Frausein und Angst

von Katharina Isser
Lesezeit: 3 min
Zum Weltfrauentag beschreibt unsere Autorin, wie beklemmend es in Österreich noch immer sein kann, eine Frau zu sein.
TW: sexuelle und physische Gewalt.

Ich bin eine Frau, und ich habe Angst.

 

Ich habe Angst, wenn ich im Dunkeln alleine nach Hause gehen muss. Begleitet mich eine Freundin, ist es kaum besser. Wir bieten doppelte Angriffsfläche.

Oft schützt mich nicht mal Tageslicht.

 

Ich habe Angst, wenn ich in meine Vergangenheit sehe. Wenn mir auffällt, dass ich häufiger von alten Männern angemacht wurde, als ich noch zur Schule ging.

Ich wurde mein Leben lang von anderen immer jünger geschätzt, als ich wirklich war.

 

Ich habe Angst, wenn ich in meine Zukunft sehe. Frauen sind in Österreich in etwa zwei- bis dreimal häufiger von Altersarmut betroffen als Männer. Schon zur Zeit der Erwerbstätigkeit verdienen sie im Durchschnitt weniger für gleiche Arbeit. Die Care-Arbeit, die an ihnen oft hängen bleibt, – das Pflegen von Angehörigen, das Erziehen der Kinder – wird selbstverständlich nicht entlohnt.

 

Ich sorge mich jetzt schon um meine Töchter. Ich habe Angst, dass ich auch einmal um sie Angst haben muss.

 

Und ich habe Angst, wenn ich mich im Hier und Jetzt umsehe. Wenn ich sehe, wie abfällig auch junge Männer, on- und offline, zunehmend über Frauen sprechen, sie wahrnehmen.

Wenn ich merke, wie viele der Frauen – und derer, die von Männern so gelesen wurden – in meinem direkten Umfeld Männergewalt erlebt haben. Oft sexuelle. Manchmal aber auch Schläge, Würgen und Ähnliches.

 

„Der gefährlichste Ort für eine Frau hierzulande ist nicht die abgelegene Gasse in der Nacht, sondern die Partnerschaft, in der sie lebt.“ So beginnt Yvonne Widler ihr Buch Heimat bist du toter Töchter: Warum Männer Frauen ermorden –  und wir nicht wegsehen dürfen. Österreich steht im europäischen Vergleich sehr schlecht da, was Femizide, also Morde an Frauen wegen ihres Geschlechts, betrifft. Natürlich ist nicht jeder Mord an einer Frau gleich ein Femizid – bringt ein Mann aber seine Ex-Partnerin aus Eifersucht, Besitzansprüchen oder Kontrollwahn um, hängt das direkt mit ihrem Geschlecht zusammen. Die Logik des Femizids: Fügt sie sich nicht, folgt der ultimative Machtbeweis. Ihre Auslöschung.

 

Es sind ganz normale Frauen, die ermordet werden. Laut den Autonomen Österreichischen Frauenhäusern waren es im Jahr 2022 mutmaßlich 28. Im Jahr 2023 mit 1. März schon sechs.
Und: Es sind augenscheinlich ganz normale Männer, die sie ermorden.

 

Ich bin eine Frau, und ich habe Angst. Weil vielleicht irgendwann einmal ich in der Zeitung stehe, mein Nachname nur auf einen Anfangsbuchstaben gekürzt. Oder meine beste Freundin. Oder meine Sitznachbarin in der Uni.

Dann geht es uns wie Nadine W.

Oder Kornelia F.

Oder Silvia K.

Oder Violeta J.

Oder all den anderen, deren Vornamen wir nicht einmal wissen.

 

Ich bin eine Frau, und ich bin wütend. Weil ich noch immer Angst haben muss.

Schreibe einen Kommentar

* Durch die Verwendung dieses Formulars stimmst du der Speicherung und Verarbeitung deiner Daten durch diese Website zu.

Artikel aus der selben Rubrik