After Truth – Erotik für Anfänger

von Kristina Kerber
Lesezeit: 6 min
“After Truth” – zwar gleicht das filmische Spektakel eher einem “guilty pleasure” als einem kinematografischen Meisterwerk, den “pleasure” findet man allerdings wahrlich zu Genüge.

Worum geht’s?

Die Heilige Dreifaltigkeit der Erotikfilme – am Anfang schuf eine leidenschaftliche Literaturliebhaberin „Twilight“. Dann folgte das Werk einer noch passionierteren (im wahrsten Sinne des Wortes) Pseudo-Romantikliebhaberin, „50 Shades of Grey“ und am letzten Tage hauchte unser metaphorischer Gott „After“ Leben ein. Wie auch „50 Shades of Grey“ fand die „After“-Saga ihre Anfänge in Fanfiktion, also einer Geschichte basierend auf echten oder fiktionalen Persönlichkeiten.

Wohingegen jedoch „50 Shades of Grey“ auf „Twilight“ basiert, so basiert „After“ auf „50 Shades of Grey“. Der männliche Hauptcharakter findet seine Inspiration bei der Popsensation Harry Styles, der vielen noch aus seiner Zeit bei One Direction ein Begriff sein sollte. Die Autorin nahm sich hier allerdings einiges an künstlerischer Freiheit heraus. So dreht es sich bei unserem fiktionalen Harry um alles andere als den, mittlerweile als androgynen Wohltäter bekannten, realen Harry. Anstelle des Cardigan-tragenden Sängers bekommen wir hier den sogenannten „Bad Boy“ Harry zu Gesicht – Tattoos und Aggressionsprobleme inklusive. Ganz schön kompliziert, diese Erbgeschichte. Allerdings lässt es sich in wenigen Worten zusammenfassen – Vampirromanze, führt zu Möchtegern BDSM Fantasien, führt zu Bad Boy-Blümchensex.

Die Geschichte der damals 25-jährigen Anna Todd hat mittlerweile 650 Millionen Klicks auf der Onlineplattform Wattpad und wird immer noch heiß kommentiert mit Anmerkungen wie „immabout to cry“ und „Damn bitch grab me like that and ill slap you hard. Even if your harry-“. Der Plot, der so viele Gemüter erhitzt? Die damals frischgebackene Studentin Tessa verliebt sich sturmartig in den mysteriösen Ich-bin-ein-bad-boy-und-trage-Lederjacken-damit-jeder-weiß-wie-bad-ich-bin Hardin, der übrigens vom jungen Voldemort aus „Harry Potter“ gespielt wird. Nachdem erstmal der High School Boyfriend, ein Überbleibsel aus der “Uncool und Unschuldig”-Phase, losgeworden ist, steht der jungen Liebe nichts mehr im Wege – bis auf die beiden Turteltauben selbst. Was beginnt, ist eine Beziehung voller Liebesgeständnisse, Herzschmerz und Gegenständen, die durch die Gegend geworfen, kaputt gemacht und mit Sex wieder ausgeglichen werden. Zu notieren ist, dass im ersten Teil sogar ein Kondom mehr Bildschirmzeit erhält als die Intimität an sich.

Im Gegensatz dazu lässt der zweite Teil jegliche Zügel hinter sich (oder nutzt besagte Zügel in unzähligen Sexszenen, die allerdings in ihrer Intensität an das Alter ihrer Zuschauer angepasst sind). Die Universität wird im zweiten Teil ebenfalls gegen ein erwachseneres Setting eingetauscht. Diesmal spielt das ganze Liebesdrama inmitten einer erstaunlich glamourösen Bürowelt, die nur so vor obligatorischen Businesspartys und professionellen Bleistiftröcken strotzt. Aber nicht nur für die initiale Zielgruppe, sondern auch für mittlerweile erwachsene Disneyfans gibt es ein Sahnehäubchen obendrauf – Dylan Sprouse, der vor allem durch seine Rolle als Zack in „Hotel Zack & Cody“ bekannt ist und auch hier ordentlich für Trubel sorgt (auch, wenn seine Rolle eher der seines streberartigen Bruders Cody gleicht). Noch ein kleiner Tipp am Rande: Unbedingt bis zur After-Credit-Szene warten.

© Offspring Entertainment


Realismus oder doch Toxizität?

Fans preisen die Beziehung zwischen dem Bad Boy Hardin und der naiven Tessa. Es sei eine Beziehung, die keine Bilderbuchromanze ist, sondern die Realität widerspiegle. Zugegebenermaßen hat das leidenschaftliche Push und Pull zwischen den Protagonisten einen gewissen Reiz, gerade, wenn diese zwischenmenschlichen Spannungen durch Intimität kompensiert werden; allerdings ist die Grenze zwischen einer tragisch-leidenschaftlichen Romanze und einer toxischen Beziehung bedrohlich dünn.

Wie auch schon in den Vorgängern „Twilight“ und „50 Shades of Grey“, sowie dem polnischen Softporno „365 Days“, sorgt nicht nur die Plot-zentrale Beziehung für Hitze – vor allem auch die Diskussion rund um besitzergreifende Alphamänner ist überaus hitzig und größtenteils auch ergiebiger als der jeweilige Plot selbst. Während Edward ins Zimmer seiner Bella einbricht und dieser heimlich beim Schlafen zusieht, droht Christian Grey seiner Anastasia bei jedem Fehltritt mit dem Versohlen derer transportierbaren Sitzgelegenheit, was in ihren Augen über BDSM-Spaß hinausgeht. Hardin hat ebenfalls Probleme mit Selbstkontrolle. Vor allem das Konsumieren von Alkohol und das Herumwerfen von Gegenständen scheinen es ihm sehr angetan zu haben. Mal ganz davon abgesehen, dass Hardin die Jungfräulichkeit von Tessa aufgrund einer Wette mit Freunden einkassiert. Wer hier von Realismus redet, sollte eher seine eigene Beziehung, oder zumindest seine Erwartungen und Vorstellungen dazu, überdenken.

© Offspring Entertainment

50 Shades of Pink

Zwar kann man „After Truth“ – oder „After We Collided“, wie er im Englischen heißt – nicht mit dem ebenfalls angelaufenen „Tenet“ von Christopher Nolan vergleichen, jedoch bleibt der Entertainment -Faktor unübertroffen. Mit Sexszenen, die teilweise sogar den Endspurt der „50 Shades of Grey“ Filmreihe blass aussehen lassen, kann der Film vor allem auch bei einem jüngeren Publikum punkten. Wohingegen Fans nach dem ersten Film Enttäuschung bekundeten, so bleibt dank erotischen Duschszenen nicht nur bei den Darstellern kein Auge trocken. Female Empowerment, so viele weibliche Fans, die Tessa dabei zusehen können, wie sie ihre eigene Sexualität entdeckt. Gerade die weibliche Perspektive ist etwas, das im noch immer von Männern dominierten Medium Film – insbesondere, was Erotik betrifft – bitter notwendig ist und dementsprechend viel Anklang findet.

Die Stimmung im ersten Teil, der eine Altersfreigabe von 0 Jahren unter seinem Gürtel hat, wurde eher mit Worten erzeugt – ergiebiges Knutschen, viel braves Vorspiel, einige gut platzierte Fade-outs. Im zweiten Teil, der ab 12 Jahren freigegeben ist, wird eindeutig mehr Eindeutiges gezeigt. Das Publikum? Hauptsächlich Mädchen zwischen 14 und 16, dazwischen einige junge Pärchen und erstaunlicherweise auch ein paar Mutter-Tochter-Gespanne, die nach der Vorstellung vermutlich die Wahl zwischen einer peinlichen Stille oder einem aufklärenden Gespräch hatten.

© Offspring Entertainment

Note- oder cringeworthy?

Eins muss man dem Film lassen – er ist unterhaltsam. Mein erster Gedanke, der mir schon nach dem Abspann durch den Kopf geschossen ist: die Memes, die diesem nicht-ganz Meisterwerk folgen werden. Dialoge wie “Oh mein Gott” gefolgt von “Bin ich dein Gott?“ lassen die Grenze zwischen Sexszene und unabsichtlicher Komödie schwinden. So lassen Reaktionen wie „Fucking Trevor!“, gefolgt von einem Fischmund der höchsten Schauspielklasse den Saal erbeben – allerdings eher vor Lachen, als vor Erregung. Hardin selbst referiert gerne literarische Klassiker, wenn er die Beziehung zwischen ihm und Tessa beschreibt. Allerdings gleicht besagte Beziehung eher einer toxischen Version eines Rosemunde Pilcher Romans. Das vorhin erwähnte weibliche Empowerment scheint zumindest im Umgang mit den Frauen, die nicht im Haupt-Plot Relevanz finden, ganz schnell an Niveau zu verlieren. Allerdings führt der selbstproklamierte „Bitchfight“ zwischen Hardins momentaner „Bitch“ Tessa und seiner ehemaligen „Bitch“ Molly zu einigen Lachkrämpfen. Den Film einen Spaß für die ganze Familie zu bezeichnen, wäre wohl übertrieben, aber mit etwas Glück dürfte sich zumindest ein Viertel davon angesprochen fühlen.

Fazit

Sitzplatzbeschränkungen, Maskenpflicht und verschärfte Hygienemaßnahmen – und trotzdem sitzt „After Truth“ gemütlich auf der Spitze der österreichischen Kinocharts. Gerade auch in Kombination mit der Neuveröffentlichung der „Twilight“-Saga aus der Sicht des glitzernden Edwards kommen Teenager sowie trinkfreudige Erwachsene auf ihre Kosten.

Schreibe einen Kommentar

* Durch die Verwendung dieses Formulars stimmst du der Speicherung und Verarbeitung deiner Daten durch diese Website zu.

Artikel aus der selben Rubrik