An einigen Tagen scheint die Zeit in der Kathedrale der italienischen Stadt Neapel still zu stehen. Jedes Jahr spielt sich im sakralen Gebäude ein Drama keiner gleichen ab. Fest verschlossen in gläsernen Ampullen befindet sich das getrocknete Blut des heiligen Januarius – des Schutzpatrons der Stadt. An drei besonderen Tagen im Jahr wird die Reliquie aus den Katakomben gehoben. Einer dieser außerordentlichen Zeitpunkte ist der Festtag des Heiligen, dem Friedrich Nietzsche übrigens ein ganzes Buch gewidmet hat.
Die Stadt steht still. Tausende Gläubige warten angespannt und ehrfürchtig auf die Hervorbringung der rot-braunen Substanz. Der Erzbischof hat die Aufgabe, den Behälter in die Nähe seines Hauptes zu bringen. Verflüssigt sich das trockene Blut beim Drehen und Wenden, geht ein Rauschen der Erleichterung durch die Reihen der wartenden Prozessionsgemeinschaft. Das Blutwunder hat sich erneut bestätigt und das Omen ist günstig gestimmt. Verflüssigt sich das Blut nicht, sieht die Zukunft düster aus und nur inbrünstiges Gebet kann noch das Schlimmste verhindern.
Skepsis und Zauberei
“So ein Blödsinn”, denken sich jetzt womöglich einige. Schnell auf Google Hl. Januarius eingetippt. Wikipedia: “fest verschlossenen Ampullen, die angeblich das getrocknete Blut des Märtyrers enthalten.” Bei Begriffen wie “angeblich” und “vermutlich” läuten selbstverständlich in den aufgeklärten Neuronen des rationalen Hochschülers alle Alarmglocken. Auch das kleine, aber schrille, kein-Bier-mehr-im-Glas-Glöckchen.
Es ist doch völlig klar, dass das einzige Wunder in der uneingeschränkten Geschicklichkeit des junggebliebenen Erzbischofs besteht. Mindgames und Zaubertricks sind immerhin seit Jahrhunderten ein Spezialgebiet der Kirche. Schnell auf den Knopf gedrückt und schon wird Flüssiges zu Festem und Festes zu Flüssigem. “Kosmos Magic Zauberkasten” – 19,99 Euro auf Amazon.
Die Frage besteht nun darin, aus welchem Grund solche illusionistische, leicht zu entlarvende Kunststücke überhaupt vollzogen werden müssen? Die Antwort kommt im Briefumschlag, ist orange und hat die Kaufkraft von fünfzig 1-Euro-Münzen: der Namenstag.
Der Namenstag
Dieser liturgische Gedenktag eines Heiligen ist der ultimative Beweis, dass die Zeit nicht nur in der örtlich begrenzten katholischen Stadt Neapel stehen geblieben ist, sondern auch in den Alpen. Der Religionskritiker Bertrand Russell meinte, dieser (nicht ernst gemeinten) Denklinie folgend: “Es gibt viele Möglichkeiten, wie die Kirche im gegenwärtigen Moment durch ihr Beharren auf dem, was sie Moral nennt, allen möglichen Menschen unverdientes und unnötiges Leid zufügt.” Das Leid besteht aus der erniedrigenden Bloßstellung, die man erfährt, wenn einem der Grund für den arbeitsfreien Feiertag partout nicht einfällt. Genau an dem Tag, an welchem das Fernsehen in der Fußgängerzone zu einem kommt und fragt, wie man gedenkt, den kommenden Feiertag zu verbringen. Eine Blamage, die im Bekanntenkreis hartnäckig haften bleibt wie Kaugummi an der Schuhsohle.
Abschaffung religiöser Feiertage
“Sollen wir religiöse Feiertage abschaffen?”, titelte unlängst eine österreichische Tageszeitung. Das Blatt zog eine Studie des Vienna Institute for Demography herbei, welche einen beträchtlichen Rückgang der christlichen Religionsgemeinschaft in Österreich über die nächsten Jahre prognostiziert. In Österreich sind nur zwei der 13 gesetzlichen Feiertage nicht christlich konnotiert: der Staatsfeiertag und der Nationalfeiertag. Ist das bei einer Bevölkerung, die zunehmend wenig Interesse an religiöse Andenken zeigt, noch zeitgemäß? Würde die Bevölkerung nicht lieber Dinge feiern, die im 21. Jahrhundert von Bedeutung sind?
Zugegeben, die Kirche hat einige Feiertage und Schutzpatrone, die dem modernen Studenten durchaus gefallen. Der Heilige Arnulf von Soissons ist der Schutzpatron der Brauerei, zum Beispiel. Isidor von Sevilla der Schutzpatron des Internets. Nicht zu vergessen Kajetan von Thiene, der Schutzpatron des materiellen Wohlstands, und Honorius von Amiens, der Schutzpatron der Ölraffinerien. An diesem Punkt ein großes Danke, lieber Honorius. Du erlaubst es mir, diesen Sommer Helsinki, Stockholm und Kopenhagen an zwei Tagen zu besichtigen und während einer schönen Kreuzfahrt mal richtig zu entspannen.
Das Plädoyer für den Aktionstag
Aber ist dies genug? Ausnahmen bestätigen die Regel. Einige wenige Feiertage mögen zwar zeit- und standesgemäß sein. Aber wenn man sich die evangelischen Räte der Vollkommenheit vor Augen führt – Keuschheit, Armut und Gehorsam – welche die meisten Heiligen verkörpern, dann sind diese nur schwer mit dem Lebensstil eines vernetzten Wochenend-Jet-Setters vereinbar. Mein Vorschlag ist es nun, diese ganzen sakralen Tage durch neue, bessere und von der Kirche emanzipierte zu ersetzen. Das schöne dabei: Es gibt schon eine Vielzahl von Aktionstage, die der Vernunft eines Homo Sapiens Sapiens entsprechen und nur noch auf die richtige Wertschätzung warten.
So wäre am 6. Juni der Tag des Heiligen Norbert von Xantan. Ein Mann, der das Leben eines reichen Chorherren für das eines genügsamen Asketen eintauschte. Ein Lebenswandel, der wohl gegen die Natur des modernen Konsumenten geht. Folgendes ist allerdings im Leben vieler von Bedeutung: Kennt ihr das auch? Wenn euer Wochenende beschissen lief und ihr euch nur noch auf die nächste Woche freut? Um dies zu feiern, gibt es genau am 6. Juni den Gott-sei-Dank-ist-Montag-Tag. Ein würdiger Nachfolger des Hl. Norbert, der sogar einen sakralen Rest im Namen trägt.
Aktionstage für eine neue Ära
Weitere nennenswerte Aktionstage im Juni, die zeitgemäße Nachfolger von Feier- und Gedenktage sind:
11. Juni: Tag des Maiskolben. Nur der Gedanke an einen in Butter getränkten, frisch gegrillten Maiskolben und das Wasser läuft mir im Mund zusammen. Gleiches passiert mir beim Gedanken an den bisherigen Platzhalter, den Apostel Barnabas, nicht.
19. Juni: Weltbummeltag. Folgt direkt auf den 18. Juni: Gönn-Dir-was-Tag. Zwei Tage, an denen man ohne schlechtes Gewissen durch die Straßen flaniert, sich in ein paar Geschäften verirrt und ausnahmsweise vier Milchshakes bei McDonalds schlürft. Einer mehr als sonst.
20. Juni: Tag der Produktivität. Der wichtigste Aktionstag in der Leistungsgesellschaft. Kommt dem Weihnachtstag gleich. Zipfelmützen werden durch VR-Brillen ersetzt, die Gans weicht einer “Trinkmahlzeit für Gestresste” und an die Stelle des Weihnachtsmannes tritt Elon Musk, der mit einem Gespann aus neun Teslas Freude, Wohlwollen und einen Internetanschluss – ohne danach gefragt worden zu sein – an nichts-ahnende Menschen verteilt.
27. Juni: Der Siebenschläfertag – benannt nach den sieben Brüdern, die sich auf der Flucht in einer Höhle versteckten und lebendig eingemauert wurden – wird ersetzt durch den Tag der Zwiebel. Ein gewisser Grad der Kontinuität bleibt gewährleistet, da die Tragik beider Geschichten auf die Tränendrüse drückt.
Zu guter Letzt sehe ich keine andere Möglichkeit, als das Hochfest der Apostel Petrus und Paul am 29.Juni mit dem Tag des Waffeleisens zu ersetzen. Der Sprung durch das Petersfeuer wird dann ersetzt durch einen Hops über frisch angerührten Teig. Und ich bin mir sicher, dass die Qualität des freiwerdenden Wunsches durch die Profanisierung keine Einbüßen erleiden wird.