Piste nur für Touristen?

von Jonas Krabichler
Lesezeit: 6 min
Der Skisport wird immer mehr zum Luxus. In den letzten Jahren sind die Preise für Skipässe rasant angestiegen. Früher konnten Einheimische diese zu billigeren Preisen erwerben, heute nicht mehr. Gepaart mit den negativen Folgen des Tourismus ist dies für viele höchst problematisch.

Es ist Samstagmorgen im Dezember. Wie jeden Wintertag tummeln sich Massen an Skifahrern an der Talstation der Galzigbahn in St. Anton am Arlberg. Wer mit den Bahnen fahren will, benötigt natürlich einen Skipass. Dieser kostet für Ski Arlberg satte 81,50 Euro pro Tag. Damit ist St. Anton jedoch kein Einzelfall: Andere bekannte Skiorte wie Sölden, Hintertux oder Kitzbühel weichen nur wenige Euro von diesem Preis ab.

Auch kleinere Skigebiete wie etwa das Rangger Köpfl oder der Hochzeiger verlangen für eine Tageskarte 47 bzw. 63 Euro. Mehrtagestickets lohnen sich erst ab vielen Tagen, etwa vier bis sechs Tage. Für Menschen, die sich einen Skiurlaub in Tirol leisten können, stellt dies kein großes Hindernis dar. Für Gelegenheitsskifahrer oder ärmere Personen jedoch schon.

Unleistbare Grundpreise, teure Lebensmittel und kein Vorankommen auf Tirols Straßen

Etwa 17,5 Prozent des Tiroler Bruttoinlandsprodukts sind dem Tourismus zu verdanken. Wer es schafft, von diesem Kuchen ein Stück abzuschneiden, kann komfortabel leben. Alle anderen spüren die negativen Seiten des Massentourismus der Alpen.

Skiorte liegen meist ländlich in Tälern. Hier ist der Platz naturgemäß begrenzt. Das führt zu exorbitanten Preisen für Grundstücke und Immobilien. Ein Blick auf die Grundstückspreise in Österreich zeigt, dass viele Skiorte gleich teuer oder sogar noch teurer als Städte sind. Die beiden Gemeinden mit den höchsten Grundstückspreisen in der gesamten Republik sind Reith bei Kitzbühel sowie die Stadt Kitzbühel selbst. Beide Orte sind klassische Tourismusgebiete. In Reith kostet ein Quadratmeter Baugrund 2666 Euro, 21,5-mal so teuer wie der österreichische Durchschnitt. Wer dort ein freistehendes Haus auf einem 600-Quadratmeter-Grundstück errichten will, zahlt allein für den Grund fast 1,6 Millionen Euro. Für den österreichischen Medianverdiener (66 578 Euro pro Jahr) ist ein Hausbau in Tourismusgemeinden nicht leistbar, ohne Schulden für das restliche Leben aufzunehmen.

Die immensen Preise für Anwohner durch Tourismus lassen sich auch an anderen Ecken bemerken. Lebensmittel sind in Tirol oft deutlich teurer als in anderen Regionen: Markenlebensmittel zum Beispiel kosten in Tirol um bis zu 234 Prozent mehr als in Deutschland. Auch andere Lebenshaltungskosten wie Mieten sind in Tirol, insbesondere in den Tourismusorten, deutlich höher als anderswo in Österreich.

Wer schon einmal im Sommer oder Winter an einem Samstag das Pech hatte, über den Fernpass fahren zu müssen, weiß, dass die Passstraße an manchen Tagen ein massives Nadelöhr der alpinen Überquerung darstellt. Andere Straßen, wie etwa der Brettfalltunnel, der ins Zillertal führt, oder der Zirler Berg, stoßen oft an die Grenzen der Kapazität – zum Leidwesen der Anwohner. Wenn auch noch Abfahrverbote wie im Wipptal ignoriert werden, können die Orte oft gar nicht mehr effektiv erreicht werden. Bei Notfällen ist dies höchst kritisch.

Alternative Tarifoptionen

Mit all diesen Auswirkungen müssen die Bewohner Tirols und speziell die von Tourismusorten klarkommen. Wer vom Tourismus selbst nicht lebt, spürt die Schattenseiten deutlich. Dass das Skifahren mittlerweile äußerst kostspielig ist, ist für viele Einheimische ein Problem. Dennoch ist der Skisport für viele unabdingbar und in Österreich ganz klar der beliebteste Wintersport.

Wer häufiger auf den Skipisten fährt, kauft sich Saisontickets oder regionale Multisporttickets wie die Regiocard oder das Freizeitticket. Damit öffnen sich die Türen für gleich mehrere Skigebiete und andere Freizeitorte wie Schwimmbäder im Sommer, alles gratis nach einer Einmalzahlung. Diese Einmalzahlung ist alles andere als günstig – 700 Euro aufwärts, wer erst später zugreift, zahlt mehr. Dass so viel Geld für ärmere Familien nicht im Budget ist, ist klar. Auch ist es offensichtlich, dass jede/r, der/die nur gelegentlich Wintersport betreiben will, kein 700-Euro-Ticket kaufen wird.

Genau für diese Gruppe boten Skigebiete früher verbilligte Tickets an, die Vergünstigungen wurden als „Einheimischenpreise“ bekannt. Die genaue Vorgehensweise war von Ort zu Ort unterschiedlich, jedoch konnten Personen mit Hauptwohnsitz in dem Skiort oder in Tirol Liftkarten zu günstigeren Preisen erwerben. Wer aktuell ohne Gästekarte in Serfaus-Fiss-Ladis einen Tagespass erwerben möchte, muss 65 Euro zahlen. Noch 2023 konnten Einheimische hingegen Tageskarten für 40 Euro erwerben, am sogenannten „Tiroler Tag“ des Skigebietes waren diese sogar für nur 33 Euro erhältlich für alle Personen mit Hauptwohnsitz in Tirol. Serfaus war kein Einzelfall: Im gesamten Land gab es ähnliche Rabatte, mit denen Anwohner die Lifte billiger nutzen konnten.

Das Ende der Einheimischenpreise

Die Betonung liegt auf konnten. Die Einheimischenpreise gibt es seit 2024 nicht mehr. Der Grund ist eine Klage des österreichischen Vereins für Konsumenteninformation (VKI). Denn laut dem EU-Recht sind Vergünstigungen für Ortsansässige verboten. Für die EU sind solche Tarife diskriminierend, da sie manche Unionsbürger benachteiligen. Der gezahlte Preis darf nicht von der Herkunft abhängen.

Als bekannt wurde, dass durch die Klage des österreichischen VKI die Einheimischenpreise Geschichte sein würden, ging eine Entrüstungswelle durchs Land. Ausgerechnet ein österreichischer Verein hat die Vergünstigungen eliminiert. So verschwanden also ab der Wintersaison 2024/25 die Einheimischentarife.

Der Tourismus in Tirol wäre jedoch nie so weit gekommen, wenn die Tiroler bei jedem Problem den Kopf hängen gelassen hätten. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. So grübelten manche Touristiker seit jener verhängnisvollen Klage intensiv und ließen sich einige Ideen einfallen: Wer etwa einen Liefervertrag mit einheimischen Energielieferanten oder eine Mitgliedschaft in lokalen Vereinen an der Kassa aufweisen kann, zahlt weniger.

Illustration: Andreas Strobl

Potenziell problematisches „Comeback“

Solche Übergangslösungen könnten in Zukunft jedoch nicht mehr nötig sein. Nachdem aus dem Alpenraum ein ganzes Jahr lang harte Kritik Richtung Brüssel gehagelt war, signalisierte die EU eine mögliche Reform des Diskriminierungsverbots. Der dafür zuständige EU-Tourismuskommissar Apostolos Tzitzikostas meinte, dass Einheimischenpreise in bestimmten Regionen möglich gemacht werden sollten. Der Grieche spricht sich allgemein für nachhaltigen Tourismus aus: Dass Einheimische sich das Skifahren leisten können, ist für ihn Teil davon. Laut ihm sollen alle Menschen zwölf Monate im Jahr Zugang zu Tourismus haben können. Damit könnte es schon bald wieder offizielle Vergünstigungen für Einheimische geben, diesmal sogar mit offiziellem Segen der EU.

Doch ist die mögliche Wiedereinführung dieser Preise fair oder überhaupt sinnvoll? Denn dadurch könnte die Büchse der Pandora geöffnet werden – warum gibt es extra Rabatte für Einheimische bei Skiliften, bei Museen, Freizeitparks oder ähnlichen Einrichtungen aber oft nicht?

Dazu kommt die Frage: Wer ist überhaupt ein Einheimischer? Ist das eine Person aus dem Ort, wo der Lift steht, aus Tirol oder generell aus Österreich? Viele Skiorte, wie etwa Fieberbrunn, liegen viel näher an anderen Bundesländern: Würden dort die zehn Kilometer entfernten Salzburger keine Rabatte bekommen, die 19-mal so weit entfernten Tiroler aus Galtür aber schon?

Tourismus ohne Anwohner?

All dies sind legitime Kritikpunkte, jedoch sollten die Auswirkungen für Anwohner in Tourismusgebieten nicht vergessen werden. Die USA haben die Preise von Nationalparks-Eintritten für ausländische Touristen massiv erhöht – sehr zur Entrüstung vieler Europäer. Jedoch gilt auf der anderen Seite des Atlantiks das gleiche Prinzip. Viele Nationalparks und die anliegenden Orte sind komplett überlaufen. Die Preise in den USA sind ohnehin astronomisch, in den Tourismusorten sind sie in einer anderen Galaxie. Auch hier ist es wichtig, dass die lokale Bevölkerung zumindest Zugang zu den sehenswerten Parks erhält.

Gleiches gilt in Tirol und auch ganz Österreich: Das Skifahren selbst bleibt die einzige positive Seite der Liftanlagen für viele Bewohner. Die hohen Preise, der Lärm der Après-Ski-Bars und der Verkehr im Heimatort lassen sich zumindest besser ertragen, wenn man wenigstens den Skisport ausüben kann. Ohne lokale Sportler verliert der Skisport seinen Charakter und die Lifte verkommen zu einem Monument des Massentourismus.

 

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