Hamilton, sowohl der historische Namensträger als auch das auf ihm basierende Hip-Hop Hitmusical, wurde innerhalb weniger Jahre zu einem weltweiten Phänomen. Mit der lang antizipierten Veröffentlichung der Broadway-Inszenierung auf Disney+ ist das Musical nun auch für den Otto Normalverbraucher verfügbar – was mit Ticketpreisen bis zu 1.150 US-Dollar eine Revolution an sich darstellt.
How does the bastard, orphan, son of a whore
Go on and on
Grow into more of a phenomenon?
The Room Where It Happens
Disney ersteigerte – mit einem bescheidenen Vermögen von rund 75 Millionen US-Dollar – die Rechte zum Live-Mitschnitt des Musicals, samt Originalbesetzung, die natürlich auf dem großen Bildschirm keinesfalls fehlen darf. Wenn man bedenkt, wie sehr die Pandemie den Unterhaltungssektor auf den Kopf gestellt hat, wirkt es beinahe ironisch, dass die frühzeitige Veröffentlichung der COVID-19 Krise zu verdanken ist. Ursprünglich sollte „Hamilton“ nämlich erst im Herbst 2021 ins Kino kommen. Allerdings haben Schöpfer Lin-Manuel Miranda und Regisseur Thomas Kail entschieden, die Veröffentlichung aufgrund des Broadway-Blackouts vorzuverlegen. Lin-Manuel Miranda hatte sich in den vergangenen Jahren vehement gegen die Veröffentlichung von sogenannten „Bootlegs“ – illegal mitgefilmten Aufnahmen von Bühnenproduktionen – ausgesprochen. Musicals und Theater müssten live erlebt werden, so das Genie hinter „Hamilton“. Daher wurde bereits so mancher Urlaub gestrichen (oder alternativ auch die Schulbildung der Jüngsten – immerhin ist „Hamilton“ eh ein Kulturgut), nur um das Musical live sehen zu können. Nun macht aber Disney+ das Wohnzimmer zum „room where it happens“ und wirft damit die Frage in den Raum, ob dies die Zukunft des Broadways sein könnte.
Revolutionen aller Art
Durch diese neu gewonnene Zugänglichkeit gewinnt die Vergangenheit an Relevanz und ruft im selben revitalisierten Atemzug etliche Fragen auf. „Hamilton“ lädt ein, darüber zu philosophieren, wie sich die Geschichte und deren Darstellung im Laufe der Zeit verändern. Aber auch Stagnation ist ein zentraler Fokus. So hält uns das Musical einen Spiegel vor Augen und zeigt uns Strukturen, die der Menschheit seit Jahrhunderten innewohnen – ein roter Faden, der sich durch geschichtliche Ereignisse zieht und immer wieder von Neuem aufgerollt wird. Somit erzählt das augenblickliche Amerika die Geschichte des damaligen Amerikas. Gerade im heutigen politischen Klima, geplagt von politischen Intrigen (die selbst die Intrigen in „Hamilton“ fast schon melodramatisch wirken lassen), einer globalen Pandemie, und Kämpfen gegen Polizeibrutalität und Rassismus, gewinnt „Hamilton“ eine neue, nochmals einschlagkräftigere Komponente. Vor allem Waffengewalt und deren oftmals fatale Folgen spielen im Musical eine fundamentale Rolle – ein Thema, das in Amerika gerade aktueller ist denn je. „It hits different“, wie es Lin-Manuel Miranda auf den Punkt bringt.
The World Turned Upside Down
„Musicals? Das ist doch eh nur Netflix für alte Säcke und reiche Schnösel!“ Zugegebenermaßen haben Musicals im Vergleich zu einer (wortwörtlichen) Netflix-und-Chill Session ein eher antikes Flair. Mit „Hamilton“ kehrt jedoch ein neuer Wind ein, der die Musicalwelt rasant entstaubt und sich nicht davor scheut, auf dem Weg dutzende Ohrwürmer zu fabrizieren – eine flutwellenartige Begeisterung, die keine Altersgruppe auslässt. „Hamilton“ erzählt die Geschichte einer Revolution und hat dabei sogar die Musicalwelt selbst revolutioniert. Lin-Manuel Miranda, der sowohl Musik und Texte verfasst als auch die Titelfigur des Alexander Hamilton verkörpert hat, startete mit Rap, Hip-Hop und R&B in eine neue Musicalära. Inspiriert von der Geschichte des vielvergessenen Gründervaters Alexander Hamilton, schuf Miranda das Fundament einer neuen Art Geschichten zu erzählen. Schon in seinem ersten Musical „In the Heights“ inkorporierte Miranda Hip-Hop Elemente und öffnete die Türen für Artists of Color, die in der sonst so farbenfrohen Broadway-Welt oft übergangen wurden. People of Color in einem Musical über die Gründerväter Amerikas? Altbekannte Gesichter wie George Washington und Thomas Jefferson, die uns normalerweise stur von Illustrationen aus verstaubten Geschichtsbüchern anlachen, werden erstmalig von nicht-kaukasischen Darstellern porträtiert. Natürlich handelt es sich hier nicht um einen Umkehrschluss – auch weiße Darsteller wie beispielsweise die brillante Inszenierung des grenzdebilen King George III., fühlen sich auf der Bühne pudelwohl. Somit werden Musicals, die eher für Elitismus bekannt sind, im 21. Jahrhundert willkommen geheißen. Und wie die Geschichte an sich, erzählt auch das Musical als solches eine Revolution.
Historische Nacherzählung oder Fiktion?
Es ist nicht abzustreiten, dass „Hamilton“ nicht nur ein revitalisiertes Interesse an Musicals geweckt hat, sondern für viele junge Menschen auch als Sprungbrett in die Welt der (amerikanischen) Geschichte dient. Nun stellt sich aber die Frage, inwieweit „Hamilton“ der Realität entspricht. So argumentieren Kritiker, dass „Hamilton“ eine romantisierte Version der Gründerväter wiedergibt. Nahezu jede historische Persönlichkeit, die im Musical dargestellt wird, war in Wahrheit in Besitz von Sklaven. Alexander Hamilton selbst war in Sklavenhandel involviert und vor allem die für den Plot zentrale Familie Schuyler war bekannt für Sklavenbesitz. Kann man hier also von „black washing“ reden, bei dem mithilfe eines inklusiven Casts über die problematische Realität hinweggetröstet wird? Die Meinungen gehen stark auseinander. Obwohl „Hamilton“ ein unbestreitbares theatralisches Meisterwerk ist, sind sich viele Leute uneinig, ob es das Gegenteil von dem vertritt, das es zu vermitteln versucht. Zudem wird argumentiert, dass das Liebesdreieck zwischen Hamilton und den Schuyler-Schwestern sowie seine Affäre als Camouflage für die Politik der damaligen Zeit dienen. Der Fokus liegt also unbestreitbar auf Charakterisierung und Plot als tiefgehende politische Historik, allerdings handelt es sich hier nicht um eine Dokumentation, sondern um eine fiktionale Erzählung, die sich gebührenden kreativen Freiraum nimmt.

Disney+
Es bleibt kein Auge trocken
Neben inklusivem Cast, modernen Musikeinflüssen und einer Truckladung an Revolutionen, ist auch der restliche Plot nicht zu verachten – „Hamilton“ bietet eine Reise durch die Vergangenheit. Und bei Freiheitskämpfen, Romanzen und Affären aller Art bleibt auch kein Auge trocken. Das liegt aber unter anderem auch an Darsteller Jonathan Groffs vehementem Speichelfluss, der im Fanfavoriten „You’ll Be Back“ seinen freien Lauf nimmt. Gefilmt wurde das Ganze nämlich live – zweimal vor Publikum und einmal ganz intim, um Close-Ups zu ermöglichen, welche einen ganz neuen Blickwinkel auf Emotionen und – wie sich’s live und mit vollem Einsatz eben gehört – Spucke bieten. Aber mit all den Affären stellt sich auch die Frage nach Zensur, vor allem in Kombination mit dem kinderfreundlichen Disney. Dies wurde schlussendlich gelöst, indem zwar emulierte Sexszenen, Liebesdreiecke, sowie Krieg und Meuchelmord beibehalten, allerdings das Wort „fuck“ zweimal gestrichen wurde. Aber keine Sorge – das wohl wichtigste „fuck“ (natürlich im Zuge der Sexszene), sowie etliche Erwähnungen von „shit“, sind weiterhin vorhanden geblieben.
„You’ll Be Back“
Politische Debatten, dargestellt als Rap-Battles, Verzweiflung in Form einer emotionsgeladenen Ballade, Wut verkörpert durch aussagekräftige Tanzroutinen – „Hamilton“ dient als Einführung in die Geschichte, die auf diesem Wege um einiges zugänglicher und greifbarer gemacht wird. „Hamilton“ ist mehr als blinder Patriotismus. So kommt die Veröffentlichung nicht nur pünktlich zum amerikanischen Unabhängigkeitstag, sondern auch pünktlich zu einer Zeit, die nach Revolution schreit. „Für die Revolution!“ – so lautet auch das Motto von „Hamilton“. Historiker proklamieren Mirandas Meisterwerk als eine Zeitkapsel für die Diversität und Versprechen der Obama Ära. Aber gerade im diesjährigen amerikanischen Wahljahr wird das Öffnen dieser Zeitkapsel aktueller denn je.
