Die Grenzen meiner Sprache: Dictionary of Obscure Sorrows

von Jakob Häusle
Lesezeit: 3 min
Wenn die Grenzen unserer Sprache die Grenzen unserer Welt sind, gibt es nur eine Möglichkeit: Die Sprache zu erweitern. Genau das macht John Koenig in seinem Dictionary of Obscure Sorrows. Er findet und erfindet Worte für Emotionen, für die es noch keine gibt.

Laut einer Schätzung der Duden-Redaktion umfasst die deutsche Sprache zwischen 300.000 und 500.000 Wörter. Der aktive Wortschatz beläuft sich auf etwa 12.000 bis 16.000 Wörter. Und trotzdem weiß ich oft nicht, was ich sagen soll. Ein Gespräch stirbt, einfach so. Ein Gedankengang endet und verläuft ins Nichts. Mir fehlen die Worte.

Das Leben ist komplexer als ein Wörterbuch, die Nuancen sind unbeschreiblich, jedes Wort wird implizit zur Lüge oder zumindest zu einer schrecklichen Unvollkommenheit. Um die Diskrepanz zwischen dem was wir sagen und dem was wir meinen zu verringern, hat John Koenig das Dictionary of Obscure Sorrows ins Leben gerufen.

Koenigs Neologismen fußen auf seinen etymologischen Recherchen, er setzt altbekannte Wortstämme, Präfixe und Suffixe neu zusammen und lässt so Worte entstehen, die Dinge beschreiben, für die wir bisher keine Bezeichnung hatten.

Sein bekanntestes Wort ist vermutlich Sonder. Es beschreibt die Erkenntnis, dass all die von uns nur am Rande wahrgenommenen Menschen, die mit uns Gehwege und Straßen teilen, ein ebenso reiches und komplexes Leben führen, wie wir selbst auch. Jede ist die Hauptperson in ihrem und jeder ein Nebendarsteller im Leben der Anderen.

Was auch noch schön ist

pâro – Das Gefühl, dass alles, was man tut, irgendwie falsch ist. Als ob es einen klaren Weg nach vorne gäbe, den alle außer man selbst sehen können. Ein Wort, das Kierkegaards polemische Definition von Philosophie auf den Punkt bringt, der da schreibt: „Heirate, und du wirst es bereuen; heirate nicht, du wirst es auch bereuen; (…) Glaube einer Frau, du wirst es bereuen; glaube ihr nicht, du wirst es auch bereuen. Hänge dich auf, du wirst es bereuen; hänge dich nicht auf, und auch das wirst du bereuen; (…) ob du dich aufhängst oder nicht aufhängst, du wirst beides bereuen. Das, meine Herren, ist die Essenz aller Philosophie.”

Lachesism – Stell dir vor du schaust in den Himmel und ein Sturm zieht auf. Du hast keine Angst, sondern wünschst dir, dass er näherkommt, dass er alles zerstört, dass irgendetwas passiert. „Everyone, deep in their hearts, is waiting for the end of the world to come.“ – Haruki Murakami

Vermödalen – Die Angst, dass alles schon erlebt wurde und keine Erfahrung einzigartig ist, du nicht einzigartig bist. Der Gedanke, dass unsere Perspektiven, Erlebnisse, die Worte, die wir einander am Lagerfeuer ins Ohr flüstern, die gleichen sind, könnte uns Komfort geben, ein Gefühl der Geborgenheit in einer schwer verständlichen Welt. Oder es lähmt uns: Warum sollte man irgendetwas tun, wenn es schon geschehen ist?

Koenigs Handbuch für bisher wortlose Emotionen lässt uns viele Dinge, die wir fühlen und nicht ausdrücken können, endlich beim Namen nennen. Ihm gelingt es dabei, die beschriebenen Gefühle nicht totzudefinieren – vielmehr gibt er ihnen eine weitere Perspektive, durch die wir sie betrachten können.

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