In eine Glück-liche Zukunft

von Stefan Gasser
Lesezeit: 4 min
Mit der Verleihung des Nobelpreises für Literatur an die amerikanische Poetin Louise Glück stellt sich eine der zentraleren Fragen der jüngeren Literaturgeschichte. Wer liest denn überhaupt noch Gedichte?

Für die meisten Menschen heute haben sich Gedichte nach der Oberstufe erledigt. Der letzte Berührungspunkt mit Dichtung ist oft nur noch der Anflug von Verzweiflung, wenn man sich irgendwelche hohlen Phrasen über Goethes Zauberlehrling oder die Ode an die Freude von Schiller in einer Deutschschularbeit aus der Nase zieht. Nun hat aber die Amerikanerin mit dem bezaubernden Namen Glück für ihr Gesamtwerk die höchste Auszeichnung erhalten, die einer Dichterin zuteil werden kann. Die Entscheidung des Komitees stieß zuerst nicht nur auf Zustimmung. Doch die Wahl, ob es sich bei der Vielzahl an Gedichten tatsächlich um Weltkultur oder einfach nur um Kitsch handelt, soll anderen überlassen werden. Die Nobelpreisverleihung hat nämlich auch eine andere Debatte angestoßen: Wer liest überhaupt noch Gedichte, oder auch viel mehr, wer schreibt sie noch? Und passt das Medium Gedicht überhaupt noch in die moderne Zeit der Massenmedien und schnellen Unterhaltung?

Auf diese Fragen gibt es verschiedene und auch jeweils sehr eindeutige Antworten. Viele können der Kunstform nicht wirklich etwas abgewinnen; es handle sich um ein Produkt der langsam verrottenden Vergangenheit. Für andere sind Gedichte Allheilmittel und eine Art persönliche Erlösung. Alle, die das anders sehen seien nur ‘ungebildete Barbaren*’ – hier verschwimmen die Grenzen zwischen Kulturelitismus und Ignoranz. Doch so individuell der persönliche Geschmack auch sein mag, gibt es tatsächliche und direkte Anwendungsgebiete für Poesie, auch heute noch. Immerhin zeigt auch der kommerzielle Erfolg von zeitgenössischen Poet*innen, wie Glück, dass durchaus noch Interesse an Dichtung besteht.

Die Poetry Pharmacy

Ein Beispiel für die praktische Relevanz von Gedichten und Dichtung heute ist die ‘Poetry Pharmacy’. Dabei handelt es sich um ein Projekt von Deborah Alma und Dr James Sheard. In der Vergangenheit tingelten die Beiden mit einem alten Krankenwagen durch England, um dort Menschen gegen kleinere und größere seelische Wehwehchen Gedichte zu ‘verschreiben’. Das Sortiment der ‘Arznei’ reicht von Herzschmerz bis Lethargie – sucht jede Gefühlslage abzudecken, um Trost in einer schweren Stunde oder auch einfach nur Zerstreuung der Langeweile zu spenden. Was ursprünglich als ein Nebenprojekt gedacht war, um Menschen Gedichte und Dichtung wieder näherzubringen, führte für die Beiden zum Erfolg. Heute kann man sogar in der kleinen, malerischen Stadt Bishop’s Castle an der Grenze zu Wales zur ‘Sprechstunde’ erscheinen, um sich vor Ort ein ‘Rezept’ für das richtige ‘Medikament’ zu holen. Auch Online-Konsultationen sind möglich. Wenn man sich für eine etwas weniger umständliche Alternative entscheiden will, ist das ‘Poetic First Aid Kit’ in Buchhandlungen und auch online erhältlich.

Ein Gedicht ist ein Gedicht ist ein Gedicht

Aktionen, wie die ‘Poetry Library’ versuchen die Barrieren, die viele Menschen gegenüber Gedichten haben, einzureißen. Einen neuen Zugang zu schaffen, der viel Freude, Farbe und Erleichterung in ein Leben bringen kann. Oft beruht der Unwille sich mit Gedichten auseinanderzusetzen auch auf der Art wie diese vermittelt werden. Vergleichbar mit mathematischen Aufgaben oder linearen, grammatischen Übungen werden Werke auf Stilmittel reduziert und zerrupft bis eigentlich nicht mehr viel der ursprünglichen Botschaft übrig bleibt. Dabei ist das Wichtigste, dass bei Lyrik und Poesie im Allgemeinen beachtet werden sollte, dass ein Gedicht nicht unbedingt etwas Unnahbares und absolut Abstraktes sein muss. Es gibt Gedichte, die sich mit der wundervollen und banalen Belanglosigkeit des Lebens auseinandersetzen und kaum einen tieferen Sinn haben als die reine Faszination eines kunstvollen Reims, einer schönen Metapher oder dem Ausdruck eines speziellen Gefühls. Und doch hat man dann immer noch die Möglichkeit die einzelnen Bausteine eines Gedichts genau zu untersuchen, um auch die letzte, versteckte Bedeutung daraus hervorzukitzeln.

Gedichte über Covid, Populismus und Klimaschutz

Wenn man sich aktuelle lyrische Neuerscheinungen ansieht, finden sich in Produktionen auch einige Referenzen zu aktuellen Geschehnissen. Trends und Stimmungen bilden sich oft in Literatur und Dichtung ab und zeigen auf, dass man oft mit den eigenen Problemen und Ängsten nicht alleine ist. T.S. Eliot hat einst gesagt, dass das Lesen eines Gedichtes die Vereinigung eines Moments mit der Unendlichkeit ist. Was er aber nicht bedacht hat, ist, dass ein Gedicht auch manchmal nur eine schöne Idee sein kann, ohne einen komplexen und versteckten Sinn. Das wunderbare an der Dichtung ist, dass sie allgemeine Gegensätze in sich vereint. Manchmal ist alles was nötig ist ein wenig Mut um vielleicht auch nach Jahren der Entfremdung wieder einmal einen Gedichtband in die Hand zu nehmen. Wer weiß, vielleicht kann das ja sogar der Beginn einer wunderbaren Reise sein.

 

Wer mal bei der Poetry Pharmacy reinschauen will:

https://www.poetrypharmacy.co.uk

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