Um Punkt neun Uhr öffnet das Café Namsa seine Türen für die Gäste. Ich betrete vorsichtig das noch leere Café, wo die beiden jungen Frauen Simone Pichler und Michi Wohlfahrt bereits fleißig am Werk sind. Sie sind die Inhaberinnen des Betriebs, das Menschen mit Migrationshintergrund den Eintritt in die Arbeitswelt erleichtert. Simone Pichler beantwortet meine Fragen ausführlich, während sie Karotten schnipselt.
Das Café Namsa ist nicht einfach irgendein Café…
Obwohl Gäste wie in vielen anderen Cafés Frühstück, Mittagessen und Nachmittagskaffee erwartet, ist es anders: Es ist ein Social Business – hier arbeiten Geflüchtete oder subsidiär Schutzberechtigte. „Denn diese sind den Österreichern am Arbeitsmarkt de facto gleichgestellt, haben aber niemals die gleichen Chancen, allein schon wegen der Sprachkenntnisse“, erklärt Pichler, die Handschuhe und eine Küchenschürze trägt. Im Café geht es also nicht nur um Essen, sondern ebenso um Integration.
Die Idee fürs Café hatte Wohlfahrt, die damals ehrenamtlich in einer Flüchtlingsunterkunft ausgeholfen hat. Dort hat sie miterlebt, dass Geflüchtete erst nach oft mehreren Jahren dauernden Asylverfahren einen Aufenthaltstitel erhalten und damit eine Arbeitserlaubnis. Das lange Warten kombiniert mit schlechten Sprachkenntnissen erschwert den Berufseinstieg. Um eine Alternative zu bieten, eröffnete sie mit Hilfe ihrer Schwester Julia das Café Ende 2017, Simone stieg kurz danach mit ein.
Basics für die Zukunft
Während Pichler weiter schneidet, erklärt sie mir, dass das Ziel sei, Geflüchtete in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Im Café Namsa werden sie befristet eingestellt, bekommen dort erste Gastronomie-Kenntnisse vermittelt und verbessern durch die tägliche Übung nebenbei auch ihre Deutschkenntnisse. Sie lernen wie man Tabletts trägt, Bestellungen aufnimmt, wie man Kaffee zubereitet – die grundlegenden Kenntnisse. „Durch ihre damit verbundene Arbeitserfahrung haben sie, besonders hier in Tirol, gute Chancen, langfristig in der Gastronomie Arbeit zu finden“, erklärt Pichler. Neben den Fachkenntnissen lernt man auch, welche Rechten und Pflichten zu einem Arbeitsverhältnis dazugehören. Die Inhaberinnen erzählen mir, sie haben viele ehemalige Mitarbeiter:innen, die nun in unbefristeten Jobs in der Gastronomie arbeiten, aber auch bei Fahrradkurieren oder in Supermärkten.
Jeder soll sich aufgehoben fühlen
Allerdings freut sich das Café Namsa nicht nur über Bewerbungen von Geflüchteten, sondern es sind auch Praktikant:innen (mit und ohne Fluchthintergrund) herzlich willkommen. So hatten sie bereits eine Praktikantin, die bei vorangegangenen Praktika-Absagen den Eindruck hatte, dass sie aufgrund ihres Kopftuchs in Österreich nicht willkommen sei. „Im Café Namsa fühlte sie sich aber wohl und aufgehoben“, sagt Wohlfahrt mit einem zufriedenen Lächeln. Ein zertifiziertes Sprachniveau müssen die Bewerber nicht vorweisen, sollten jedoch Deutsch auf einem Niveau von A2/B1 beherrschen, um sich mit Kolleg:innen und Gästen verständigen zu können. „Wichtig ist es, dass sie sich mit den Gästen unterhalten können“, sagt Pichler und fügt hinzu, „dass es ab und zu zu lustigen Missverständnissen kommt, ist halt so – die Gäste wissen ja, warum.“
Ausgeschrieben werden die Stellen über Facebook, die ÖH Jobbörse sowie mittels itworks Jobservice, teilweise werden potentielle Bewerber:innen aber auch über Mundpropaganda auf das Café aufmerksam, kommen einfach vorbei und fragen persönlich nach. Rund sechs bis acht Wochen dauert es, bis man drin ist und die Abläufe kennt“, schildert Simone. Nach neun Monaten sind die Geflüchteten so weit, dass sie alle Grundlagen kennen und für den Arbeitsalltag gewappnet sind, dann wird in der Regel gewechselt.
Als Social Business wird das Augenmerk nicht auf Gewinnmaximierung gelegt, allerdings muss sich der Betrieb selbst tragen – nach Anschubfinanzierungen durch das Sozial- und Wirtschaftsministerium und Preisgeldern fürs Konzept wird der laufende Betrieb nicht gefördert. „Der Vorteil ist, dass die Arbeit sehr realitätsnah ist, jede Person muss ihren Beitrag leisten, damit der Laden läuft, was auch die Selbstwirksamkeit der Beschäftigten erhöht“, sagt Wohlfahrt, während sie Geschirrtücher stapelt.

Nicolás Haefele. Samstags und sonntags wird immer ein Brunch angeboten.
Role-Model für andere Frauen
Schlechte Erfahrungen haben sie noch nicht gemacht. Kleine Missverständnisse gehören natürlich dazu, „beispielsweise hatten wir mal einen Angestellten, der dachte, die Pause gehört zur Arbeitszeit“, so Simone schmunzelnd. Falls es mal nicht passen würde, könne man immer noch in der Probezeit aufhören. Für die Inhaberin Michi ist es wichtig, dass die Mitarbeiter:innen nicht nur in der Küche, sondern auch im Service eingesetzt werden, damit sie mit den Gästen Kontakt haben und Fortschritte in der Sprache machen. Aktuell sind im Cafe Namsa zwei Mitarbeiterinnen mit Fluchthintergrund beschäftigt. Simone sagt, sie persönlich arbeite gerne im internationalen Team, da sie gerne Wissen weitergebe und von anderen lerne. Um den Arbeitsalltag mit dem Familienleben kompatibel zu machen, gibt es Schichten. Denn den Inhaberinnen ist wichtig, dass Frauen die Chance haben, zu arbeiten.
„Es macht uns besonders glücklich zu sehen, wie stolz die Frauen sind, dass sie zu ihrem Familieneinkommen beitragen können. Sie sind oft die ersten in ihrem Umfeld, die erwerbstätig sind. Insbesondere in einem Bereich, der Deutschkenntnisse erfordert“, sagt Pichler mit leuchtenden Augen. Die Frauen werden in ihrem Umfeld positiv darauf angesprochen und erzählen, wie stolz ihre Kinder auf sie sind.
Jobsharing – auch in Führungsposition kein Problem
Besonders am Café Namsa ist auch, dass sich Simone und Michi die Leitung teilen. Sie wechseln sich ab – wenn eine von beiden in Karenz ist, arbeitet die andere zwischenzeitlich mehr. Mittlerweile arbeiten beide in Teilzeit und teilen sich die Leitungsaufgaben, was eine sehr gute Kommunikation und laufende Abstimmung erfordert. Sich die Leitungsaufgaben zu teilen, ist den beiden nach gut umsetzbar – man muss es nur machen.