Politische Vorstellungskraft und kühne Utopien

von Jule Pichler
Lesezeit: 5 min
Der Vorstellung sind keine Grenzen gesetzt. Das ist auch gut so, denn um die Politik der Zukunft zu entwerfen, bedarf es einer Menge Vorstellungskraft.

Träumer sind jene, die versonnen aus dem Fenster blicken und seufzend über eine friedliche Zukunft sinnieren. Romantisierend philosophieren sie über eine Welt ohne Artensterben und über eine Politik, die Chancengleichheit schafft. Naiv inszenieren sie ihr Schlaraffenland der Superlative. Realitätsfern sind diese Leute, die tagträumerisch der realen Welt entfliehen. Doch ohne waghalsige Träume wird es wohl keine Zukunftsvision geben, ohne gedankliche Kreativität kein politisches Neudenken. Es folgt ein Plädoyer für die Einbildungskraft.

Das Krisen-Zeitalter stellt Politik und Gesellschaft vor Herausforderungen und bestimmt die politische Agenda. Wir wollen nicht länger mit der Angst vor einem sich aufheizenden Planeten leben oder um unseren europäischen Frieden bangen. Doch haben wir eine Vorstellung von einer Welt ohne Übel?

Politische Utopien sind Entwürfe einer Zukunft, die eine bessere Staatsform als die jetzige bereithält. Diese sinnstiftenden Visionen sollen bereits in Krisenzeiten Hoffnung wecken, um das Gefühl der Hilflosigkeit zu überwinden. Es handelt sich um Wunschvorstellungen, die losgelöst von der reinen Kapitalakkumulation auch andere Ziele ideeller Art verfolgen.  

Schlaue Köpfe aus der Vergangenheit machen es vor

Bereits vor mehr als 500 Jahren beschrieb der humanistische Renaissance-Autor Thomas Morus in seinem Werk Utopia einen politischen Gegenentwurf des damaligen Englands. Inspiriert von den elenden Verhältnissen im damaligen Europa konstruiert er in seiner Imagination einen republikanischen Staat ohne Privateigentum, patriarchale Verhältnisse und die Idealisierung der monogamen Ehe als anzustrebendes Konzept. Das durch Morus beschriebene Ideal und seine Idee einer bestmöglichen politischen Ordnung ist nur ein, wenn auch geschichtsträchtiger, Entwurf des utopischen Umdenkens.

Ganz unter dem Motto „Wissen ist Macht“ gestaltete Francis Bacon seine Idealvorstellung einer Insel mit der interdisziplinären Forschungsstätte „Haus Salomons“ als Zentrum. Das Ergründen natürlicher Gesetzmäßigkeiten durch empirische Untersuchungen soll das Leben der Inselbewohnenden vereinfachen. Das Werk Nova Atlantis rückt die Wissenschaft als Angelpunkt in den gesellschaftlichen Mittelpunkt und romantisiert die Vorzüge einer ganzheitlichen Art des Erkenntnisgewinns.

Klingen die Ausführungen der beiden Denker aus der heutigen Perspektive vielleicht überholt, so muss stets der Entstehungskontext der visionären Zukunftsvorstellungen beachtet werden. Jede Utopie ist ein Kind ihrer Zeit und häufig dem Wunsch geschuldet, mit einem politischen Neuentwurf auf die gesellschaftlichen Missstände zu antworten.

Die Technik als Zauberformel

Bei den heutigen zukunftsorientierten Vorstellungen des Fortschritts fußen die idealisierten Vorstellungen fast ausschließlich auf technologischen Errungenschaften. Statt die kulturelle Komponente eines Staates revolutionieren zu wollen, wird der Fokus auf die technische Weiterentwicklung als Allheilmittel gesetzt. Futuristische Zukunftsprojekte treten an die Stelle von revolutionären Gegenentwürfen der Staatsform. Ein Projekt des japanischen Baukonzerns Shimizu macht dies deutlich. Um die Unterwasserwelt zu kapitalisieren und Japans überbevölkerte Städte zu entlasten, wird versucht, den Meeresgrund bewohnbar zu machen. Was sich zunächst wie Zukunftsmusik anhören mag, ist nun kein utopischer Entwurf mehr, sondern ein realisierbares Projekt. 26 Milliarden US-Dollar sollen in die Hand genommen werden, um das bis 2030 fertiggestellte Konzept „Ocean Spiral“  realisierbar zu machen.

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Gewiss ist technische Innovation erfolgversprechend im Umgang mit den Krisen unserer Zeit. Das Gesundheitswesen ist dafür das Paradebeispiel. Die mRNA-Medizin erwies sich in der Corona-Pandemie als effektiv in der Entwicklung eines Impfstoffs, ebenso soll sie zukünftig den Fortschritt in der Krebsforschung vorantreiben.

Fluch und Segen ist die moderne Technik. Während sie visionär die Zukunft gestaltet und Innovation schafft, die uns in Krisensituationen hoffen lässt, entsteht durch sie auch der profitmaximierende Wettkampf. Höher, schneller, weiter heißt es oft trotz der Ressourcenkanppheit und des sich erwärmenden Planetens.

Mut zur Fantasie!

Technischer Fortschritt schön und gut, doch wie kann eine Politik der Zukunft aussehen, welche der Krisen Herr werden kann? Gemäß der politischen Theoretikerin Hannah Arendt ist die höchste Bestimmung des Menschen, Neues zu schaffen, um das Alte hinter sich zu lassen. Die Politik soll den Menschen die Freiheit zum Weiterdenken gewähren. Was wir der Denke Arendts heute, im Umgang mit Krisen der Politik und Umwelt und den sich daraus ergebenden gesellschaftlichen Folgen, abgewinnen können, ist ihr Appell zur Vorstellungskraft. Der Status quo soll nicht länger statisch determiniert bleiben. Im Umgang mit den Problemen müssen wir unsere Kreativität und den Mut zu innovativem Denken erlangen, um Unreflektiertes aus der gewohnten Form herauszulösen. Klimaziele können nicht eingehalten werden, wenn der Fokus auf Profit die Unternehmen ungehindert leitet. Umweltbewusste Alltagsentscheidungen werden nicht ohne das gesellschaftliche Neudenken der Wertvorstellungen etabliert. Statt sich, eingebettet in den bestehenden Denkmustern, mit dem Strom treiben zu lassen, sollten wir unsere Politik mittels unseres Einfallsreichtums zu einem besseren und zukunftsorientierten Ort gestalten. Nicht Neutralität, sondern die politische Stellungnahme befähigt uns, aus Problemlagen auszubrechen. 

Kreativität und Vorstellungskraft sind keine naiven Eigenschaften. Sie können uns im Hinblick auf eine bessere Zukunft den Weg weisen und Entwürfe für eine Politik vorlegen, welche die Zeit nach dem Krisen-Zeitalter beschreiben. Hören wir nicht auf zu träumen!

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