Seit Längerem plagt mich ein innerer Konflikt, dessen Ende ich nun endlich zu erzwingen versuche. Ich stehe dem Kino gespalten gegenüber: Ich liebe Filme, aber hasse das Kinopublikum. Bin ich über die Jahre vielleicht zu eitel geworden oder war das Kino früher tatsächlich ein Ort des ruhigen Beisammenseins, ein geschützter Raum für eine stille Menge an Filmliebhabern?
Zwischen den Sitzen
Ich sitze im Kino: Saal 7, Reihe 6, Platz 8. Die Mitte. Die Meute hat bereits vor mir den Saal gestürmt, bewaffnet mit überdimensionierten Portionen an Popcorn und literweise Kaltgetränken. Ich mische mich unbemerkt in die Menge, suche mir meinen Platz im wilden Rudel. Meine Hände sind leer und doch bin ich voller Erwartungen auf das Erlebnis Kino. Es fühlt sich irgendwie gut an, wieder hier zu sein.
Ich schließe kurz die Augen, lasse mich ein auf den Lärmteppich von aufpoppenden Bierflaschen, von raschelnden Jacken und Taschen und Menschen, die laut an ihren Nachos naschen. Die ersten Trailer laufen über die Leinwand. Ich blicke gebannt auf die flimmernde Projektion eines Vampirs, plane im Kopf bereits meinen nächsten Kinobesuch, der nicht stattfinden wird. Nächste Woche Dienstag könnte es sich ausgehen. Meine Gedanken kommen wieder zurück in die Zukunft und die Reise ins Zauberland beginnt.
Wie eine Schafherde sitzt das Publikum eng aneinandergedrängt in der Mitte des Kinosaals. Die ersten Sekunden des Films laufen und ich erwarte mir endlich das Schweigen der hier anwesenden Lämmer. Und es war tatsächlich plötzlich still. „Ist das wirklich die Realität oder nur ein Traum?“, denke ich mir. Der Kreisel neben mir dreht sich und dreht sich. Und das Getuschel beginnt: Leise aber doch laut höre ich in der Reihe hinter mir ein Gespräch über mögliche Enden und kommende Geschichten. Beantworten kann diese Fragen nur der hier anwesende Film. Mein innerer Tyler Durden kommt hervor, ich möchte mich umdrehen und eine saftige Linke verteilen. Vielleicht hat das Kino gar einen passenden Keller für unseren Fight Club?
Eine unerwartete Wendung
Ich beruhige mich wieder, komme zu mir und frage mich: Wann wird das Kino endlich wieder so, wie es nie war? Denn war das Kino jemals so, wie ich es in Erinnerung habe? Bestand das Kino früher wirklich nur aus Filmliebhabern, denen die Filme wichtiger waren als die Verköstigung des eigenen Leibes? Ich schließe kurz die Augen und erinnere mich zurück. Ich sehe mein jüngeres Ich inmitten einer wildgewordenen, lauten Meute von Teenagern im Kinosaal und verändere schlagartig meine Haltung. Vor Scham versinke ich im Sitz und merke, ich war früher selbst der, vor dem es mir heute graut.
Ich verändere meine Herangehensweise an das Ganze, entspanne meinen Körper und lasse mich nun erneut auf das Erlebnis Kino ein. Und dann sind sie plötzlich da, diese Momente, von denen die Kinoliebhaber immer schwärmen. Das Publikum applaudiert, lacht an den für mich richtigen Stellen und zieht mich hinein in ein zuvor ungewolltes Gruppengefühl. Ich erwäge mitzuklatschen, auf der Welle der Euphorie zu reiten und entscheide mich schlussendlich für einen leisen Ausruf der Freude. Ich gehöre nun zum Rudel. Immer mehr nähere ich mich an genau jenes Publikum an, welches ich zu Beginn noch verabscheute. Schlussendlich bin ich es, der im finalen Akt des Films den Ton im Saal angibt.
Am Ende verlasse ich das Kino, die innere Spaltung in mir hat sich nicht ganz geschlossen, aber meine Herangehensweise ans Kino hat sich verändert. Ich und das Kinopublikum, vielleicht werden wir am Ende des Tages doch noch ziemlich beste Freunde.
Dieser Artikel erschien erstmals in der Jänner-Ausgabe 2022.