Man könnte meinen, dass die Wissenschaften – vor allem die sogenannten „exakten“ – die Möglichkeit bieten, weg vom subjektiven Alltagsdenken hin zu objektiven und „echten“ Erkenntnissen zu kommen. Der wissenschaftliche Forschungsprozess basiert schließlich auf festen Regeln und seinen Erkenntnissen liegen fundierte Fakten zugrunde. Das große Vertrauen unserer Gesellschaft in die Wissenschaft kommt also nicht von ungefähr. Aber ist denn das, was die Wissenschaft untersucht, denn auch tatsächlich die wirkliche Realität? Der Gedanke, dass dem nicht so sein könnte, ist nicht neu. Platon findet die Menschheit in der Höhle, wo sie die Schatten an der Wand für die gesamte Realität hält – einfach, weil sie nichts anderes kennt. Ebenso könnte man sich das bekannte Bild vom Strand zeichnen, der durch die Brille der Geologin als eine Anhäufung von Sedimenten bestimmter Korngröße erscheint, während dem Soziologen das Gruppenverhalten der Strandbesucher ins Auge fällt.
Positivismus vs. Konstruktivismus
Die Einsicht, dass die Vorstellung von der Welt ausgesprochen subjektiv ist – jeder sie sich sozusagen selbst konstruiert – führt zu der Erkenntnistheorie des Konstruktivismus.
Noch bis spät ins 20. Jahrhundert aber, gehen die Wissenschaften von der Objektivität der Welt, die sie untersuchen, aus. Der vorherrschende Positivismus besagt, dass man mit empirischen Messungen und Untersuchungen der Welt objektive Erkenntnisse über diese gewinnen kann. Die Wende zum Konstruktivismus führt dazu, dass nunmehr die Absolutheit und der Wahrheitsanspruch der wissenschaftlichen Ergebnisse in Zweifel gezogen werden. Woher sollte denn eine Untersuchung meiner subjektiv konstruierten Umwelt so etwas wie Objektivität nehmen?
Um sich und die eigene Forschung jedoch nicht völlig überflüssig zu machen, einigt man sich in den Wissenschaften auf einen Kompromiss: Der pragmatische Realismus geht davon aus, dass man eine objektive Realität zwar niemals nachweisen wird können, aber man nimmt sie dennoch einfach einmal als hypothetisch vorhanden an. Die Kulturwissenschaften nehmen sich diese Ungewissheit aber so sehr zu Herzen, dass ihr unaufhörlicher Zweifel sie schließlich bis zur völligen Resignation treibt. Die technischen und die Naturwissenschaften demgegenüber haben nicht mit solchen Minderwertigkeitskomplexen zu kämpfen. Die gewählte „Arbeitshypothese“ wird selbstsicher beiseite geschoben und erst dann flott wieder hervorgekramt, wenn jemand unangenehme Fragen stellen sollte. Die oft physikalischen und mathematischen Methoden scheinen ja nun wirklich nicht dazu geeignet, ihnen subjektive Konstruktion vorzuwerfen. Schließlich hört die Gravitation ja auch nicht auf zu wirken, bloß, weil niemand mehr an sie glaubt – oder?

Von Atombomben und Ethikkommissionen
Die Naturwissenschaften haben es also geschafft, durch die Hintertür das so benutzerfreundliche, schon verloren geglaubte positivistische Weltbild, wieder einzuführen. Man mag nun argumentieren, dass dieser Pragmatismus der technischen und Naturwissenschaften uns zu enormen (technologischen) Fortschritten verholfen hat. Wo ist denn dann der Haken bei der Sache? Zerbrechen sich die Kulturwissenschaftler am Ende völlig umsonst ihre Köpfe über dem Gordischen Knoten der Metaphysik? Deren Stärke der Selbstreflexion zeigt sich aber vor allem dann, wenn ein normatives Momentum ins Spiel kommt. Geht es um das Bewusstsein der Rückbindung an die Gesellschaft und an ihre Wertordnungen, können die Sozial- und Geisteswissenschaften glänzen. Dagegen erweisen sich TechnikerInnen und NaturwissenschaftlerInnen schlicht als unfähig, aus ihrer eigenen Disziplin heraus ihre unausgesprochenen Werturteile aufzudecken. Es ist die Philosophie, die dann für solche Belange herhalten muss. In sogenannten Ethikkommissionen schaut sie der Wissenschaft bei ihrem Treiben auf die Finger. Wohin uns das Fehlen jeglicher in- und externen Kontrolle bringen kann, lässt sich an einem Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit leicht absehen: wer weiß schon, ob das Manhattan-Projekt jemals zu Stande gekommen wäre, hätte sich die Kernphysik hin und wieder mal statt mit Halbwertszeiten mit Werturteilen auseinandergesetzt.
Allzu häufig verbergen sich die (Natur-)Wissenschaften hinter ihrer rosaroten Brille der Unbefangenheit und werden so – sei es unwissentlich oder nicht – immer wieder zu den Komplizen von ökonomischen und politischen Kräften.
Wir müssen uns verabschieden von dem heiteren Bild des eifrigen Naturforschers, der sich in seinem Laboratorium mit kindlich-unschuldiger Wissbegierde in seine Studien vertieft. Stattdessen braucht es ein immerwährendes Bewusstsein für die gesellschaftlichen und ökologischen Konsequenzen, die den Erkenntnissen der Wissenschaft entspringen.