Die Corona-Krise hat für verschiedene Menschen unterschiedliche Auswirkungen. Für manche war es das Maximum der Unbequemlichkeit, auf einige Quadratmeter Wohnfläche beschränkt zu sein, abgeschnitten von sozialen Kontakten und Aktivitäten im Freien, die einzige Abwechslung der Supermarktbesuch und das Bingen einer Serie nach der anderen. Für einige hat die Corona-Pandemie aber schwerwiegendere Auswirkungen, ob gesundheitlicher oder wirtschaftlicher Natur. Was die schönen Frühlingstage zu verdunkeln schien, war insbesondere die Unsicherheit der Bevölkerung und der Regierung, wie sich die Lage weiterentwickeln würde. Jegliche Voraussage blieb nur Spekulation. Doch es gibt auch Menschen, die sich den Luxus der Panik nicht wirklich leisten können: Menschen am Rande der Gesellschaft. Wie verändert sich das ohnehin schwere Leben von Obdachlosen und Suchterkrankten, von Menschen, die nicht einfach zwei Wochen in den eigenen vier Wänden verbringen können? Für österreichische Verhältnisse gibt es in Tirol einige sehr fortschrittliche Angebote und Aktionen, die Menschen in erschwerten Umständen zur Seite stehen sollen: Soziale Einrichtungen wie das Z6 Innsbruck oder die Mentlvilla in der Nähe des Innsbrucker Hauptbahnhofs. Doch welche Auswirkungen hat Corona auf den Betrieb der sozialen Einrichtungen und was bedeutet das eventuell verminderte Angebot für Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind?
Tageszentrum und Notschlafstelle

Die Mentlvilla am Hauptbahnhof
Die Mentlvilla ist ein modernes Gebäude, mit Glasfront und einem Vorbau in der Mentlgasse, finanziert und betreut durch die CARITAS Tirol. Das Tageszentrum der Einrichtung ist für vier Tage pro Woche von 11-14 Uhr geöffnet. Dann versammeln sich Leute, um das vielfältige Angebot zu nutzen. Dieses reicht von Beratung und Seelsorge bis zum „Komfüdro“, dem Spritzentausch oder der Möglichkeit zu duschen und zu waschen. Für viele steht aber die Gemeinschaft im Vordergrund: Sich austauschen, Beziehungen aufbauen, sich gegenseitig Halt bieten. Das Tageszentrum kann als die Frontlinie der Drogenarbeit gesehen werden, wo Kontakt zwischen Sozialarbeiter*innen und Suchterkrankten hergestellt wird. Der Leitsatz ist, „die Menschen anzunehmen, wie sie sind“ und sie in jeder Lage nach bestem Wissen und Gewissen zu unterstützen. Gesundheit bedeutet eben nicht allein physisches Wohlbefinden. Die integrierte Notschlafstelle soll jenen, die nicht mehr wissen wohin, einen Rückzugsort bieten, ohne Bedingungen zu stellen.
Der erste Schritt heißt „Harm-Reduction“
Da nicht immer Schaden abgewendet werden kann, soll dieser zumindest so gering wie möglich gehalten werden. Hilfesuchende werden nicht abgewiesen, auch wenn die Bereitschaft zum Entzug noch nicht gegeben ist. Es handelt sich hier um einen Ansatz, der erst kleine Fortschritte ermöglichen soll, bevor man den Sprung in ein suchtfreies Leben wagen kann. Priorität hat, die Menschen von der Straße und weg von der Dealerszene zu bringen. Wenn das geschafft ist, kann man über einen weiterführenden Entzug nachdenken. Die Notschlafstelle ist dauerhaft besetzt und steht vorurteilsfrei für alle ab dem 18. Lebensjahr offen. Seit dem Beginn der Panik um das Corona-Virus haben sich auch einige Veränderungen in der Mentlvilla eingestellt, obwohl die Mitarbeiter*innen der Einrichtung ihr Möglichstes tun, um die Angebote und Hilfestellung so gut wie möglich aufrechtzuerhalten. Während der Spritzentausch und die Notschlafstelle weitestgehend in Betrieb bleiben konnten, mussten gruppentherapeutische Maßnahmen und persönliche, psychosoziale Beratungen reduziert werden. Ein starker Rückgang der Inanspruchnahme von Angeboten der Drogenhilfe und Behandlung macht sich bemerkbar. Teilweise kam es zu ungewöhnlichen Veränderungen im Konsumverhalten der Klient*innen der Mentlvilla, doch auch hier scheint es individuell manche schwerer und andere weniger zu betreffen. Man kann davon ausgehen, dass die zusätzliche Belastung und die grassierende Ungewissheit besonders bei Menschen mit psychiatrischen Vorerkrankungen zu verstärktem Konsum und Rückzug führen kann, was eine Erschwerung der sozialen Arbeit in diesem Bereich bedeutet.
Drogen- und Jugendarbeit Z6 Innsbruck
Die Drogenarbeit Z6 Innsbruck hat sich auf ein jüngeres Klientel spezialisiert, als die Mentlvilla. Im Fokus stehen Jugendliche und junge Erwachsene bis zur Vollendung des 30. Lebensjahres. Auch hier wird der Konsum nicht moralisch bewertet und „Safer Use“ wird propagiert. Zusammen mit den Klient*innen soll über den Konsum reflektiert werden, um risikoreiches oder problematisches Verhalten zu kontrollieren. Dem liegt der Gedanke zugrunde, dass der Konsum bestimmter Substanzen ohnehin stattfinden wird, es aber die Möglichkeit gibt, potentiellen Schaden zu verringern. In dem bunt bemalten, mehrstöckigen Haus gegenüber der Dreiheiligenkirche kann man sich als Konsument*in rechtlich, gesundheitlich oder psychosozial beraten lassen, Substanzen auf ihre Reinheit oder gesundheitsschädliche Streckmittel hin überprüfen und Informationen zum Thema Konsum sammeln. Das Motiv der „Harm-Reduction“ gilt auch hier: Durch das Umfeld des Drug-Checking soll zusätzlich die Konsumkompetenz und Veränderungsmotivation der Konsument*innen gefördert werden. Zudem betreiben die Mitarbeiter*innen der Drogenarbeit Z6 ausgiebige Jugendarbeit oder betreuen (Groß-)Veranstaltungen im Rahmen des „MDA-Basecamp“. Hierzu werden auf Partys Informationen und Warnungen ausgegeben, sowie„Safer-Use Kits“ verteilt, die diverse Artikel wie Kondome oder Aktivkohlefilter enthalten.

Harm-Reduction Set, ausgegeben von der Drogenarbeit Z6
Aufgrund von Corona sind Partys und Großveranstaltungen prinzipiell auf Eis gelegt und Versorgungswege sind durch Grenzschließungen blockiert. Welche Auswirkungen das hat, ist bis dato noch unklar. Es könnte zu einer Verlagerung von Konsum und Sucht führen, wobei die Verfügbarkeit von legalen und illegalen Substanzen eine tragende Rolle spielt. Auch die Mitarbeiter*innen der Drogenarbeit Z6 mussten sich den Umständen anpassen, face-to-face Beratungen fielen weg, die Einrichtung ist offiziell für die Öffentlichkeit geschlossen. Stattdessen werden Online- und Telefonberatungen (die es bereits vor Corona gab) häufiger und umfangreicher angeboten. Da Konsument*innen auf Veranstaltungen momentan nicht erreicht werden können, versendet Z6 auf Wunsch „Safer-Use Kits“ anonym und diskret. Mit dem vierten Mai (nach momentanem Wissensstand) hat die Drogenberatung und -testung in der Dreiheiligenstraße jedoch offiziell und persönlich ihre Pforten erneut geöffnet.
Facetten des Konsums
Abschließend lässt sich sagen, dass Sucht und Konsum sehr faktorenreiche und individuelle Phänomene sind, die schwerlich genau definiert werden können. Die Entstehung von Sucht ist bedingt durch die jeweilige Substanz (Abhängigkeitspotential, gesellschaftliche Akzeptanz), durch den/die Konsument*in selbst (Alter, Geschlecht, Sozialisation) und durch die Reaktion des sozialen Umfelds, beispielsweise durch Substanzenkonsum von Freund*innen. Krisen und Bedrohungen wie Corona können weitere Stressfaktoren sein, in Form von Ausgangsbeschränkungen, Strukturlosigkeit und Langeweile, oder Engpässen bestimmter Substanzen.
All das kann sich auf das Konsumverhalten auswirken. Menschen haben unterschiedliche Strategien, um mit Problemen umzugehen und wie auch immer sie sich entscheiden – Es ist gut zu wissen, dass es Institutionen wie die Mentlvilla und die Drogenarbeit Z6 gibt, die sie dabei unterstützen. Besonders mit Seitenblick auf Hamsterkäufe und Untergangsprophet*innen ist es besonders wichtig, in solchen Zeiten nicht den Kopf zu verlieren und sich bewusst zu machen, wie glücklich man sich schätzen kann, wenn das größte Problem „extra quality time“ mit der Familie ist.
Weiterführende Links:
Drogenarbeit Z6 Innsbruck: https://www.drogenarbeitz6.at/
Tageszentrum Mentlvilla Innsbruck: https://www.caritas-tirol.at/hilfe-angebote/menschen-mit-suchterkrankungen/mentlvilla-tageszentrum/ /
Notschlafstelle Mentlvilla Innsbruck: https://www.caritas-tirol.at/hilfe-angebote/menschen-mit-suchterkrankungen/mentlvilla-notschlafstelle/