelswerk. Doch er fragt sich: Muss alles immer größer, schneller und teurer werden? Reicht nicht auch ein kleines, durchdachtes Geschenk, das von Herzen kommt – statt des nächsten „Must-haves“, das spätestens im Januar niemand mehr haben muss?

Bild: Pixabay

Besitz trifft Verlust

Die Konsumgesellschaft bietet uns ein Buffet, das nie leer wird. Aber nach jedem Gang liegt uns der Konsum schwerer im Magen. Jeder Kauf verspricht ein Stückchen Glück, doch oft bleibt nach der Euphorie nur der Verlust: von Zeit, von Geld und nicht selten von Nerven.

Der Minimalist hingegen bedient sich nur ungern am Buffet, sondern lebt nach dem simplen Prinzip der Klarheit. Er muss nicht stundenlang nach verlorenen Dingen suchen, weil sein Besitz überschaubar bleibt. Er entgeht dem schlechten Gewissen, das uns bei Fehlkäufen heimsucht, und spart sich die Erschöpfung, die von einem Übermaß an Dingen kommt. Vielleicht ist er deshalb am Ende nicht nur gelassener, sondern tatsächlich zufriedener.

Zurück zu Weihnachten

Was wäre, wenn wir uns von dieser Gelassenheit ein wenig inspirieren ließen? Was, wenn wir uns nicht fragen, was wir noch kaufen können, sondern, was uns wirklich fehlt? Zeit mit Freunden, die man nicht in glänzendes Papier wickeln muss. Ein Spaziergang im Schnee, der auch ohne Foto für die sozialen Medien magisch ist. Ein Abend ohne Bildschirme, dafür mit einem guten Gespräch.

Der Minimalist kann selbstverständlich auch Weihnachten feiern, aber ohne den Druck, die perfekte Inszenierung abzuliefern. Sein Fest ist still, dafür echt. Während um ihn herum die Welt in Geschenkpapier mit Zimtstern-Motiven verpackt wird, sitzt er da mit einer Tasse Tee und einem Lächeln, das leise sagt: Das Glück, das du suchst, war nie ein Produkt.

Plädoyer für weniger

Alle Jahre wieder läuten die Glocken zum vorweihnachtlichen Konsum. Kein Wunder, dass uns die drei Engel auch nächstes Jahr begleiten werden. Doch vielleicht sollten wir uns ein Stück ihrer Macht zurückholen. Nicht gleich die Wohnung leerräumen oder nur noch auf Bambusmatten in einer Hütte im Wald schlafen. Aber bewusster schenken, bewusster feiern – und vor allem bewusster leben.

Denn am Ende, wenn die Schoko-Nikoläuse wieder aus den Regalen verschwinden und die letzten Rechnungen bezahlt sind, bleibt eine einfache Tatsache am Boden liegen: Das, was wirklich zählt, hat kein Preisetikett. Und vielleicht, nur vielleicht, könnte der Minimalist eines Tages nicht mehr die Ausnahme sein – sondern mehr der Maßstab.

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