An einem sonnigen Mittwochnachmittag verabrede ich mich mit ihr vor der SoWi, dort hat sie zwei Semester Politikwissenschaften studiert: Shahzard ist 34 Jahre alt und kommt aus dem Iran. Sie hat es vor fünf Jahren geschafft, das Leben mit Moralpolizei hinter sich zu lassen. In Innsbruck lebt sie ein freies Leben. Der Weg dorthin war jedoch alles andere als einfach.
Wie sie aussieht, weiß ich bis dato noch nicht. Ich scanne die auf dem Campus rumwuselnden Menschen nach einer Frau mit Kopftuch – Fehlanzeige. Ich rufe sie an, dass ich da sei. Sie sagt am Telefon, sie winke kurz mit erhobener Hand, damit ich sie sehen kann. Als ich sie entdecke, bin ich überrascht. Denn, um gleich mal mit meinen eigenen Vorurteilen aufzuräumen, sie trägt kein Kopftuch. Sondern langes, offenes, blondes Haar.
Wir suchen uns ein Café aus und ich erzähle ihr von meinem Gedanken. Daraufhin sagt sie und lacht: „Du bist nicht die erste, die das denkt“, und beginnt zu erzählen.
Shahzards Weg nach Innsbruck
Bald schon wird vor lauter Reden aus ihrem Cappuccino und meinem Latte Macchiato Eiskaffee. „In meiner Heimat, im Iran, muss man Kopftuch tragen, egal ob man religiös ist oder nicht – auch Touristen“, erklärt Shahzard. Der Iran ist ein sogenannter Gottesstaat – Religion und Staat sind eine Instanz. Frauen, die ohne Kopftuch das Haus verlassen, müssen mit der Todesstrafe rechnen. „Ich kenne keine Frau, die jetzt in einem anderen Land lebt und freiwillig noch ein Kopftuch trägt“, sagt Shazard, denn „hier sind wir frei“.
Die 34-jährige lebt seit fünf Jahren in Innsbruck. Geboren und aufgewachsen ist sie in der iranischen Hauptstadt Teheran. Nach ihrem Landwirtschaft-Studium an der Yazd Universität arbeitete sie in einem Reisebüro, wo sie ihren Ex-Mann kennenlernte. Dieser wohnte damals bereits in Österreich und machte einen Heimaturlaub im Iran. „Er hat ein Ticket bei mir gekauft und wir haben uns verliebt“, blickt sie zurück. Kurze Zeit darauf heirateten die beiden.
Nach der Hochzeit war der nächste Schritt der Umzug nach Österreich. Dafür beantragte sie ein Heiratsvisum, auf dessen Erhalt sie acht Monate hatte warten müssen. Um studieren und arbeiten zu dürfen, beantragte sie zusätzlich ein Studierendenvisum, wofür sie ihr Abschlusszeugnis der iranischen Universität kostspielig übersetzen und anerkennen lassen hat. Zusätzlich musste sie eine gewisse Geldsumme auf dem Konto haben, berichtet Shahzard von den Voraussetzungen.
Ob du ein Visum bekommst, sei dahingestellt
Shahzard kennt deshalb nur wenige, die den Iran mit einem Visum verlassen haben. Sie sagt, am häufigsten ist es, dass die Menschen das Land als Flüchtling verlassen. Denn ein Visum zu bekommen ist sehr schwer. „Du kannst zur Botschaft gehen und den Antrag ausfüllen, ob du dann ein Visum bekommst, sei dahingestellt“, sagt sie „und wenn der Antrag negativ ist, kann man erst in drei Jahren wieder einen Antrag stellen. Zudem sind die Löhne im Iran sehr niedrig und die Lebenshaltungskosten sehr hoch, die meisten können die Gebühren für das Visum nicht bezahlen und so bleibt ihnen keine andere Möglichkeit, als zu fliehen und dann Asyl zu beantragen“, so Shahzard.
Trotzdem beantragen viele Studierende das Studierendenvisum, denn es ist ein Weg, den Iran verlassen zu können. Shahzard bestätigt, dass manche Iraner:innen deshalb länger als die Regelstudienzeit im Ausland studieren. Denn sobald man sein Studium abgeschlossen hat und nicht sofort einen Job findet, muss man zurück. „Es ist absurd, weil österreichische Studierende versuchen, schnell fertig zu werden, um ein besseres Leben mit mehr Möglichkeiten zu haben – Iraner:innen hingegen studieren, um überhaupt hier leben zu dürfen“, sagt Shahzard traurig. Sie hat einen Bekannten, der bereits seit zwölf Jahren studiert, immer abwechselnd schiebt er ein Semester ein, in dem er ausschließlich arbeitet, um seine Kosten decken zu können. „Viele bekommen deswegen psychische Probleme“, stellt sie fest. „Wir brauchen zehnmal so lange, um etwas zu lernen, obwohl es ohne Sprachbarriere eh schon schwer genug wäre“, sagt Shahzard.
Eine Herausforderung nach der anderen
Auch sie ist an der Herausforderung, zu studieren und nebenbei so viel zu arbeiten, um ihr Leben zu finanzieren, gescheitert. Hinzu kommt, dass Shahzard keine finanzielle Studienunterstützung bekommt, da sie bereits über 30 Jahre alt ist. Sie hat zwei Semester Politikwissenschaften studiert und nebenbei in der Lebenshilfe gearbeitet.

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Schweren Herzens entschloss sie sich, das Politikwissenschaften-Studium abzubrechen – es war in Kombination mit ihrem Job viel zu arbeitsintensiv. Da ihr die Arbeit in der Lebenshilfe Freude bereitete, entschied sie sich, einen Neustart zu wagen und begann, Erziehungswissenschaften zu studieren. Denn Ewigkeiten zu studieren passt nicht zu Shahzard, „Ich bin Mitte 30, Zeit ist so wichtig für mich, ich will auch mal ankommen – aber so ist das Leben“ sagt sie resigniert.
Nach zwei Semestern entschied sie sich, auch Erziehungswissenschaften abzubrechen. Ihre Chefin bot ihr die Ausbildung im SOB an, welche sie im Herbst 2023 starten wird. Aktuell arbeitet die Powerfrau in Vollzeit als Pflegeassistentin und freut sich darauf, im Herbst mit der Ausbildung starten zu können.
Sie setzt sich für die Rechte der Iraner:innen ein
Obwohl so viele Kilometer zwischen ihr und ihrer Heimat liegen, beschäftigt sie sich tagtäglich mit den Geschehnissen und den Menschen im Iran. Sie engagiert sich in ihrer Freizeit aktivistisch, ist Mitglied der SPÖ und fährt bis nach Wien und Berlin, um an Demos teilzunehmen. Zudem ist sie auf Instagram aktiv und teilt Beiträge, die ihr wichtig sind. Vor kurzem hat sie mit Freund:innen eine Plakat-Aktion gestartet, wo sie in ganz Innsbruck Plakate aufgehängt haben, mit dem Slogan „es lebe die Frauenrevolution im Iran und überall“.
„Ich schreibe viele Emails an Politiker, auch wenn ich noch nie eine Antwort bekommen habe“, sagt sie, in der Hoffnung, doch etwas Druck ausüben zu können. Sie wünscht sich, dass die jüngsten Proteste etwas ändern, denn „wie können die Iraner zufrieden sein, wenn die Hälfte von ihnen im Käfig ist?“.
Auch erhofft sich Shahzard Solidarität und Sanktionen von den Politiker:innen anderer Länder. „Ich will, dass die iranische Bevölkerung unterstützt wird, nicht die Politiker“, sagt sie und fügt hinzu „die wichtigsten Menschen im Iran sind im Gefängnis, unsere Journalisten, Aktivisten und Feministen wurden bereits mundtot gemacht“. Das Regime soll schwach werden, damit Veränderung möglich wird.
„Der Iran ist eigentlich ein reiches Land, aber die Politiker helfen nur der Mafia und der Taliban, nicht aber den eigenen Leuten, unser Geld wird in Krieg und Gewalt investiert“, bedauert sie. „Ich kann und will nicht zurück, ich bin nicht religiös“, sagt sie. In ihrem Pass steht konfessionslos – das würde die Todesstrafe bedeuten. „Ich bin hier angekommen, habe mir mühsam ein Leben aufgebaut und habe hier so gute Freunde, ich will das nicht zurücklassen“, stellt sie klar. Trotzdem wird sie nicht damit aufhören, Kontakt zu ihrer Heimat zu halten und sich von Innsbruck aus einzusetzen, damit sich die Lage im Iran verbessert.
Vorsicht statt Leichtsinn
Am Tag nach unserem Gespräch schreibt mir Shahzard, dass sie dringend noch etwas Wichtiges loswerden muss. Wir telefonieren kurz und sie bittet mich, den Artikel ohne Foto und Nachnamen zu veröffentlichen. Denn falls sie einen Tag zurück in den Iran will oder muss, könnte ihr der Artikel zusätzliche Probleme bereiten.
Bereits jetzt erreichen sie regelmäßig Hass-Nachrichten auf Instagram.
Dieser Artikel erschien auch in der Jänner-Ausgabe 2023.