„Das Wohnhaus da drüben, da musst du klingeln, um ins Theater reingelassen zu werden!“ Aha. Klingeln und dann runter in den Keller. Mein Theaterabend beginnt aufregend, wie es mir Julia Jenewein, Regisseurin im Theater Praesent, vorab versprochen hat. Charmant. Kreativ. Ungewöhnlich. Das Motto „klein und widerständig“ spiegelt sich auch in der Atmosphäre wider. Zunächst wirkt es, als stünde man in einem gewöhnlichen Altbau der Innsbrucker Innenstadt, Mehrparteienhaus mit Keller. Doch eben dieser Keller ist kein Keller, sondern ein Theater. Erst, nachdem man mehrere Stiegen nach unten steigt, taucht man in den schwarz verkleideten, minimalistisch, aber doch künstlerisch ausgestalteten Bereich, in dem drei Mal jährlich für wenige Wochen Stücke aufgeführt werden.
Ich war schon öfter im Theater, doch dieses scheint mir besonders zu sein. Die einstigen Büroräumlichkeiten wurden von der Theatergruppe selbst umgebaut, nun steht in dem kleinen dunklen Raum eine Bühne samt Bühnenbild. Auf das Wesentliche beschränkt und doch mit einem besonderen Flair. Das Publikum sitzt quasi mit auf der Bühne. Nur zwei Stuhlreihen stehen entlang der Bühne und an einer Seite. Die hautnah vor einem stehenden Schauspieler:innen ziehen einen in ihren Bann. Es geht halt doch nichts darüber, live dabei zu sein.
Ab in die freie Szene
„Mut zu Neuem“, dachte sich Julia Jenewein, als sie mit dem Team des Theater Praesent zu arbeiten begann. Vier Frauen und ein Mann im Vorstand. Technikerin, Regisseurin, Schauspieler:innen. Alle arbeiten hauptberuflich, mit Leib und Seele im und fürs Theater, so die Regisseurin. So wie einige andere kleine Theater in Innsbruck, das Brux oder das Theater 77, beispielsweise, möchte das Theater Praesent unkonventionelle Möglichkeiten ausschöpfen. In der freien Szene darf man sich mehr trauen. Keine Klassiker werden aufgeführt in den kleinen, aber feinen Räumlichkeiten in der Jahnstraße 25. Und wenn, dann werden die Dauerbrenner neu adaptiert, anders beleuchtet, verdreht. Vor allem soll es jedoch um Zeitgenössisches gehen. Zeitgenössische Dramatik. Die Stücke zeigen sich gesellschaftskritisch, die Gruppe will nicht nur unterhalten, sondern zum Nachdenken anregen. Sie greifen aktuelle Themen auf und stellen sie auf ihre eigene Weise dar. Es geht um Politik, Umwelt, viel um Feminismus. Das Privileg, Uraufführungen zeigen zu dürfen, Teil der Stückentwicklung zu sein, reizt die Theaterleute besonders. In der Vergangenheit hat die Innsbrucker Theaterszene, auch das Theater Praesent, einige originelle Nummern umgesetzt. So fuhren die Schaupieler:innen in einem vergangenen Stück beispielsweise mit dem Auto durch die Straßen der Stadt.

Artwork: Tex Rubinowitz
Die freie Szene will auch Renommiertes nach Innsbruck holen. Neues Renommiertes. Die Kultur in der Landeshauptstadt wieder aufleben lassen. Dabei wird viel experimentiert und viel Neues ausprobiert. Man lässt sich inspirieren von den Arbeiten der Kollegen und entwickelt gemeinsam Projekte. In diesem Sinne ist das Praesent besonders stolz auf das Logo, welches vom Bachmann-Preisträger und Zeichner der „Falter“ Comics, Tex Rubinowitz, entworfen wurde. Im künstlerischen Ambiente kennt und unterstützt man sich. Man geht ins und arbeitet fürs Theater.
Das freundschaftliche Umfeld im Praesent ist bereits vor dem Vorstellungsbeginn spürbar. Einige Theaterliebhaber versammeln sich im Vorfeld der Aufführung vor dem Gebäude, trinken ein Gläschen und plaudern. Beim Eintritt begrüßt man sich per Du, Lachen ist zu hören. Getränke werden angeboten, auch in die Vorstellung dürfen sie mitgenommen werden.
Die Vorstellung beginnt in wenigen Minuten. Nachdem man bezahlt hat, gilt freie Platzwahl. Bezahlt wird im Praesent immer nach der Devise PAY AS YOU WISH. Jede:r entscheidet selbst, ob er oder sie 12 Euro, 16 Euro oder 20 Euro für das Stück bezahlen will, jede:r wie er kann und will. Kultur soll leistbar sein. Dieses Konzept wird von dem Team bereits seit einiger Zeit verfolgt und auch in Zukunft beibehalten, versichert mir Frau Jenewein. Besonders jüngeren Menschen soll diese Herangehensweise zugutekommen und sie in die Zuschauerränge locken. Langsam wird es ruhig im Raum.
Das Stück
Eine der drei diesjährigen Aufführungen trägt den Titel „Zweite allgemeine Verunsicherung“. Auf Basis der Textvorlage von Felicia Zeller inszenierte die Regisseurin Michaela Senn hier ein „grotesk-komisches Stück“, in dem drei Figuren getrieben von eigenen Unsicherheiten und den Problemen der Zeit auf der Bühne umherirren. Das Stück ist sehr zum Lachen am Beginn, viel zum Nachdenken gegen Ende hin. Jede:r kann sich an irgendeiner Stelle mit den Figuren identifizieren, der Zeitgeist wird durch die hektischen, selbstverliebten, jammernden Figuren mehr als gut eingefangen. Selbst die Sprache spiegelt diese Krise wider, teils kommen Sätze ganz ohne Verben aus, beginnen inhaltsstark und verlaufen dann ins Leere. Die Darsteller:innen sprechen rasend schnell und dann wieder gar nicht. Verzweifelt auf der Suche nach Wahrheiten und gleichzeitig auf der Flucht vor ihnen. Lustig und eindrucksvoll sind wohl die besten Worte für die Darbietung.
Aber warum denn Theater?
Die Regisseurin lacht, als ich ihr die Frage stelle, was denn am Theater so besonders sei. Nicht ohne Grund, so meint sie, schlage sich diese Kunstform seit der Antike durch. Römer und Griechen ließen sich schon vom Zauber der Bühne einnehmen und 1500 Jahre später auch die Innsbrucker:innen. „Alle sind immer happy, wenn sie aus der Vorstellung kommen! Das muss ja seine Gründe haben.“
Natürlich gibt es Themen oder spezielle Umsetzungen, die den persönlichen Geschmack nicht treffen, doch das Theater insgesamt als verstaubt und altertümlich zu betiteln, wird der Realität nicht gerecht. Entstauben. Entstauben muss man das Bild des Theaters und aufräumen mit Vorurteilen. Es wird eben nicht nur Shakespeare, Goethe und Co. gespielt. Die Gegenwart und ihre Ereignisse haben auch ihren Platz in diesem kulturellen Zweig, man muss nur genauer hinsehen. Hingehen.
Wenn ich dann da so sitze, mit einem Glas Wein oder einer Flasche Bier oder Saft oder Wasser und sich der Vorhang öffnet, die Scheinwerfer angehen, die Schauspieler:innen in Glitzergewändern auf die Bühne treten und ich eintauche in das Stück, ist es nicht schwer zu verstehen, warum es sich lohnt, ihr eine Chance zu geben, der Welt des Theaters.