Die Mentlgasse im Porträt

von Stine F.M.
Lesezeit: 4 min
Zwischen Wiltener Platzl und Südbahnstraße liegt ein Stück Innsbruck, das der Stadt und seinen Bürgerinnen und Bürgern schon einige Sorgen bereitet hat. Dabei ist diese Straße mitten in Wilten eigentlich ganz harmlos. 

Betritt man vom Wiltener Platzl aus die Mentlgasse, könnte man denken, man sei beim Sonntagsspaziergang ein bisschen zu weit gegangen und aus Versehen in Amsterdam gelandet. Die CBD Hanf Bar Canvory lädt direkt zum Verweilen ein und bringt einen ersten, treffenden Eindruck über die Mentlgasse: voll unverblümt, aber irgendwie auch ein bisschen unangenehm.

Die Mentlgasse hat ihren Namen von dem Bauernanwesen Mentlhaus übernommen, das sich einst hier befand. Davon ist heute allerdings nicht mehr viel zu erkennen. Die circa 250 Meter lange Einbahnstraße im Zentrum Wiltens wird hauptsächlich von grauen Neubauten geziert, deren meist dreieckige Balkone bestückt mit Elektrogrill, Yogamatte oder Sonnenschirm von ihren Bewohner*innen erzählen. Hier lebt die gesamte Demografie Innsbrucks: junge Familien mit Namen aus allerhand Sprachräumen teilen sich ein Wohnhaus mit Student*innen und alteingesessenen Innsbrucker*innen. All diese Menschen treffen sich spätestens Samstagvormittag beim Einkauf auf dem Bauernmarkt, der das Wiltener Platzl wöchentlich belebt. Der Supermarkt Alscham, Ecke Mentlgasse und Edith-Stein-Weg, bietet zusätzlich eine große Auswahl an türkischen und arabischen Lebensmitteln. Aber man trifft auch Menschen, die im Schatten der Gesellschaft leben und in der Mentlgasse einen Rückzugsort gefunden haben.

Alles was es gibt, gibt es hier

Im Erdgeschoss der Häuser befinden sich zahlreiche Geschäfte: ein Tattoostudio und das Partikularinteressen-Sportgeschäft Mr. Tischtennis bringen Charisma in die Gasse. So auch der gleichnamige Friseur cHAARisma (sic!), der die Unternehmen mit Thema Körpergestaltung auf der nördlichen Straßenseite vervollständigt. Auch der Arbeiter-Samariter-Bund und einige physiotherapeutische Praxen sind hier zugegen.

Die südliche Ausbeulung der Mentlgasse wirkt ziemlich antithetisch zum Rest der Straße. Die Sonne wärmt die farbigen Hausfassaden, hinter denen sich Architekturbüro, die gemeinnützige Organisation Heilpädagogische Familien und ein Atelier des Kunst- und Kulturvereins Krater Fajan neben ordinären Wohnungen eingerichtet haben. Hier findet man auch das Mentlhaus, den Namensgeber der Straße und das einzige Gebäude mit schiefer Fassade in der Mentlgasse.

 

© Amelie Ahlert: Die nördliche Seite der Mentlgasse

Schutzzone Mentlgasse

Am östlichen Ende der Mentlgasse Richtung Südbahnstraße befindet sich die von der Caritas betriebene Mentlvilla. Das Haus ist Tageszentrum und Notschlafstelle für Menschen mit Suchterkrankung und wohnungslose, erwachsene Menschen. Hier findet man Schutz vor gesellschaftlicher Diskriminierung, der Dealerszene und vor einer Nacht auf der Straße, ohne, dass an diesen Service Bedingungen geknüpft sind. Bis zu sechs Monate lang kann man hier unterkommen und erhält neben Schlafplatz und Hygieneartikeln auch Beratung und Betreuung. Der Standort um die Mentlvilla, vor allem auch der Vorplatz der Kirche St. Josef, einem ehemaligen Karmeliterinnenkloster, ist zu einem beliebten Treffpunkt für Menschen geworden, die auf diesen Service angewiesen sind. Aus diesem Grund wurde die Mentlgasse bisweilen im öffentlichen Diskurs in kein gutes Licht gerückt.

Der Alltag von suchtkranken Personen ist oftmals durchzogen von Kriminalität. Denn besonders bei der Beschaffung von Drogen ist man zu kriminellem Verhalten gezwungen. Als Reaktion auf besorgte Anrainer wurde im Juli 2020 im Bereich um die Mentlgasse herum eine Schutzzone errichtet. Durch Begehung von strafbaren Handlungen kann man aus der Schutzzone verwiesen werden. Diese Maßnahmen wurden getroffen, um insbesondere Minderjährige vor dem Kontakt mit Kriminalität zu behüten. Wer die Schutzzone trotz Verweis betritt, muss mit einer Geldstrafe rechnen. Die Menschen, die auf das Tageszentrum oder die Notschlafstelle angewiesen und während der Zeit des Aufenthalts dort gemeldet sind, können trotzdem in der Mentlvilla ein und aus gehen.
Die Situation in der Schutzzone Mentlgasse hat sich seither deutlich beruhigt. 

Einen weiteren safe space bietet das Somali Demokratie- und Integrationsgebäude, wo die Sprachvermittlung Baashe Academy Sprachkurse für die somalische Gemeinschaft anbietet. 

Einmalig in ganz Österreich

Die Mentlgasse klingt nach Zugverkehr, riecht nach Hanf und schmeckt nach Tahini. Sie mag sicher nicht zu den klassischsten aller Straßen Innsbrucks gehören und doch sticht sie in vielerlei Hinsicht eher aus der Masse heraus, als hinten herunterzufallen. Der kurze Korridor erfüllt fast jedes Bedürfnis, ohne Fragen zu stellen. Hier wird nur willkommen geheißen und jeder Mensch findet einen Platz. Das macht sie nicht nur wegen ihres Namens zu einer Einmaligkeit in ganz Österreich.

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