Vertrauen in das Nichtwissen

von Annalena Haller
Lesezeit: 3 min
Eine kurze fiktive Geschichte über einen tapferen Studenten, der sich nicht ganz in einer Welt zurechtfindet, in der Student:innen die Universitäten gar übereifrig bevölkern. Er entspricht seiner Meinung nach nicht der Norm des klassischen Studenten… Aber wer tut das schon?

Es ist acht Uhr morgens. Das penetrante Geräusch seines dritten Weckers übertönt die noch wummernden Bässe der Mucke von gestern Nacht, die wie ein Specht gegen seine Schädeldecke hämmern. Die Arbeitsschicht am Vorabend zog sich lange, das Feierabendbier noch länger. Beim Gedanken an den bevorstehenden Marsch in die Universität wird ihm übel. Mit verklebten Augen wagte er mutig einen Blick aus dem Fenster. Sekunden später tritt er jedoch den Rückzug Richtung Küche an.

Die Mokkakanne dampft vor sich hin und erfüllt den Raum mit einem verführerischen Kaffeeduft, der sich mit dem unverkennbaren Gestank der Selbstzweifel vermengt. Beim Verzehr des bittersüßen Gebräus überkommt ihn die allbekannte Existenzkrise, die sich als ungebetener Gast in seine Morgenroutine geschlichen hat. Was hat ihn geritten, dass er es sich zutrauen vermochte, Studium, Job und sein soziales Leben geschickt zu jonglieren? Größtenteils gelingt ihm dies auch. Nur der Applaus, der bleibt aus.

Teilweise teilhaben

Als er sich Momente später durch die Gänge der Universität an den tratschenden und lachenden Student:innen vorbeischlängelt, wird ihm bewusst, wie wenig er doch mit ihnen gemeinsam hat. Tief im Inneren verspürt er Neid. Alle sind in seiner Wahrnehmung mit einer Leichtigkeit gesegnet. Während er doch so oft seine Balance verliert. Sein Ziel, die Tür vom Hörsaal, kommt zu seiner Erleichterung immer näher. Kurz davor drückt ihm ein agiles, sichtlich ambitioniertes Gesicht beim Vorbeigehen einen Flyer in die Hand. Eine Einladung zu einer Semesterparty. Dankend nimmt er diese an, schmeißt sie gedanklich aber schon in den nächsten Müll.

Konzentrieren kann er sich in der Vorlesung nicht. Er verlässt den Raum, ohne auch nur einmal darüber nachzudenken, sich aktiv einzubringen, und lässt sich geplagt von Atychiphobie in der Bibliothek der Universität nieder.  Die angefangenen und aufgeschobenen Dokumente der Abgaben sammeln sich in seinem Ordner wie archäologische Relikte. Und doch hat er dieses unerschütterliche Vertrauen, dass das Universum ihm stets einen Weg zum Bestehen zeigen wird. Insgeheim will er seine Aufgaben nur vergessen und hofft, dass der Professor das Gleiche tut.

Auftauchen und aufatmen

Inmitten der Student:innen, deren flammenden Leidenschaft für ihre Tätigkeit ins Gesicht geschrieben ist, fühlt er sich wie ein schwaches Licht, das in der Ferne flimmerte. Jeder Schritt, den sie setzen, scheint von einer unbändigen Durchsetzungskraft geprägt, während er im Schatten des Vergleichs zu verblassen drohte. In Gedanken versunken, erkennt er aber, dass jedes Licht, sei es auch noch so klein, nicht weniger lebendig ist als die anderen.

Er schließt die Tür der Bibliothek und überlässt das Feld den noch rauchenden Köpfen seiner Kommiliton:innen. In der Abenddämmerung auf den Weg in seine vier Wände erkennt er, gelernt zu haben, dass sich die ersehnte Freiheit manchmal auch im puren Nichtwissen verbarg.

In jener warmen Sommernacht, inmitten der Klausurphase, ignoriert er das ständige Vibrieren seines Telefons, das zu ahnen verleitete, seine Jungs seien am Herumstreunen. Heute geht er nicht mehr raus. Stattdessen genießt er allein noch ein Glas Wein und lässt diesen besonders langsam über seine Geschmacksknospen gleiten. Zähne putzen lässt er an diesem Abend bleiben und wirft sich schweißverklebt aufs Bett, umhüllt von einem behaglichen Gedanken an das irrlichternde Herumtreiben seines Daseins. Gemächlich taucht er in die Traumwelt ein, die ihn in dieser Nacht an einen Ozean voller unbegrenzter Möglichkeiten erinnert. Wohlwissend, dass er, egal wie schnell er rennt, sowohl der Schlummerfunktion als auch dem Prokrastinieren nicht mehr entkommen vermag. Tragisch? Ansichtssache.

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