Der Glaube an den Fortschritt der Maschinen verhieß den Menschen das Paradies auf Erden. Die Sozialisten träumten von der Weltrevolution und dem Ende des Klassenkampfs, während die Ökonomen sich in unsichtbaren Händen glücklich wägten.
Das 19. Jahrhundert war die Blütezeit der Utopien. Die historischen Umbrüche dieser Epoche ließen in den Köpfen vieler Menschen wundervolle Zukunftsbilder entstehen.
Mit der Zeit schienen einige dieser Utopien auch tatsächlich Wirklichkeit zu werden – und dabei zu echten Albträumen zu werden. Die bittere Lektion der Realität drückt sich aus in fortschritts- und technologiekritische Werken – den Dystopien.
Stets waren es die großen Erzählungen, die der Menschheit großes Unheil eingebracht haben. Denn der unvermeidliche Makel aller Utopien liegt in ihrer Starrheit. Der Entwurf einer perfekten Welt ist nicht zu übertreffen, er erlaubt keine Veränderung. Die Statik dieser Welten beraubt sie gleichzeitig jeder Menschlichkeit. Eine zur Wirklichkeit gewordene Utopie entpuppt sich in Wahrheit als Dystopie.
Aber auch jene utopischen Entwürfe, welche bloß solche geblieben sind, erweisen sich mit der Zeit als ihr Gegenteil. Wer heute Utopia von Thomas Morus, Archetyp der gesamten Textgattung, liest, wird einen unangenehmen Schauer nicht unterdrücken können.
Jede Utopie ist eine Dystopie. Das Einzige, was die eine von der anderen unterscheidet, ist der Unverstand des Utopisten.
Konstruktive Kraft der Katastrophe
Man möchte meinen, Dystopien seien einzig die Werke von reaktionären Kulturpessimisten. Keine Frage – zum Teil sind sie das. Aber es gibt auch jene, die keineswegs die Intention haben, das Morgen im Gestern zu suchen. Es geht auch nicht darum, die Menschen zu lähmen und ihnen alle Hoffnung zu rauben. Die Schreckensvisionen der Dystopien sind keine Prognosen für die Zukunft, vielmehr sind sie ein literarisches Werkzeug der Gesellschaftskritik. Sie greifen Befürchtungen und Ängste der Gegenwart auf und schreiben sie fort bis zum Ungeheuren. Nicht geschrieben steht allerdings, was denn nun das Gute sei. Es ist der bloß implizite Gedanke des Autors, den man sich zu eigen machen soll. Es fällt doch so viel leichter, überzeugt zu werden, wenn man glaubt, man wäre selbst auf die Idee gekommen.
Zwar wohnt auch utopischen Werken eine gewisse Fähigkeit zur Kritik inne, ihre Rolle gegenüber Dystopien ist heutzutage jedoch eine recht bescheidene.
Wie kommt es aber, dass sich der dunkle Zwilling der Utopie einer so viel größeren Beliebtheit erfreut, als sein sonniger Gegenpart?
Seit der Frühen Neuzeit wurden die meisten großen utopischen Erzählungen geschrieben. Diese positive Vorstellungskraft scheint sich jedoch mit dem Ende des 19. Jahrhunderts erschöpft zu haben. Die ungekannte Rohheit des folgenden Jahrhunderts mag der Menschheit wohl mehr Anlass zur Furcht als zur Hoffnung gegeben haben. Imperialismus, Faschismus, Sowjetkommunismus, zwei Weltkriege und ein Kalter Krieg – Rosenzeiten sehen anders aus. Die Herrschaft von Gewalt und Terror erforderte nicht mehr viel Fantasie, sich die Zukunft in den düstersten Farben auszumalen. Es war die Zeit von Schöne Neue Welt, 1984, Fahrenheit 451 usw. – Ikonen des literarischen Albtraums.
Wenn die Realität zur Fiktion wird
Es werden heute wohl mehr dystopische Werke verfasst als jemals zuvor. Die Herausforderungen der Gegenwart sind ein Füllhorn für apokalyptische Gedankenspiele. Unterstellt man all diesen Werken aber nun eine konstruktive kritische Kraft, so muss man sich fragen, weshalb sich am Status quo bisher so wenig geändert hat.
Utopien auf der einen Seite verkümmern zu Orten des seelischen Rückzugs, die einen bloß die Brutalität der Realität vergessen machen wollen. Währenddessen bergen Dystopien die Gefahr, dass das eigene Handeln auf die Fiktion verschoben wird, um in der Realität weiterhin seiner Passivität frönen zu können. Es steckt ein perverses Vergnügen im Betrachten des fiktionalen Weltuntergangs, versüßt es einem doch die eigene Gegenwart.
Sowohl Utopie als auch Dystopie können also genau das Gegenteil ihrer Intention bewirken. Statt Leidenschaft erzeugen sie Lethargie, statt Revolution Restauration, statt wachzurütteln schläfern sie ein.