In der Ukraine schlagen Raketen ein und nicht einmal eine Österreich-Länge entfernt sitzen wir da. „Das ist eine schöne Bluse“, sagt eine Freundin zur anderen, während sie auf meinem Balkon sitzen, rauchen und lachen. Ich kann nicht lachen, muss an die Männer in meinem Alter denken, die in den nächsten Tagen in Leichensäcken heimkehren werden. An die Menschen, die sich jetzt in ihre Autos setzen und losfahren. Es ist unsere „verdammte Pflicht“, zu helfen und alle Kriegsflüchtlinge aufzunehmen, sagt der Presse-Außenpolitik-Leiter Christian Ultsch gestern sichtlich mitgenommen im ORF.
“Neutralisierung” der Ukraine
Gerhard Mangott, Russlandexperte, mein alter Professor von der Uni, entschuldigt sich auf Twitter, weil er die Situation falsch eingeschätzt hat, nicht so bald mit einer großflächigen militärischen Operation Russlands gerechnet hat, diesen brutalen Angriffskrieg nicht kommen gesehen hat. In der ORF-Sendung formuliert er seinen Standpunkt, wie immer, glasklar. Er offeriert realpolitische Lösungen, zeigt auf, was nicht getan wurde, um den Krieg möglicherweise verhindern zu können. Man hätte die Ukraine „neutralisieren“ können. Wie Finnland nach dem Zweiten Weltkrieg. Stattdessen habe die NATO ihre Prinzipien der „offenen Tür“ der „Bündnisfreiheit“ eines jeden Staates verteidigt.
Vielleicht hätten diesbezügliche Verhandlungen nichts gebracht. Vielleicht wäre eine Neutralisierung Putin nicht genug gewesen. Vielleicht hätte eine solche Einigung aber auch den Krieg verhindern, Menschenleben retten und den Frieden in Europa erhalten können. Ursula Plassnik, ehemalige Außenministerin Österreichs (ÖVP), bezeichnet Mangotts Anmerkung als “arrogant” – wenn man damit anfängt, der Ukraine ihr Selbstbestimmungsrecht abzusprechen, wo hört man dann auf? “Am einen Tag ist es die Ukraine, am nächsten Tag sind wir es selbst“, warnt Plassnik.
Putins “Rote Linie”
Utilitaristen gegen Kantianer, ein Professor, der realpolitisch argumentiert, eine Politikerin, die im Prinzipienelfenbeinturm zu sitzen scheint. Eine Weltgemeinschaft, die, wenn sie einen nuklearen Konflikt vermeiden möchte, nur zusehen kann, ein Diktator, der ohne Rücksicht auf Verluste seine geopolitischen Interessen durchsetzen will und wird. „Wer die Kerninteressen der russischen Sicherheit bedroht, wird das so bereuen wie schon lange nichts mehr“, sagte Putin noch bei seiner letztjährigen Rede an die Nation. Damals sprach der russische Präsident von einer „Roten Linie“, die nicht überschritten werden dürfe. Wann diese jedoch überschritten sei, bestimme nur er selbst.
Die EU und die echten Weltmächte
Putins Worte waren leider nicht nur leere Drohungen. In Europa herrscht Krieg. Die Ukraine ist keine 500 Kilometer von der österreichischen Grenze entfernt, genauso nahe, wie Vorarlberg an Wien dran ist. Alle führenden Politiker und Politikerinnen der EU stehen jetzt zusammen und verurteilen Russlands Angriff. Das ist gut, das ist wichtig und im Endeffekt doch völlig egal. Was zählt sind die Verhandlungen mit US-Präsident Joe Biden und Chinas Xi Jinping. Die EU ist für Putin nur ein Vasall Amerikas, und obwohl wir die größte Wirtschaftskraft der Welt stellen, sind wir militärisch und machtpolitisch nicht entscheidend, nicht handlungsfähig. Jetzt kündigt der Kreml als Antwort auf die Sanktionen des Westens „Vergeltung“ an – „symmetrischer und asymmetrischer“ Natur.
Von Innsbruck bis Berlin sind es über 750 Kilometer.
Ich sitze am Schreibtischstuhl meiner Innsbrucker Wohnung, draußen ist es schön, der Himmel leicht bewölkt, Sonne scheint zum Fenster herein, die Kamine rauchen sanft vor sich hin. Und wir sind immer noch da.