Am 4. April 2025 spielte der FC Wacker Innsbruck gegen den Lokalrivalen, die WSG Tirol. 5.551 Zuschauer bestaunten im Innsbrucker Tivoli-Stadion einen spektakulären 4:2-Heimsieg von Wacker. Klingt nach einem klassischen Bundesliga- oder Zweitligaderby zwischen den beiden historisch bedeutsamsten Tiroler Fußballclubs. Das Problem: Die Partie fand im Rahmen der viertklassigen Regionalliga Tirol statt –und Wacker spielte nicht gegen die Profis der WSG, sondern gegen deren Zweitmannschaft. Wie es dazu kam, ist eine turbulente Geschichte voller Ups und Downs für die „Wackerianer“.
Eine Odyssee durch die Vereinsgeschichte
Die Geschichte des Vereins beginnt im Jahr 1913. Oder doch 1915? Dies lässt sich nicht objektiv festlegen: die ersten Statuten des Vereins wurden Ende 1914 eingereicht, im Februar 1915 wurden diese genehmigt. Doch viele Quellen der Nachkriegszeit nennen 1913 als Gründungsjahr – die Gründe dafür bleiben bis heute unklar. Dennoch verbinden viele Innsbrucker 1913 mit der Vereinsgründung und so wird das Jahr vom Verein selbst verwendet.
Nach der Auflösung des Vereins und der Neugründung im Jahr 1923 unter gleichem Namen bewegte sich Wacker in den folgenden Jahrzehnten immer mehr Richtung der höchsten Spielklasse, der heutigen Bundesliga. 1964 gelang der Aufstieg in die höchste Leistungsstufe, und 1971 konnte der erste Meistertitel gefeiert werden. Nur einen Monat später fusionierte der Verein mit dem nahe gelegenen Club WSG Wattens. Der neue Name lautete in voller Pracht „Spielgemeinschaft Swarovski Wacker Innsbruck – Spielgemeinschaft FC Wacker Innsbruck – Werksportgemeinschaft Wattens“. Die Spielgemeinschaft war in den 1970er Jahren eines der dominantesten Teams in Österreich und konnte 4 weitere Meistertitel in der Dekade erringen. Nach dem Abgang wichtiger Spieler, einem Abstieg in die 2. Liga und starken finanziellen Schwierigkeiten wurde die Spielgemeinschaft 1986 aufgelöst.
Wattens und Innsbruck gingen wieder getrennte Wege. Der neu gegründete FC Swarovski Tirol aus Wattens übernahm die Spiellizenz des alten Vereines und Wacker Innsbruck musste seine Rückkehr aus der 10. Liga starten. Der Verein konnte sich selbst bis in die 6. Liga hochkämpfen, ehe sich Swarovski Tirol trotz des Sieges zweier Meisterschaften auflöste. Wacker übernahm die Lizenz und spielte plötzlich wieder Bundesligafußball. Jedoch war die neue Bundesligazeit sehr begrenzt. Mit Hinblick auf sinkende Zuschauerzahlen und öffentlichen Druck vonseiten des Landes Tirol wurde aus dem FC Wacker Innsbruck ein neuer Verein, der FC Tirol Innsbruck, abgespalten. Wacker spielte erneut im Amateurbereich. 1999 löste sich der Club endgültig auf.
Der „Nachfolgeverein“ FC Tirol konnte die österreichische Meisterschaft 2000, 2001 und 2002 gewinnen, jedoch wurden die Finanzen des Vereines nicht nachhaltig geführt und so häufte sich ein immer größer werdender, nicht aufräumbarer Schuldenberg an. Dieser führte zur Insolvenz und Auflösung des Vereins. Die Fans sehnten sich jedoch nach Profifußball in Tirol. So wurde der FC Wacker Innsbruck 2002 komplett neu gegründet und trat sofort eine weitere Spielgemeinschaft unter dem Namen Wacker Tirol mit Wattens ein, um nicht erneut in der letzten Liga beginnen zu müssen. Die Spielgemeinschaft wurde nach dem schnellen Aufstieg in die 2. Liga wieder aufgelöst. Ein großes Problem war der Vereinsname: Viele Fans identifizierten sich nicht mit dem Namen „Wacker Tirol“, weshalb der Verein 2007 wieder in Wacker Innsbruck umbenannt wurde. Dieser Name sollte sich bis heute bewähren.
Bis 2022 war der Verein ein Fahrstuhlverein, der sich konstant in der Bundesliga oder 2. Liga halten konnte. Im April 2022 wurde dem Verein die Lizenz für den Profifußball nach langjährigem wirtschaftlichem Missmanagement verwehrt. Der FC Wacker Innsbruck musste erneut den Gang in den Amateurfußball antreten – diesmal in die fünftklassige Tiroler Liga.
Die vielen Insolvenzen des österreichischen Fußballs
Die turbulente Geschichte des FC Wacker Innsbruck zeigt, dass die aktuellen Entwicklungen nicht neu sind und der Verein schon oft in den Amateurfußball abstürzte und sich wieder bis in den Profifußball hochkämpfen konnte. Damit ist der Verein auch kein Einzelfall. Insolvenzen, Lizenzentzüge, Fusionen und Wiederaufstiege sind ein typisches Muster des österreichischen Fußballs, der durch chronischen Geldmangel geprägt ist. Neben Wacker stürzten viele Traditionsvereine wie Austria Salzburg, der Grazer AK oder der SV Mattersburg in den Amateurbereich ab. Der Fußball in Österreich ist jedoch auch von immenser Fanliebe zu den Vereinen geprägt. Alle der vorher genannten Vereine wurden von den Fans neu gegründet oder weitergeführt und befinden sich auf dem Weg nach oben – der Grazer AK schaffte in der Saison 2023/24 sogar den Wiederaufstieg in die Bundesliga.
Dies ist auch das Ziel des FC Wacker Innsbruck. Trotz der niedrigen Spielklasse, in der sich der Verein derzeit befindet, finden sich in jedem Heimspiel tausende Fans ein. Auch die Anzahl an Fans, die den Verein bei Auswärtsspielen unterstützen, ist beachtlich. So wurden Heimspiele gegen Wacker für kleinere Tiroler Dorfvereine zum Jahreshighlight. Doch auch die Partien, die im Innsbrucker Tivoli-Stadion stattfinden, sind für viele Vereine etwas Besonderes. Durchschnittlich finden sich etwa 2.000 bis 3.000 Fans zu einem Spiel ein. Solche Kulissen sind im Tiroler Amateurfußball außergewöhnlich. Auch der Support der Ultras, den fanatischen Fußballfans, die sich auf Stehplätzen einfinden und ihre Mannschaft das ganze Spiel über mit Gesängen unterstützen, macht jedes Spiel im Tivoli-Stadion zu einem Highlight.
Eine besondere Partie
Solch eine besondere Atmosphäre herrschte beim Spiel gegen die WSG Tirol Amateure, wo eine Rekordkulisse von 5.551 Fans vertreten war. Die eng verbundene Geschichte der Vereine macht jedes Spiel der Mannschaften zu einer außergewöhnlichen Auseinandersetzung. In diesem Fall wurde die Partie noch mehr angeheizt, da sich die beiden Teams jeweils auf Platz eins und zwei der Tabelle befanden, und es somit um den Aufstieg in die drittklassige Regionalliga West ging. Auch ist es für Wacker wichtig, die Spiele gegen die WSG zu gewinnen, da sich der Verein aufgrund der Geschichte selbst als den Verein Tirols versteht. Dies ist aktuell zumindest faktisch nicht der Fall, da die WSG Tirol seit 2019 durchgängig in der Bundesliga spielt und damit zweifellos der sportlich relevanteste Tiroler Männerfußballclub ist. Jedoch trumpft Wacker durch Emotionen, und alle zwei Wochen unterstützen bei jedem Heimspiel mehrere Tausend den FC Wacker, egal in welcher Liga er sich befindet.
Zur Freude der Fans dürfte der Verein auch bald eine Rückkehr in den Profibereich feiern. Nach einem Jahr Orientierungslosigkeit nach dem Zwangsabstieg konnte Wacker 2024 die 5. Liga gewinnen. Dieses Jahr konnte der Verein den Titel der 4. Liga erringen und spielt nächste Saison in der drittklassigen Regionalliga West. Das Niveau dort ist deutlich höher als in den unteren Klassen, zumal Wacker in dieser Liga auch gegen Vereine aus Vorarlberg und Salzburg spielen wird. Dennoch geben sich die Innsbrucker zuversichtlich, da der Verein über viele junge Spieler mit Potenzial verfügt. Auch eine strategische Kooperation mit dem amerikanischen Verein Los Angeles FC lässt die „Wackerianer“ träumen. Wie genau die Kooperation im Detail aussieht, ist nicht klar – Wacker-Präsident Hannes Rauch sprach in einem Interview 2024 mit dem 90-Minuten Magazin nur von wirtschaftlichen und sportlichen Aspekten.
Kein Verein der Seligen
Der FC Wacker weist auch einen sehr hohen Anteil von Legionären auf. Das sind Spieler, die nicht in ihrem Heimatland aktiv sind. Der Anteil liegt bei 16 von 24 Spielern und somit bei zwei Dritteln. Für eine Amateurmannschaft in der 4. Liga ist das außergewöhnlich. Viele Fans sind jedoch der Meinung, dass eine Amateurmannschaft hauptsächlich lokale Talente ausbilden sollte. Ihnen ist der lokale Bezug sehr wichtig. Dies steht jedoch im Konflikt mit dem Selbstverständnis des Vereins als eine der Größen des österreichischen Fußballs. Ein schneller Wiederaufstieg in die oberen Ligen ist daher wichtig – dabei können Legionäre helfen.
Neben diesem Punkt gibt es auch andere Aspekte, die so mancher am Verein kritisiert. Oft wird hervorgehoben, dass Wacker Innsbruck jahrelang überproportional viele Förderungen des Landes Tirol auf Kosten anderer Vereine in Anspruch genommen hat. Durch die turbulente Geschichte und dem kürzlichen Insolvenzverfahren wirkt der Verein unruhig. Böse Zungen nennen den Verein wegen der Kooperation mit Los Angeles FC auch schmähhaft „FC Hollywood“ – eine Anlehnung an einen Spitznamen des FC Bayern aus den 1990er Jahren, der damals durch massive interne Unruhen geprägt war.
Auch die Insolvenz 2022 ist auch heute noch ein Thema. Von mehr als 130 verschiedenen Gläubigern wurden circa 18 Millionen Euro gefordert, die der Verein nicht bezahlen konnte. Bisher wurden von diesen 2,4 Millionen Euro anerkannt. Der Kreditschutzverband rechnet jedoch damit, dass den Gläubigern ein Totalausfall entstehen wird – es konnten seit der Eröffnung des Verfahrens vor drei Jahren keine relevanten Beträge einbringlich gemacht werden.
Trotz all dieser Umstände bleibt der FC Wacker Innsbruck eine Institution im österreichischen Fußball. Mit den insgesamt zehn gewonnenen Meistertiteln in verschiedenen Formen steht der Verein auf Platz vier der Liste der Vereine mit den meisten Erfolgen. Auch die Fankultur gilt als herausragend – jedoch schießen Fans keine Tore. Es bleibt abzuwarten, ob der Verein es schafft, sich wieder langfristig im Profifußball zu etablieren, finanziell auf sicheren Füßen zu stehen und die lang ersehnte Rückkehr in die Bundesliga zu feiern.