UNIpress: Herr Strolz, wie geht es Ihnen? Beziehungsweise: Was ist mit Ihnen?
Matthias Strolz: (lacht) Es geht mir gut und es ist viel, viel los.
UP: Es scheint tatsächlich viel los zu sein – etwas mehr als ein Jahr nach Ihrem Rückzug aus der Politik sind Sie medial wieder voll präsent. Sie haben eine Fernsehsendung, ein neues Buch, eine Investition in ein Start-Up-Unternehmen– Ihre Tage scheinen prall gefüllt. Können Sie Ihr erklärtes Ziel, sich zurückzuziehen, um mehr Zeit für Ihre Familie zu haben, noch erfüllen?
Strolz: Ich habe es zwischenzeitlich erfüllt und nun mehr Zeit für die Familie als zuvor. Ich habe gut Schwung geholt in dem Jahr und jetzt kommt ganz viel zur tatsächlichen Entfaltung, es ist noch viel mehr in der Pipeline. Momentan bin ich auf diesen drei Portfolio-Feldern: Das Erste ist Autor, Publizist, TV-Schaffender, das Zweite ist systemisch-integraler Berater und Coach, mitunter auch für Spitzenpolitiker -aber nur ausländische. Und das dritte Feld ist das Ehrenamt: Ein Drittel meiner Zeit wende ich für ehrenamtliche Tätigkeiten auf. Das kann das Europäische Forum Alpbach sein, eine Bildungs-NGO, das Klima Volksbegehren…

©Parlamentsdirektion / PHOTO SIMONIS
Matthias Strolz
Matthias Strolz, geboren 1973 in Bludenz, aufgewachsen in Wald am Arlberg. Er studierte Wirschaftswissenschaften und Politikwissenschaft an der Leopold-Franzens-Universität. Zunächst war er als Unternehmer erfolgreich, bevor er 2012 die Partei NEOS gründete und bereits 2013 als deren Vorsitzender in den Nationalrat einzog. 2018 beendete Strolz sein politisches Engagement, um sich neuen Zielen zuzuwenden.
UP: Würden Sie Ihre momentanen Tätigkeiten eher als Zwischenstopps beschreiben oder sind Sie als Pilot Ihres Lebens am Zielflughafen angekommen?
Strolz: (lacht) Naja, die Metaphern sind halt schwierig – aber ich weiß schon, sie sind ja von mir. Deshalb darf ich sagen: Sie sind unzulänglich.
Das Leben ist ein Fluss und insofern habe ich gelernt, mit der Flussrichtung zu schwimmen.
Es gab auch Phasen, in denen ich dagegen angeschwommen bin – das ist nicht sinnvoll. Ich erkenne immer mehr mein Wesen, ich bin ein Gärtner des Lebens. Ich kultiviere soziale Felder und das ist meine Destination. Insofern bin ich in meiner Berufung angekommen, ich verkörpere sie. Ob ich nun als Vater, als Unternehmer, als Firmengründer, als Parteigründer, als Abgeordneter, als Buchautor, als Ehrenamtlicher tätig bin – ich kultiviere immer soziale Felder. Ich bin dabei, wenn das Leben und das Wirken in die Entfaltung kommen will. Das macht mir eine große Freude, es erfüllt mich, und das wird auch so bleiben.
UP: Wie hat Sie Ihre Zeit als ÖH-Vorsitzender an der Uni Innsbruck geprägt?
Strolz: Sehr stark. Das war schon einer der intensivsten Crashkurse des Lebens, den ich genossen habe. Da bist du schon mit Mitte 20 Quasi-Bürgermeister von 30.000 Studierenden, du bist plötzlich Alleineigentümer, Vertreter von einem Druckereibetrieb, von einer Buchhandlung, du hast letztlich hunderte ehrenamtliche Mitstreiter, hast plötzlich auch hauptamtliche Angestellte, also da hat es geknallt, im Sinne von Entfaltung – Plopp, Plopp, Plopp!
UP: Was waren Ihre größten Erfolge als ÖH-Vorsitzender?
Strolz: Wir haben damals ein Studententicket durchgesetzt, das war wichtig. Aber es war eher das Gesamtkunstwerk, auf das ich am Ende stolz war. Ich habe die ÖH entschuldet, nachdem ich sie mit einer Millionen Schilling negativem Eigenkapital übernommen hatte. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht war die ÖH insolvent, ich war von Tag Eins unter Aufsicht des Ministeriums. Dann gab es zwei Wochen vor meinem Amtsantritt Brandanschläge auf die ÖH – an Hitlers Geburtstag. Es gab Morddrohungen gegen den Hochschulpfarrer, den Rektor, und den ÖH-Vorsitzenden. Die Kriminalpolizei war da, jeden zweiten Tag die Staatspolizei. Parallel lief ein Gerichtsverfahren gegen die Kommunisten, weil sie unter Verdacht standen, die ÖH einige Monate davor verwüstet zu haben. Am Anfang wurde ich auch noch als Verdächtiger geführt, weil die Brandanschläge möglicherweise mit Zugang zur Josef-Hirn-Straße verübt wurden. Damit waren alle unter Verdacht, die einen Schlüssel hatten. Dann wurde auch noch der Tresor der ÖH ausgeräumt, darin befand sich Bargeld. Wir durften aber laut Gesetz kein Bargeld haben, das war also offensichtlich Schwarzgeld von Mensa-Festen und ich war gerade frischer Vorsitzender. Deshalb wurden auch meine Fingerabdrücke abgenommen – denn das Problem dabei war, dass der Tresor nicht aufgebrochen wurde. Also war ich auch hier Verdächtiger. Ich habe sehr viel gelernt in Sachen Österreich, Rechtssystem, Polizeisystem– es war also ein echter Crashkurs. Und das zu befrieden, in ruhige Gewässer zu führen, das alles in zwei Jahren zu sanieren, dafür aber auch den Leistungsoutput zu erhöhen – das ist alles gelungen und das freut mich sehr. Wir haben sehr sinnvolle Sachen für die Studierenden gemacht, was österreichweit nicht jeder ÖH gelingt.
UP: Sie sind Pilot Ihres Lebens – was waren Ihre Bruchlandungen?
Strolz: Zum Beispiel habe ich in meinen letzten Wochen als ÖH-Vorsitzender einen Rektor-Kandidaten aufgestellt und in meinem Glauben an das bessere Argument auch der Theologie damals Stimmen unserer Fraktion geschenkt. Im Endeffekt waren sie aber gegen einen Kandidaten und haben ihn zu Fall gebracht. Gescheitert ist der Kandidat an den Stimmen, die ich verschenkt habe. Dann wollte ich als Unternehmer einen Fernsehsender machen. Wir haben damals mitgeboten und waren unter den letzten drei Bietern für eine Lizenz. ATV hat dann den Zuschlag bekommen.
Da habe ich auch gelernt, dass das Leben nicht immer Wunschprogramm ist.
In meinem Buch beschreibe ich, wie ich auch in Sachen Körperbewusstsein sehr viele Lerneinheiten bekommen habe – zuletzt einen Bandscheibenvorfall. Das ist natürlich eine persönliche Niederlage, aus katholischer Perspektive war es eine Bestrafung für persönliche Ignoranz. In der Politik hätte ich gerne bei drei Landtagswahlen gewonnen. Das sind Rückschläge, die weh tun, aber sie gehören dazu. Das Leben ist mitunter auch ein Auf und Ab. Ich bereue nichts. Mit dem was ich heute weiß, würde ich vieles anders machen, aber daran denke ich nicht, weil es irrelevant ist. Es ist vorbei.
UP: Was würden Sie als Ihre größten Höhenflüge im Auf und Ab des Lebens bezeichnen?
Strolz: Dreifacher Vater von gesunden Kindern zu sein ist ein unglaubliches Geschenk. Ein mühsames Geschenk, mein größter Grenzgang. In der Vaterrolle gehst du immer an Grenzen: Deiner Nerven, deines Könnens, deines Wissens, deines Vertrauens, deiner Freiheit, deiner Verantwortung. Ich schätze mich glücklich, meine Frau zu haben. Ich habe immer meine Leidenschaft zum Beruf gemacht. Ohne Kalkül, den „Masterplan“ gab es nicht, ich habe mich hingegeben und ich habe immer so viel zurückbekommen. Dann war es eine große Aufgabe, Parteigründer zu sein. Auch jetzt, dass ich so einen kraftvollen und stimmigen Abgang habe, dafür bin ich unglaublich dankbar. Ich sitze daheim und habe stille politische Vaterfreuden, es läuft gut. Sie [Anm. Red.: Beate Meinl-Reisinger] macht es anders, aber sie macht es extrem kraftvoll. Neos wird diesem Land noch viel bedeuten und es wächst Schritt für Schritt.
UP: Sehen Sie für sich auch in Zukunft keine Aufgaben in der Politik?
Strolz: Ich habe ein klares Commitment, dass ich, solange mich meine Kinder brauchen, hier eine Priorität setze. Wie lang das dauern wird, weiß ich nicht. Aber aus heutiger Sicht werde ich mich dieser Familien-Präsenz solange widmen, bis die Kinder aus der Schule draußen sind. Das sind noch mindestens acht Jahre.
UP: Was hat sie dazu bewegt, Ihr neues Buch zu schreiben?
Strolz: Ein Buch ist für mich ein Geburtsakt. Ich bringe unter Wehen etwas zur Welt, das sich über Monate in mir genährt hat, und ich bin ganz erstaunt, was dabei herauskommt. Ich bin in so einer Phase Künstler, der von einer Essenz geführt wird, die eine höhere Kraft ist. Diese Formgebung, die ich in die Welt bringe, bewirkt dann ganz Erstaunliches. Beim letzten Mal hat sie eine Parteigründung bewirkt. Ich bin gefüllt mit Geschichten, ich könnte auf der Bühne stehen und fünf Stunden durcherzählen, entlang meines Modells der Entfaltung, weil ich mich selbst mit Geschichten angefüllt habe, die durch das Schreiben strukturiert werden. Es ist eine sonderbare Arbeit, ein Schöpfungsakt für mich. Ich mag das.
UP: In Ihrem Buch schreiben Sie, dass in einer dualen Welt Licht und Schatten zu uns gehören wie Tag und Nacht; sie sind Teil unserer Natur. Was sind Ihre persönlichen Schattenseiten?
Strolz: Meine Ängste. Ich habe aus diesen Verwerfungen in der ÖH – Morddrohungen, Anschläge, Kriminalpolizei, Staatspolizei –wilde Albträume mitgenommen.
Ich habe gewusst, solange ich diese Alpträume habe, kann ich nicht in die Politik. Die Angst musste weg.
Da haben sich wilde Schattenseiten aufgetan. Abwerfen musste ich auch die Schatten meiner Kindheit, die katholische Sexualmoral, mit der ich aufgewachsen bin. Mit 14 hat mich noch die Frage getrieben, wie ich als Jungfrau in die Ehe komme. Das war eines meiner größten Probleme damals, heute lache ich darüber. Das ganze Vorarlberger Wesen ist einerseits ein Geschenk, andererseits eine Last. Das ganze „Schaffe, Schaffe, Häusle baue” hat geholfen als Parteigründer, als Firmengründer– aber wissen Vorarlberger auch, wann es genug ist? Ich habe es lernen müssen. Dann wohnt in jedem von uns auch der Wolf der Missgunst, der Niedertracht, der Lüge– und den versuche ich klein zu halten. Ich habe es nie gut gefunden, wenn sich Menschen über andere moralisch erheben. Ich wollte auch nie die FPÖ in Bausch und Bogen verurteilen. Ich bin ein HC-Versteher, ich glaube, zu verstehen, was ihn bewegt. Ich finde es trotzdem nicht okay, wie er sich verhalten hat, und finde, er gehört nicht mehr in die Politik. Aber ich trenne zwischen Menschenwürde, die jeder Mensch hat, und Ablehnung von Verhaltensweisen.
UP: Was ist die Essenz von Matthias Strolz?
Strolz: Ich bin ein Mensch, das ist zu diesem Zeitpunkt meine Essenz. Aber ich glaube auch, dass in mir, wie in jedem Menschen, ein außerzeitliches Wesen pulsiert, nicht in einem Puls von dieser Welt. Ich glaube, dass wir diesen Punkt als Menschen noch in keinster Weise verstehen, weil Jahrhunderte von positivistischer, naturwissenschaftlicher Hegemonialherrschaft den Blick darauf verstellt haben. Ich glaube, in der Versöhnung von Spiritualität und Naturwissenschaft liegt der große Game-Changer für diesen Planeten. Und der wird, hoffe ich, kommen und den Blick für unsere Essenz freimachen.
UP: Trifft es Sie persönlich, wenn sich Politikerinnen und Politiker anderer Parteien über Ihre spirituelle Ader lustig machen?
Strolz: Natürlich gab es Zeitpunkte, an denen es mich gekränkt hat, aber nie so stark, dass ich Abstand davon gehalten hätte. Nach meinem Abgang sind auch Leute gekommen, die mir den Arm auf die Schulter gelegt und gesagt haben: „Weißt, du hast eh Recht. Mit allem.” Die Leute sind viel aufgeschlossener. In den Achtzigern war Yoga grober Unfug, nahe an Gotteslästerung, fernöstlicher Exzess. Heute ist Yoga nichts Schlimmes mehr. Achtsamkeitstraining wird in zehn Jahren so verbreitet sein, wie heute Joggen. Ich muss niemanden überzeugen, aber ich lasse mir auch nicht den Mund verbieten.
Es werden mir nicht alle Recht geben, aber das Verhalten der Abgeordneten legt sicher nicht Zeugnis darüber ab, was sie wirklich denken, fühlen und meinen. Andere haben gelernt, sich verbiegen zu können, aber ich glaube auch nicht, dass es ihnen gut tut. Es schauen nicht immer alle gesund aus im Parlament. Es ist ein Beruf, der potentiell sehr krank macht. Applaus ist Koks für die Seele, Politik ist ein Bühnenberuf, etwas für Junkies. Natürlich bin ich auch nicht frei von diesen Dingen. Jeder Bühnenberuf ist Gefahrenzone für Therapiefälle aller Art. Jeder von uns hat einen Rucksack: Da sind Dinge drin, die sind unpackbar, und eigentlich solltest du sie aussortieren, aber du hast nicht die Kraft, den Mut, die Entschlossenheit, das zu tun. Aber wenn du sie nicht aussortierst, beherrschen sie dich irgendwann. Dann bist du der Knecht deines Rucksacks. Auch wenn du denkst, du bist austherapiert – Bullshit! Du erreichst nur die nächste Schichtung im Prozess des Reifens.
Früher dachte ich, mit 30 ist man ausgereift, Bullshit! Du wächst immer weiter, und der größte Wachstumsschritt ist der letzte Atemzug. Der Tod ist etwas, das für die meisten von uns nicht fassbar ist, für mich auch nicht. Aber er ist eine Entfaltung und du lernst bis zuletzt.
UP: Herr Strolz, vielen Dank für dieses Gespräch.
(Gespräch vom 22. Oktober 2019)