UNIpress: Viktor Frankl sagt, wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie. Was ist dein Warum?
Muamer Bećirović: Ich habe immer schon Spaß an der geistigen Auseinandersetzung gehabt. Es geht im Wesentlichen um Tolstois alte Frage in Krieg und Frieden – was ist die Macht, die Nationen bewegt? Ich fand das immer schon sehr faszinierend und hab für mich entschieden, dass ich in diese Richtung studieren und tätig sein will. Ich könnte niemals einer Tätigkeit nachgehen, die mir keinen Spaß bereitet. Das ist ein Privileg, das ich heute im Vergleich zu meinen Eltern habe. An ihnen und meinen Großeltern hab ich gesehen, dass sie die harte körperliche Arbeit gesundheitlich kaputtgemacht hat – das will ich nicht. Ich habe wesentlich mehr Spaß daran, Artikel oder Bücher zu schreiben. Das ist mir zehnmal lieber. Das ist mein Warum.
UP: In der „Über uns”-Beschreibung auf „Kopf um Krone” schreibst du sehr idealistisch über Interviews und Gespräche. Du verurteilst, um ein hartes Wort zu benutzen, Interviews im herkömmlichen Sinn und sprichst über den Wert eines echten Gesprächs – ein Gespräch, das abweichen darf, ein Gespräch, das ausweichen soll. Aus dieser Beschreibung spricht ein gewisser Idealitätssinn. Genau das kritisierst du an der ÖVP, einer Partei, der du angehört hast. Du sagst, die ÖVP sei zu „realitätsbezogen“, ihr fehle der Idealismus, gleichzeitig unterstellst du der SPÖ den gleichen Idealismus als eine Schwachstelle. Könntest du für uns deine Definition von Idealismus geben?
Muamer: Idealismus heißt für mich persönlich, dass du die Realität miteinbeziehst, aber die Umstände, welche die Realität ausmachen, ständig verbesserst. Bismarck hat einmal gesagt: „Politik ist die Kunst des Möglichen.“ Aber die Kunst besteht darin, Dinge durchzusetzen, die gegenwärtig nicht möglich erscheinen. An der Volkspartei habe ich immer kritisiert, dass sie die Umstände dazu ausnutzt, an der Macht zu bleiben, statt Dinge zu tun, die neue Umstände oder Realitäten schaffen. Und die SPÖ hat lediglich im Blick, was sein sollte, bezieht aber dazu selten die Umstände ein. Es braucht daher immer ein Gleichgewicht zwischen Idealismus und Realismus. Ist man zu sehr Realist, wird man schnell zynisch, ist man zu sehr Idealist, verliert man die Realität aus den Augen. Wir sind heute schlicht und einfach am Ende des Studiums angekommen und jeder muss schauen, wo er bleibt. Man muss also Geld verdienen. Wir haben das Projekt aus Spaß gemacht, konnten damit auch einige Leute erreichen, aber materiell gesehen hat es sich nicht gelohnt. Es war ein verrücktes Projekt von idealistisch angehauchten Studenten.
Muamer Bećirović
In München 1996 geboren, in Wien aufgewachsen und bis heute dort verwurzelt schreibt, denkt und spricht Muamer Bećirović über politisches, wirtschaftliches und gesellschaftliches. Sein Buch “Heimat”, das Bećirović gemeinsam mit dem ehemaligen Vizekanzler Erhard Busek verfasst hat, ist unlängst erschienen, ein neues Werk ist bereits in Arbeit. Vertreten in Forbes 30 under 30, langjähriger Bezirksobmann der Jungen Volkspartei im 15. Bezirk, Herausgeber des Online-Magazins Kopf um Krone – seit September 2020 ist Bećirović als Redakteur beim Wirtschaftsmagazin Forbes tätig.
(Fotocredit: Julius Hirtzberger)
UP: Also war – bist du nicht mehr idealistisch angehaucht?
Muamer: Im Laufe der Zeit bin ich realistischer geworden. Man sagt ja „Ein Zyniker ist ein enttäuschter Idealist”, ich mag diese Definition. Mit den Jahren habe ich gelernt, dass man Idealismus nur mit realistischen Schritten erreichen kann.
UP: Bleiben wir bei Definitionen — im Gespräch mit Fazit-Magazin bezeichnest du Sebastian Kurz als „Ausnahmeerscheinung”. Du meinst, dass Kurz weiß, wie Macht in Österreich funktioniert, nach welchen Kriterien, Bedingungen und Mechanismen. Wie funktioniert denn Macht in Österreich?
Muamer: Österreich ist ein überschaubares Spielfeld — Macht ist hierzulande relativ simpel strukturiert. Wenn man Macht will, dann ist man entweder in der Sozialdemokratie oder bei der ÖVP. Als nächsten Schritt musst du die Partei unter deine Kontrolle bringen. Das heißt, in dem Fall bist du Parteivorsitzender. Dann solltest du die Wahlen gewinnen; damit kannst du auch die Interessen innerhalb deiner Partei befriedigen. Wenn du das geschafft hast, ist nur eines zu tun, nämlich, eine Koalition abseits von Rot und Schwarz zu bilden. Dann hat man sich eine Periode von fünf bis zehn Jahren gesichert. Man muss aber auch auf die Interessen der Länder und Sozialpartner Acht geben. Die Macht in Österreich ist auf vier Säulen gebaut: Partei, Teilorganisationen, Länder und das Gewinnen von Wahlen. Wenn man diese vier Säulen gut unter Kontrolle hat, kann man für mehrere Jahre problemlos regieren. Auch der mediale Sektor ist in Österreich ziemlich überschaubar. Ein simples Beispiel: Faymann ist wahrscheinlich der unauffälligste Kanzler der letzten 20 Jahre gewesen, er blieb aber acht Jahre lang an der Macht. Er hat das sehr geschickt gemacht. Er hat seine Partei erobert, mit ihr die Wahlen gewonnen, ausschließlich mit Schwarz koaliert und Medien mit Geld gefüttert. Das reicht in Österreich dafür aus, dass man acht Jahre lang regiert, ohne irgendetwas substanziell voranzubringen. Kurz hatte immer seine Beliebtheit im Rücken. Insbesondere als er Staatssekretär bzw. Außenminister war, war es für ihn ein Leichtes, Mitterlehner loszuwerden, die Partei und damit die Wahlen zu gewinnen und eine Koalition mit den Blauen zu machen.
UP: Auf deinem Blog „Kopf um Krone“ führst du tiefgehende Interviews und du bist auch sonst journalistisch unterwegs. Findest du es problematisch, dass du einer Partei, der ÖVP, angehört hast und gleichzeitig journalistisch tätig warst?
Muamer: Ich bin vor ein oder zwei Jahren aus der ÖVP ausgetreten und war lange bei „Kopf um Krone“ tätig — auch noch, als ich ÖVP-Mitglied war, das stimmt. Ob das meine Sicht benebelt hat? Ich bin mir da gar nicht so sicher. Jeder Journalist hat eine politische Meinung und schreibt stilistisch in eine gewisse Richtung. Es gibt ja auch so etwas wie „Blattlinien”. Man wird als libertärer Kapitalist kaum beim Standard schreiben können oder bei der Presse über die Vorteile des Sozialismus. Jedes Medium hat eine Blattlinie, jeder Journalist geht mit einer bestimmten Weltanschauung hinein und bei mir war es halt offensichtlich, dass ich parteipolitisch tätig war. Übrigens nur im kleinen Rahmen, ich war nicht angestellt, ich war lediglich ein kleiner Bezirksobmann in Rudolfsheim-Fünfhaus. Das war herausfordernd, weil man ständig mit anderen Weltanschauungen konfrontiert wird. Ich glaube, jeder von uns geht irgendwo ein bisschen benebelt durch die Welt.
UP: Warum bist du damals ausgetreten?
Muamer: Weil ich verstärkt damit begonnen hab, anderswo zu schreiben, zum Beispiel für Forbes oder die Furche. Und ich hab für mich gemerkt, dass ich eigentlich in Österreich nicht im parteipolitischen Rahmen tätig sein will. Ich genieße die externe Rolle mehr; intern ist es mir zu „deppert“, wie man in Wien sagen würde. Die Auseinandersetzungen sind sehr primitiv und das mag ich für mich nicht.
UP: Wie findest du es, wenn Journalisten in Parteien sind?
Muamer: Im deutschsprachigen Raum sind Medien und Politik kulturell getrennt. Wenn ich mir aber einzelne Journalisten anschaue, dann sind manche so krass mit einer politischen Partei verbandelt, dass sie ruhig sagen könnten, wo sie sich politisch eher zuhause fühlen. Bei uns wahrt man eher den Schein, in Großbritannien oder den USA gibt man offen zu, ob man für die Demokraten oder Republikaner ist, das halte ich für einen ehrlicheren Zugang.
UP: Wie würdest du die Beziehung zwischen Journalismus und Politik hierzulande einschätzen?
Muamer: In Österreich haben wir die Schwierigkeit, dass es viel mehr Hofberichterstattung gibt als Berichterstattung über den Hof. Bei uns sitzen halt die Journalisten am Euter der Bundeskanzlerkuh und melken das Geld, ohne das sie nicht überleben würden. Der Markt in Österreich ist relativ klein; jedes Projekt versucht, eine investigative oder intellektuelle Schiene zu fahren. Sei es beispielsweise Addendum oder die NZZ.at mit Fleischhacker – das sind zwei Projekte, die in den letzten Jahren gescheitert sind, obwohl das verdammt guter Journalismus war. Das zeigt, dass es in Österreich schlicht und einfach der breiten Bevölkerung und sogar seiner Elite völlig wurscht ist. Hier interessiert sich keiner für eine geistige oder intellektuelle Auseinandersetzung mit den Themen, das muss man einfach so sagen. Die Zeitungen, die wir haben, sind schon sehr politisch abhängig. Und selbst die Qualitätszeitungen! Wenn ich mir anschaue, wie viel Geld sie von Teilorganisationen der politischen Apparate bekommen – und nicht nur direkte Förderungen – dann ist das eine erhebliche Summe.
Hinzu kommt: Du kannst im 1. Bezirk herumgehen und triffst vermutlich alle, über die du jemals geschrieben hast. Hingegen wird in Deutschland von München aus über Berlin geschrieben, die Situation ist bei 80 Millionen Menschen ganz anders. Etwas mehr Distanz würde uns schon guttun, aber das ist in Österreich undenkbar.

© Matthias Jaidl
“Bei uns sitzen halt die Journalisten am Euter der Bundeskanzlerkuh und melken das Geld, ohne das sie nicht überleben würden.”
UP: Welche österreichischen Medien konsumierst du?
Muamer: Die Salzburger Nachrichten gefallen mir persönlich am meisten. Am liebsten mochte ich Addendum, bevor sie dicht gemacht haben. Ansonsten konsumiere ich ehrlich gesagt kaum noch österreichische Medien. Ich greife viel lieber auf die NZZ oder internationale Medien zu, in Österreich reicht es schon, wenn du orf.at aufmachst. Alles, was du wissen willst, findest du im Endeffekt dort. Ich muss gar keine Zeitung lesen, um etwas anderes zu erfahren.
UP: Glaubst du, dass apolitische Menschen Idioten sind?
Muamer: Nein, finde ich nicht, sie haben nur einen anderen Zugang, einen anderen Blickwinkel. Meine Familie kommt ursprünglich aus dem Balkan, dort funktioniert so gut wie gar nichts vernünftig. Die Leute finden sich zynisch damit ab, statt daran zu arbeiten. Bei uns ist es so: Solange die Dinge für den Normalsterblichen funktionieren, wird es keine große Revolution geben. Ich glaube, dass es in den Städten, speziell in Wien, noch einmal eine ganz eigene Bubble gibt, in der sich Links und Rechts die Meinung sagen – aber sobald du aufs Land rausfährst, ist die Auseinandersetzung irrelevanter. Als ich einmal im Burgenland unterwegs war, habe ich eine Bekanntschaft gemacht, die ich nie vergessen werde. Eine ältere Oma hat uns damals bequatscht – ich hör halt zu – und dann hat sie gesagt „ja, ich find die Regierung so super, weil die gar nicht so viel streiten”. Wie kann es in Österreich ein Wert sein, dass nicht gestritten wird? Wir sind so harmoniebedürftig, dass uns das lieber ist, als Fortschritte zu machen. Ein Freund von mir hat einmal gesagt: Wenn du bei uns den Fernseher einschaltest, dann siehst du das wunderschöne Land der Berge, die Insel der Seligen – und wenn du in Deutschland den Fernseher einschaltest, dann siehst du nur Konflikte, wohin das Auge reicht. Bei uns ist es immer noch sehr habsburgisch geprägt – man gehorcht, man spurt, dafür kriegt man halt als braver Untertan ein gemütliches Leben.
„Wie kann es in Österreich ein Wert sein, dass nicht gestritten wird?“
UP: Du hast eine Revolution angesprochen, die nicht kommen wird. Willst du, dass die Revolution kommt, und wie soll sie ausschauen?
Muamer: Früher hätte ich gesagt, wir müssen alles übern Haufen werfen – da war ich noch ein bisschen jünger. Mittlerweile sage ich: Wir müssten in den geistigen Stätten alles über den Haufen werfen. Das wird aber auch nicht passieren, weil Parteien auch auf die geistigen Stätten Zugriff haben und das nicht zulassen werden. Jeder Thinktank in Österreich, jede Quatschbude, egal, wo du mitarbeiten könntest, überall haben die Parteien einen direkten Zugriff und man wird sich davor hüten, geistig etwas in die Gänge zu setzen.
UP: Also glaubst du, es ist so unrealistisch, dass du es dir nicht einmal vorstellen kannst?
Muamer: Ja, es ist absolut unrealistisch. Damit du etwas bewegst, brauchst du außerordentlich kluge Köpfe. Erstens sehe ich die gegenwärtig nirgendwo, zweitens sehe ich nicht, wie das finanziert werden soll. Diese klugen Köpfe brauchen irgendwo eine Spielwiese, die einen finanziellen Background hat. Die sehe ich momentan auch nirgendwo. Ich weiß nicht, wie sich das formieren soll. In Deutschland und Amerika werde ich Institutionen finden, die das unterstützen – weil das Land groß genug ist, dass nicht eine Person, eine Organisation darauf Zugriff hat und ihnen den Geldhahn oder irgendwas abdrehen kann. Das ist in Österreich ganz anders. Hier hat man direkten Zugriff auf alles, und damit hast du die Schwierigkeit, dass nichts wächst. Die NEOS haben’s ja versucht, die werden aber in Österreich genauso wenig gehört, mit 5% richten sie da wenig aus. Aber die Veränderung, die es in Österreich gibt, kommt vermutlich von den Großparteien – das wird auch die nächste Zeit so bleiben. Und die haben gegenwärtig weder kluge Leute, die das machen würden, noch haben die klugen Leute einen Spielraum, um das zu realisieren. Also sieht es für mich persönlich eher düster aus, was dieses Land betrifft. In Wirklichkeit ist die letzten 10-15 Jahre substanziell fast nichts weitergegangen.
UP: Wie lange wird Sebastian Kurz deiner Meinung nach an der Macht bleiben? Würdest du ihn als eines deiner Vorbilder beschreiben?
Muamer: Vor der Corona-Krise hätte ich zehn Jahre gesagt, also zwei Perioden. Nach der Corona-Krise bin ich mir gar nicht mehr so sicher, wenn ich auf die wirtschaftlichen Kennzahlen schaue. Wir könnten im Winter mit circa einer Million Arbeitslosen rechnen. Das wird eine große Herausforderung für ihn werden. Gegenwärtig ist allerdings auch die Konkurrenz relativ schwach. Ich gebe ihm fünf bis zehn Jahre. Und zur zweiten Frage: Nein, er ist gar nicht mein Vorbild. Er ist ein interessanter Mann, weil es in Österreich wahrscheinlich momentan keinen Menschen gibt, der so ein gutes Team hat und der Macht exzellent verstanden hat in diesen jungen Jahren. Sein Nachteil ist eben, dass er mit der Macht wenig anzufangen weiß.
UP: Glaubst du, dass es etwas verändert, wenn Frauen an der Macht sind?
Muamer: Nein, glaube ich nicht. Man spricht zum Beispiel bei Angela Merkel oder Margaret Thatcher von einer weiblichen Herangehensweise der Macht. Das glaube ich gar nicht, es ist in der Essenz genau dieselbe wie bei den Männern, nur die Eleganz ist eine andere.
UP: Inwiefern?
Muamer: Wenn Merkel Leute abmontiert, dann ist das selten laut. Bei Männern herrscht da ein anderer Ton.
UP: Weil du gerade Thatcher angesprochen hast – kommt dir vor, dass viele Frauen in Machtpositionen, ob Politik oder Wirtschaft, in vielen Dingen Verhaltensweisen von Männern übernommen haben?
Muamer: Ich glaube, das hat gar nichts mit der Verhaltensweise der Männer zu tun, sondern mit der Verhaltensweise unter diesen Umständen. Wenn es um Macht oder um viel Geld geht, dann geht es sehr darwinistisch zu. Das ist nun einmal so, wie das Spiel gespielt wird. Ob Mann oder Frau ist nicht sonderlich relevant.
UP: Was glaubst du, ist außer der Corona-Krise das gegenwärtig größte Problem, dem wir uns in Österreich stellen sollten oder müssen?
Muamer: Wir haben zunehmend das Problem, dass alle Parteien mittlerweile sehr beliebig geworden sind – vor allem die Großparteien. Du weißt weder bei der ÖVP noch bei der SPÖ, wofür sie in Wirklichkeit stehen. Keine hat mehr ein richtungsweisendes Konzept für unsere Gesellschaft. Zudem ist dieses Land politisch völlig desinteressiert, es will den Sonnenkönig wählen und auch so regiert werden. Das hat bisher gut funktioniert, weil es bis jetzt nicht so viele gab, die – bis auf die FPÖ – das System der zweiten Republik kaputtmachen wollten. Der politische Bereich ist mehr und mehr von Zynismus geprägt, das halte ich für sehr gefährlich. Man stelle sich einmal kurz vor, Kickl wäre Innenminister gewesen, während die Corona-Verordnungen erlassen wurden. Das ist schon heftig. Ich weiß nicht, ob ich zu Hause geblieben wäre, wenn es mir der Kickl gesagt hätte. Das zeigt auch, wie wenig Politik im Inhalt in der Bevölkerung ernst genommen wird. Hinzu kommt die Schwierigkeit, dass uns die Intellektuellen im politischen Bereich wegsterben und so gut wie nichts nachkommt. Österreich hat echt ein geistiges Problem.
UP: Was ist da die Rolle der Unis?
Muamer: Die Unis haben mittlerweile schon eine komische Rolle. Eigentlich wäre es die Aufgabe der Unis, Leute hervorzubringen, die geistige Intelligenzbestien sind. Sie bringen aber in weiten Teilen komplett weichgespülte Personen hervor. Ich studiere, weil ich meine Fächer faszinierend finde. Ein erheblicher Teil der Studenten will einfach nur noch den Wisch haben. Du hast außerdem nicht mehr die Vielfalt, Dinge auszusuchen, die du interessant findest. Die Uni ist total schulisch geworden. Weil du ständig irgendwelche Hausaufgaben abzugeben hast, lässt sie keine intellektuelle Verspieltheit und nicht die Tiefe zu, sich mit etwas über eine längere Zeit auseinandersetzen. Du arbeitest nur mehr Kurse und Prüfungen ab. Studenten publizieren so gut wie nichts mehr. Das sollte ganz anders sein, ich habe kein Verständnis für diese Entwicklung.
UP: Würdest du dich selbst als weichgespülte Person bezeichnen, oder bist du die Ausnahme?
Muamer: Ich bin fast nie freiwillig an der Uni, weil wir kaum exzellente Vortragende haben, und ich halte mich aus jeglichen Diskussionen heraus, weil die Leute in der Sache sehr schnell emotional und persönlich werden. Aber ich merke schon, dass ich ganz, ganz, ganz anders ticke als die dortigen Studenten und Lehrenden. Es gibt kaum noch Konservative dort, die meisten orientieren sich sehr stark links der Mitte. Der Inhalt in den Kursen ist dementsprechend auch so. Du wirst kaum noch Kurse finden, wo zugleich konservative wie auch linke Denker diskutiert werden – es gibt keine Balance zwischen den Weltanschauungen mehr. Das ist heute das größte Manko an den Unis.
UP: Humboldt hat einmal gesagt: „Wer seine Vergangenheit nicht kennt, hat keine Zukunft.” Inwiefern kann man von historischen Ereignissen auf die Gegenwart schließen?
Muamer: Die Naturwissenschaftler fühlen sich oft anderen Wissenschaften überlegen. Dabei bekommen sie es nicht einmal hin, das Wetter exakt eine Woche im Voraus vorherzusagen – geschweige denn gesellschaftliche Ereignisse. Ich wär da schon vorsichtig. Man kann den Fehler begehen, bei der Suche nach Lösungen für gegenwärtige Probleme ausschließlich historische Analogien zu Rate zu ziehen. Das heißt aber nicht, dass die Zukunft wie in der Geschichte verlaufen muss. Auch, wenn die Analogie nicht greift, weiß ich aber zumindest mit meinem historischen Wissen tendenziell, in welche Richtung die Dinge sich bewegen. Man hat ein gewisses Gefühl für Entwicklungen unter bestimmten Umständen, und das ist schon mal ein guter Grund, Geschichte zu studieren. Geschichte ist als Wissenschaft im deutschsprachigen Raum sehr unterschätzt. Wenn ich mich frage, wann das letzte bedeutende Werk war, das bei uns in Österreich verfasst worden ist, außer Romane, also Schundliteratur, dann weiß ichs auch nicht. Das wird in Österreich leider viel zu wenig gemacht. Alle sagen, „studier was gscheits”. Und da jetzt alle was gscheits studieren, kommt in Wirklichkeit kaum was dabei raus in diesem Land.

© Matthias Jaidl
„Alle sagen, ‘studier was gscheits’. Und da jetzt alle was gscheits studieren, kommt in Wirklichkeit kaum was dabei raus in diesem Land. Zumindest geistig nicht.“
UP: Was meinst du genau, wenn du „großes Werk“ sagst?
Muamer: Ein Werk, das über die Grenzen hinausstrahlt. Sachbücher, die europäisches oder vielleicht sogar weltweites Ansehen genossen haben, sehe ich kaum. Also die besten Bücher zu den Habsburgern schreiben mittlerweile Briten oder Amerikaner. Während der Habsburger Monarchie oder kurz vor dem Zweiten Weltkrieg gab es eine ganz andere geistige Qualität. Aber seit 1945 wüsste ich niemanden, der Weltrenomée hat – außer Thomas Brezina und ein paar anderen Literaten, das mag sein. Doch im Sachbuchbereich sind wir vollständig abgesandelt. Geistes- und naturwissenschaftlich haben wir so gut wie nichts hervorgebracht. Und wenn, dann sind sie sofort in die Schweiz oder in den anglosächsischen Raum ausgewandert.
UP: Du hast ja gerade ein Buch geschrieben. Wie schätzt du den wissenschaftlichen Wert deiner eigenen Werke ein?
Muamer: In den letzten Monaten habe ich alle großen geschichtsphilosophischen Werke gelesen und versuche jetzt, mein eigenes zu verfassen. Das finde ich spannend, weil es erstens um die Frage geht: Was ist der Verlauf der Welt oder der Menschheit? Gibt es Gesetze darin, oder ist alles nur pures Chaos? Und inwieweit hat ein Staatsmann Spielraum zwischen den Umständen und seinem Willen? Diese Fragen finde ich faszinierend, auch, wenn sie schon alt sind. Was mich antreibt, ist Neugier, die Welt und den Menschen zu verstehen und nachzuvollziehen. Aber bedeutend ist bisher keines meiner Werke, dafür habe ich ja noch ein bisschen Zeit. (lacht)
UP: Wie schreibt man ein Buch?
Muamer: Es ist so, als würdest du einen Wal essen wollen. Du knabberst an ihm, wahrscheinlich jahrelang. Du musst dich einfach täglich hinsetzen und dir sagen: „Okay, ich schreibe heute eine halbe oder ganze Seite.“ Mein neues Buch, an dem ich gerade arbeite, dreht sich um Staatskunst und die Macht der Geschichte. Daran arbeite ich schon seit zwei Jahren und bin jetzt gerade damit fertig geworden, das zu lesen, was ich dafür benötige. Ich habe noch nicht einmal zu schreiben begonnen. Zum Autorensein oder zum Publizieren gehört einfach das Gefühl der Verzweiflung dazu. Aber letztlich, wenn man das Baby in der Hand hält, ist es wunderschön – aber die Periode dazwischen ist mühselig und hart.
UP: Bist du ein radikaler Selbstdarsteller?
Muamer: Ich weiß nicht, was an Selbstdarstellung so unverschämt ist. War Napoleon Selbstdarsteller? Ja. War er trotzdem ein erfolgreicher Feldherr und Staatsmann? Ja. Ist jeder Politiker irgendwo ein Selbstdarsteller, jeder Autor, jeder Journalist, jeder Unternehmer? Ja, absolut. Ich sehe die große Problematik bei der Selbstdarstellung nicht, ich habe Schwierigkeiten mit Selbstdarstellern ohne Substanz. Ich kenne bessere Berufe, bei denen einem die Herzen zufliegen. Wenn man geliebt werden will, wird man weder Wissenschaftler noch Politiker.
UP: Muamer Bećirović liegt im Sterbebett – was will er verändert haben in der Welt?
Muamer: Darum sollen sich ehrlich gesagt inzwischen andere kümmern. Ich will ein paar Bücher schreiben, unterrichten, aber das Verändern überlasse ich noch den anderen. Ich habe noch sehr viel zu lernen, bevor ich selbst verändern darf. Wenn mein Schaffen einen Einfluss darauf hat, dann schön, wenn nicht, nehme ich es auch in Kauf. Das wichtigste ist das, was wir getan haben und nicht, wer wir waren. Am Ende sind wir eh alle tot. Nehmt das als Aufhänger, dann sind euch die Klicks sicher.
Das neue Buch „Heimat” von Muamer Bećirović und dem ehemaligen Vizekanzler Erhard Busek ist soeben im Kremayr & Scheriau Verlag erschienen.