In den 1970er-Jahren wurde der Christkindlmarkt, so wie wir ihn kennen, das erste Mal in Innsbruck abgehalten. Seitdem macht Innsbruck (fast) alle Jahre wieder seinem Ruf als alpin-urbanes Städtchen alle Ehre: Innerhalb weniger Tage verwandelt sich die Altstadt in die Kulisse eines verkitschten, aber heißgeliebten Weihnachtsfilms. Die Fahrradwege müssen den robusten Holzhütten weichen, mitten auf dem Marktplatz wird ein funkelndes Metallmonstrum errichtet und plötzlich strömen Menschenmassen wie auch der Geruch von Essen durch die Gassen. Aus den Eingängen und von den historischen Fassaden der Kiebach-, Seiler- und Riesengasse herab blicken Gretel, Schneewittchen und Rotkäppchens Oma. Wer im FloJos sitzt, konkurriert sogar mit dem bösen Wolf um die Sicht aus dem Fenster. Der allgemeine winterliche Trubel dauert in Innsbruck ungefähr sechs Wochen.

Bild: Laura Klemm
Wirft man einen Blick in die Geschichte von Innsbrucks Bergweihnacht zurück, stößt man auf einige interessante Fakten. So stand der Christkindlmarkt im Jahr 1996 sogar kurzfristig vor dem Aus. Grund waren der übermäßige Glühweinkonsum der Besucher:innen und die damit verbundenen Ausschweifungen. Auch läuteten Mitte November noch keine Weihnachtsglocken. Zu Beginn der Tradition um den Christkindlmarkt vermochte erst Anfang Dezember Weihnachtsluft geschnuppert werden.
Ein Markt mit magnetischer Wirkung
Doch nicht nur traditionell, sondern auch beliebt sind Innsbrucks Christkindlmärkte, sowohl unter Einheimischen als auch unter Touristen. So oder so, es ist eine beinah unmögliche Aufgabe, ohne Körperkontakt durch die Altstadt zu schlendern. Grüppchen, die ein herdenartiges Verhalten an den Tag legen, und Studierende, die mit ihren massiven Rucksäcken anderen Besucher:innen so manche Glühweintasse aus den Händen schlagen, sind hier an der Tagesordnung. Einen Vorteil hat es, sich wie Pinguine zu scharen und sich von Stand zu Stand zu quetschen: Es wird nicht kalt!
Überhaupt wird man zum Dank für diese Unannehmlichkeiten mit funkelnden, die Altstadt in warmen Schein tünchenden Lichtern und auf Häuserwände projizierten Schneeflöckchen belohnt. Auch die riesige Tanne vor dem Goldenen Dachl mutet festlich an. Fast scheint es, als wäre Innsbrucks Altstadt eigens für Weihnachten geschaffen worden. Dass der Christkindlmarkt nicht nur in Realität schön aussieht, sondern auch durchaus instagrammable ist, wird klar, wenn man sich auf der Tribüne vor dem Goldenen Dachl positioniert. Nicht einmal zwei Minuten dauert es, bis man das erste Smartphone in die Hand gedrückt bekommt, um Paare, Familien und Freundesgruppen abzulichten. Kein Wunder: Die beleuchteten Fassaden, der geschmückte Baum und die bei klarer Sicht gut sichtbare beschneite Nordkette im Hintergrund machen sich wirklich gut.

Bild: Laura Klemm
Im Gegensatz zum traditionellen Weihnachtsbaum am Goldenen Dachl findet sich auf dem Marktplatz Swarovskis moderne Interpretation einer Tanne. Je nach Färbung der angebrachten Leuchtröhren spendet diese jedoch eher Kälte. Vielen scheint es ähnlich zu gehen: Im blauen Licht macht sich die weihnachtliche Wärme eher zaghaft im Herzen breit.
Immer der Nase nach
Leiten lassen kann man sich durch die Christkindlmärkte auch mit geschlossenen Augen. Zahlreiche verschiedene Gerüche strömen aus den hölzernen Buden. Es ist wahrlich ein Fest für die Sinne: Kiachl, Punsch, Glühwein, Spätzle, Kartoffelflocken, eigentlich ist für jeden Geschmack etwas dabei. Nur schade, dass in der Eiseskälte das Essen nicht lange warm bleibt! Ob die Christkindlmärkte andererseits etwas für jeden Geldbeutel sind, sei dahingestellt. Ganz Schlaue nehmen sich ihren eigenen Glühwein mit, oder, noch besser, untersuchen ihre Küchenschränke auf noch zu verpfändende Tassen. Doch nicht nur für den Magen, auch für die Ohren ist etwas dabei. Je nach Präferenz kann man sich traditionelle Blasmusik, aber auch Schlagergesänge von betrunkenen Ausflugsgruppen anhören. In dieser fröhlichen Atmosphäre lässt es sich zudem gut nach Weihnachtsgeschenken Ausschau halten. Von kunstvollen Glaskugeln bis hin zu süßen Illustrationen ist alles dabei. Auch hölzerne Bürsten kann man für seine Verwandtschaft erwerben.
Abwechslung gefällig?
Nach einer gut fünfzigjährigen Tradition ist es jedoch verständlich, wenn all der Rummel manchen unter uns langsam lästig wird. Auch flaut bei dem einen oder anderen, der seit Mitte November am gemeinschaftlichen Quetschen, Aktiven Anstehen und Glühweinsüffeln teilgenommen hat, die weihnachtliche Stimmung bereits Anfang Dezember ab. Doch da kann Abhilfe geschaffen werden: Wie wäre es mit einem Besuch der weniger touristischen Märkte in Wilten oder Sankt Nikolaus? Oder mit einem Mehrfahrtenticket für das Karussell auf dem Marktplatz?
Die Möglichkeiten sind zahlreich. Daher: Ob man nun zur Fraktion der Grinche und Scrooges gehört oder zu der, die den Besuch des Christkindlmarktes jeden Winter vorübergehend zur eigenen Religion macht, eines steht fest: Gesehen haben muss man Innsbrucks Bergweihnacht unbedingt.