„Zukunftsmut ist gefragt“

von Laura Wallner
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Ein Gespräch mit Bischof Hermann Glettler über Synodalität und Kirche im studentischen Umfeld.

Ich bin ein bisschen zu früh, als ich klingle. Ich sage der Freisprechanlage meinen Namen und die Tür öffnet sich. Im großen, aufgeräumten Raum darf ich mich setzen. Hier steht ein farbenfrohes Sofa, in den Zimmerecken sind Pflanzen und an den Wänden hängt Kunst – sogar ein gerahmtes Werk von meinem Interview-Partner selbst: kunstvoll an den Händen aneinandergeschweißte Jesusfiguren in Gold, Bronze und Schwarz. Während mein Blick, wartend, aus dem Fenster auf den Dom St. Jakob schweift, höre ich ein freundliches „Ich bin gleich da“ von dem Bischof der Diözese Innsbruck, Buchautor und Kunstvermittler Hermann Glettler.

Der Raum mit Blick auf den Dom ist mit verschiedenen Kunstwerken geschmückt.

Unipress: Bischof Hermann Glettler, wie sind Sie zu Ihrer Berufung gekommen?

Bischof Hermann Glettler: Das weiß ich nicht genau. Vor fünf Jahren wurde ich jedenfalls hier in Innsbruck zum Bischof geweiht, komme aber ursprünglich aus der Steiermark. In Graz habe ich 17 Jahre in einem multikulturellen Bezirk als Pfarrer gewirkt, teilweise auch als Sozialarbeiter. Interreligiöse Begegnungen und das Engagement für Migranten waren mir wichtig. Inmitten des bunten Stadtteils haben wir auch versucht, den christlichen Glauben den Suchenden unserer Zeit wieder zugänglich zu machen. Eine Hilfe dafür waren die sogenannten „internationalen Gottesdienste“, an der sich Menschen unterschiedlichster Herkunft und Kultur beteiligt haben. Das hat Weltkirche vor Ort erfahrbar gemacht, lebendig und sehr bunt. Übrigens gibt es in Innsbruck, in Neu-Pradl, auch jeden Sonntag einen ähnlichen Gottesdienst.

UP: Wann war Ihnen klar, dass Sie Priester werden wollten?

Glettler: Mit 15 Jahren war mir ziemlich klar, dass ich diesen Weg gehen will. Ich hatte den Eindruck, genau dafür gebraucht zu werden. Die Basis dafür war eine tief empfundene Freundschaft mit Jesus, die mich bis heute trägt. Ich hatte auch gute Begleiter. Sie haben mir einen alltagsrelevanten Glauben vorgelebt. In der Oberstufe führten wir im Religionsunterricht harte Diskussionen über Gott und die Welt. Für mich ein wichtiger Lernprozess, um zu akzeptieren, dass meine Freunde teilweise vollkommen andere Überzeugungen hatten. Letztlich wurde ich aber gestärkt, meinen Glauben nicht zu verstecken, selbst, wenn er sich oft sehr brüchig anfühlt. Unsicherheit und Verwundbarkeit teilen wir doch mit allen Menschen.

UP: Und wie sind Sie zur Kunst gekommen?

Glettler: Durch einen sehr guten Kunsterzieher wurde mein Interesse geweckt. Ich habe durch ihn mit Malerei begonnen und später der Theologie auch ein Kunstgeschichtestudium angehängt. Enorm profitiere ich bis heute von der Freundschaft mit Künstlern. Schon als Student habe ich Ausstellungen organisiert. Wichtig ist mir nach wie vor das Vermitteln von Kunst. Das beginnt mit einer Gastfreundschaft für die kreativsten Leute unserer Zeit. Ich möchte ihr Vertrauen zur Kirche wiedergewinnen. Das geht nur durch ernstes Interesse für ihre Arbeit und durch das Öffnen von Räumen. Es gibt viele Schnittmengen zwischen Kunst und Kirche. Es geht um eine neue Sensibilität für das Leben, für das Schöne und Zerbrechliche. Auch die Bruchlinien und Abgründe unserer Zeit dürfen nicht verschwiegen werden.

UP: Was ist der synodale Prozess?

Glettler: Der weltweite synodale Prozess ist eine dringliche Einladung von Papst Franziskus. Er will Kirche als synodale Gemeinschaft. Der Begriff kommt aus dem Griechischen und besteht aus den beiden Wörtern „syn“, was „mit“ bedeutet, und „odos“, übersetzt „Weg“. Miteinander am Weg sein, niemanden ausschließen! Weggemeinschaften bilden, auch mit jenen, die nicht nur sympathisch sind. Es versteht sich, dass dies nicht immer idyllische Bergwanderungen sind. Am Weg kommt es zu Ermüdungen und Konflikten. Der synodale Prozess geht von der Ortskirche aus und hat soeben die kontinentale Etappe erreicht. Unterschiedliche Kirchenerfahrungen aus ganz Europa wurden vor Kurzem in Prag diskutiert. Synodalität ist ein Auftrag für die ganze Gesellschaft. Wer wird mitgenommen, wer bleibt draußen?

UP: Was bedeutet der synodale Weg für junge Menschen?

Glettler: Der synodale Prozess ist für junge Menschen wichtig, da er bedeutet, Interesse füreinander zu entwickeln. Wir leben in einer Gesellschaft mit sehr vielen partikularen Interessen, wo viele in ihrer Blase leben und nur mit ihresgleichen kommunizieren. Wir hatten ordentliche Diskussionen auf der Universität – während heute viele in ihren eigenen Echoräumen bleiben. Synodalität bedeutet, sich andere Meinungen anzuhören und um gemeinsame Lösungsansätze zu ringen – das ist ein Bildungsauftrag. Miteinander im Diskurs zu bleiben, und sich den entscheidenden Zukunftsfragen zu stellen – das sind für mich Kriterien eines qualitätsvollen Studiums. Aber auch die Kirchen und Religionsgemeinschaften müssen ihren Beitrag leisten. Christliche Spiritualität ist mehr als ein Wohlfühlprogramm.

UP: Was liegt Ihnen beim synodalen Prozess am meisten am Herzen?

Glettler: Mir liegen junge Menschen am Herzen, da viele eine große Zukunftslast haben. Wir haben damals studiert und wussten, die Welt wird besser. Heute hingegen ist die Frage, wie wir es schaffen, den großen Crash zu vermeiden. Angesichts dieser Herausforderung nicht resignativ zu werden oder sich nur auf die eigenen Interessen zu fokussieren, ist eine große geistige und spirituelle  Herausforderung. Mein Herz schlägt für das Evangelium und den christlichen Glauben, weil es dort viele Potenziale gibt, die jungen Menschen helfen können. Ich bin froh, dass wir eine sehr aktive Uni-Pfarre und eine engagierte Katholische Hochschuljugend haben. Junge Leute sollten sich zusammenschließen und sich gegenseitig im Glauben stärken.

UP: Immer mehr Menschen treten allerdings aus der Kirche aus. An was könnte es liegen, dass die Kirche vor allem bei jungen Menschen „uncool“ ist?

Glettler: Vermutlich sind es mehrere Gründe. Cool ist auf Dauer das, was Sinn macht, wo Gemeinschaft erfahrbar wird, wo etwas lebendig ist und auch der Spaßfaktor nicht zu kurz kommt. In anderen Gesellschaften, beispielsweise in Indien, wo ich vor kurzem war, ist die Kirche für viele junge Menschen sehr cool. Cool ist das, was berührt. Und junge Menschen haben ein Gespür für Authentizität – ich selbst habe mich als junger Mensch an Personen orientiert, denen ich abgenommen habe, was sie gesagt haben.

Jedes Land setzt den von Rom ausgerufenen synodalen Prozess anders um. In Deutschland ist beispielsweise auch die Sexualität ein großes Thema, während in Österreich die Beteiligung von Laien zentral ist. Da ich auch den deutschen synodalen Weg mitverfolgt habe, ist meine Frage:

UP: Was halten Sie von Segensfeiern für gleichgeschlechtlichen Paare?

Glettler: Homosexuell empfindende Menschen haben selbstverständlich Heimatrecht in der Kirche. Das bedeutet auch: Wenn gleichgeschlechtliche Paare einen Weg mit der Kirche gehen und für ihre Partnerschaft um eine Segnung bitten, sollte man diese ermöglichen. Es geht zuerst darum, ob und wie verlässlich wir Beziehungen leben und füreinander da sind. Die Kirche hält auch in Zukunft am Begriff der sakramentalen Ehe für die Verbindung von Mann und Frau fest. Die Grunddifferenz bei den Geschlechtern ist wesentlich und nicht zufällig und nicht nur eine soziale Rolle.

UP: Kann es sein, dass die Austritte auch daran liegen, dass Frauen keine Priester werden können?

Glettler: Das kann für einzelne Personen auch den Ausschlag geben. Im synodalen Prozess wurde die diesbezügliche Ungleichbehandlung von Frauen deutlich benannt. Nicht übersehen sollte man, dass in unserer Kirche, konkret auch in unserer Diözese Innsbruck, sehr viele Frauen ganz wesentliche Führungspositionen wahrnehmen. Und ebenso sollte man nicht übersehen, dass auch von jenen Kirchen im Schnitt gesehen mindestens so viele Menschen austreten, wo Frauen in allen Ämtern zugelassen sind und auch andere Bereiche anders als in der katholischen Kirche geregelt sind.

UP: In Ihrem Wappen ist es 5 vor 12 – wo ist es 5 vor 12?

Glettler: In allen klimarelevanten Fragen. Die gemeinsame Schöpfungsverantwortung muss uns wesentlich deutlicher zu einem ernsthaft alternativen Handeln führen. Es ist irreführend, zu meinen, wir könnten mit ein wenig Lifestyle-Politur etwas nachhaltig verändern. Weltweit sind es auch soziale Schieflagen, die unbedingt anzugehen sind. Ganz deutlich einmahnen möchte ich eine globale Friedenssicherung. Wir sind mittlerweile inmitten eines euphorischen Aufrüstens – die Waffenindustrie und der Waffenhandel laufen auf Hochtouren. Wo bleibt eine seriöse Friedensarbeit? Zu meiner Zeit gab es eine ordentliche Friedensbewegung von Studenten getragen: Wo ist denn die jetzt? Wenn es nur Debatten über das Queer-Sein gibt, ist mir das zu wenig. Wir dürfen doch nicht in die Falle tappen, dass eine letztgültige Sicherheit in der unkontrollierten Aufrüstung liegt. In der ökumenischen Friedensbewegung Pax Christi würde ich mich über die Mitarbeit von vielen Studenten freuen.

UP: Was ist Ihre Utopie-Vorstellung der Kirche?

Glettler: Ich habe keine utopischen Vorstellungen, wünsche mir aber Freiräume. Die Kirche ist nicht perfekt, das Leben ist nicht perfekt, kein Mensch ist perfekt. Wir haben manchmal zu übertriebene Idealvorstellungen. Ideal ist, dass man Gewissheit hat, dass man ständig neu beginnen kann und sich wieder aufrichten und sagen: „Moment, stopp, so will ich nicht leben“. Das gilt auch für die Kirche als weltweiten Organismus. Eine Kirche, die Fehler und Schuld zugeben kann, kann viele Menschen ermutigen und einen Dienst der Versöhnung leisten. Wertvoll sind meist die kleinen Schritte, Entscheidungen und alltäglichen Lebensvollzüge von Menschen, die ihr Bestes geben.

Das möchte Herr Bischof Glettler Studierenden mit auf den Weg geben: Mut! Ich möchte Studierende ermutigen, gut zu studieren, nämlich offene Horizonte zu wagen und kritisch gegenüber allen Ideologien zu sein – auch bioethische Themen, wie die Debatte um Schwangerschaftsabbrüche und den Wert menschlichen Lebens trotz möglicher Beeinträchtigungen, sind ein studentisches Engagement wert. Das Welthaus der Diözese, die Caritas und viele Ordensgemeinschaften informieren gerne auch über die Möglichkeiten eines Freiwilligen-Jahres im Ausland – entwicklungspolitisches Engagement auf Zeit kann eine wertvolle Erfahrung für das ganze Leben sein.

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