Wenn dir jemand sagt: Du schaffst das, mach weiter – dann geht alles leichter.
Annabell arbeitet im Eventdesign, organisiert Ausstellungen und Messeauftritte. Seit einem Jahr ist sie bei Sindbad ehrenamtlich als Mentorin aktiv. Zusammen mit ihrer Mentee Hidaio ist sie eines der Mentoring-Teams in Innsbruck, die diesen Herbst das acht- bis zwölfmonatige Sindbad-Programm abgeschlossen haben. Wir haben Annabell und Hidaio zum Interview getroffen.
Wie seid ihr auf Sindbad gekommen und warum habt ihr euch angemeldet?
Hidaio: Ein paar Leute von Sindbad sind zu uns in die Schule gekommen und haben uns das Programm vorgestellt. Ich habe mich dann angemeldet, weil ich schon immer Modedesignerin werden wollte. Von Sindbad habe ich mir erhofft, dass sie mich dabei unterstützen. Ich habe dann auch Annabell als Mentorin ausgewählt, weil sie die Einzige war, die etwas mit Design macht.
Annabell: Ich habe Sindbad schon länger auf Social Media verfolgt. Letztes Jahr habe ich mich dazu entschlossen, aktiv zu werden. Durch einen Infoabend war ich gleich begeistert von dem Projekt und habe dann wie alle angehenden Mentoren ein kurzes Video von mir aufgenommen. In dem stelle ich mich kurz vor und beschreibe, wie ich den Mentee unterstützen könnte. Hidaio hat mich ausgewählt und dann ging es auch schon los!
Wie war der weitere Ablauf des Sindbad-Programms?
Annabell: Es gibt jedes Jahr zwei „Staffeln“: Eine beginnt im Herbst, eine kürzere im Frühjahr und beide enden zusammen im darauffolgenden Herbst. Während jeder Staffel gibt es ein paar feste Termine, wie zum Beispiel das Treffen mit allen Mentoren zu Beginn. Mit dem Mentee entscheidet man nach dem ersten Treffen gemeinsam, wann und wie oft man sich trifft. In der Regel ist das alle zwei bis drei Wochen.
Wie war euer erstes Treffen?
Hidaio: Das war in der Bäckerei, Sindbad hat dort das erste Treffen von Mentoren und Mentees organisiert. Ich habe nicht so viel geredet, weil ich ein bisschen schüchtern bin. Aber Annabell hat mir ganz viele Fragen gestellt, wir haben was gegessen und Spiele gespielt – das war toll.
Wie liefen dann die weiteren Treffen ab?
Annabell: Das ist bei jedem Sindbad-Team individuell. Bei Hidaio war schon klar, dass sie Modedesignerin werden will. Es war also nur noch die Frage, auf welchem Weg sie am besten zu diesem Ziel kommt. Ich war sehr motiviert (lacht) und habe eine Mappe mit verschiedenen Möglichkeiten vorbereitet, also zum Beispiel welche Schulen in Frage kommen. Die Entscheidung fiel dann auf den Kreativzweig der polytechnischen Schule. Der dauert ein Jahr, und dann gibt es für die Lehre verschiedene Optionen. Zum Beispiel könnte sich Hidaio für eine Lehrstelle zur Schneiderin bewerben.
Was habt ihr außer der Zukunftsplanung zusammen gemacht?
Annabell: Ich bin auf die Idee gekommen, zu jedem Treffen ein Stück Modegeschichte mitzubringen. So haben wir wichtige Ikonen besprochen, von Coco Chanel damals bis Iris van Herpen heute. Schritt für Schritt haben wir Steckbriefe von Designern zusammengestellt, bei fast jedem Treffen kam jemand dazu.
Wenn in der Schule ein Referat oder Test angestanden hat, habe ich bei der Vorbereitung, soweit es ging, geholfen. Wir waren aber auch mal im Kino oder was essen. Mein Highlight war, als mich Hidaio zu einem Tanzauftritt eingeladen hat, bei dem verschiedene Schulen aus Innsbruck ihre Choreografien präsentiert haben. Da saß ich im Publikum und Hidaio war Tänzerin auf der Bühne.
Gab es Herausforderungen im Mentoring-Prozess?
Hidaio: Bei mir gibt es da nichts, mir hat alles supergut gefallen.
Annabell: Wie bei jeder menschlichen Beziehung muss man sich erstmal kennenlernen und herausfinden, wie der andere so ist. Aber ich würde sagen, dass wir das Eis schnell gebrochen haben (schaut zu Hidaio und beide lachen).
Habt ihr euch mit anderen Mentoren und Mentees ausgetauscht? An wen hättet ihr euch wenden können, falls es Probleme gegeben hätte?
Hidaio: Von den anderen Mentees habe ich nicht so viel mitbekommen. Ich war mit einer Ansprechperson von Sindbad in Kontakt, da hätte ich Probleme ansprechen können.
Annabell: Ich finde den Rückhalt, den man von Sindbad bekommt, super. Ich hatte ebenfalls eine Kontaktperson. In der Supervision haben wir Mentoren uns ausgetauscht und gegenseitig geholfen. Nicht bei allen läuft es so reibungslos. Manche Eltern haben Schwierigkeiten, das Konzept von Sindbad zu verstehen, und sind skeptisch, wenn ihr Kind allein zu den Treffen geht. Außerdem kommen Mentor und Mentee oft aus einem ganz anderen Umfeld, das kann den Beziehungsaufbau erschweren. Wir beide haben schon ein bisschen Glück gehabt, dass wir uns so gut verstehen (die beiden lächeln).
Was waren eure größten Erfolge?
Annabell: Hidaio hat jetzt ein eigenes Portfolio! Das haben wir gemeinsam erarbeitet. Sie zeichnet super viel und gern. Die schönsten Zeichnungen haben wir gelayoutet und mit diesem Portfolio hat sie sich schon für ein Praktikum beworben.
War das Mentoring manchmal zu viel Zeitaufwand für dich?
Annabell: Ich habe schon sehr viel Zeit hineingesteckt, aber für mich war das kein Problem und ich konnte mir das gut einteilen. Dadurch, dass man das Programm so individuell gestalten kann, kann man aber auch um einiges weniger Zeit aufwenden. Jeder Mentor kann das selbst entscheiden.
Hidaio, was wäre bei deiner Zukunftsplanung ohne Annabell und das Sindbad-Programm anders gewesen?
Hidaio: Es wäre sehr schwierig gewesen. Wenn dir jemand sagt: „Du schaffst das, mach weiter“, dann geht alles leichter.
Annabell, was hast du durch Sindbad gelernt?
Annabell: Ich habe viel über K-Pop und koreanische Serien gelernt (lacht). Und dass nicht jeder von demselben Punkt startet, wenn es um Bildung und Möglichkeiten geht. Ich habe auch gelernt, dass man als Mentor viel bewirken kann. Oft helfen schon Kleinigkeiten, wie Selbstvertrauen mitzugeben oder den Tipp, beim E-Mail-Postfach in den Spamordner zu schauen, wenn man auf eine Antwort wartet. Außerdem habe ich mitbekommen, was Jugendliche heute beschäftigt. Das sind viel globalere Themen als bei mir damals. Ich finde das sehr beeindruckend und mir gefällt es, dass die Entwicklung in diese Richtung geht.
Wie geht es jetzt weiter im Mentoring-Programm?
Annabell: Bald ist das offizielle Ende der Staffel, aber wir werden bestimmt in Kontakt bleiben. In einem Jahr geht es schließlich darum, nach Lehrstellen zu schauen. Bei uns beiden ist es auf jeden Fall eine Beziehung, die nicht mit dem Datum aufhört, an dem das Programm zu Ende ist (lächelt).
Vielen Dank für das Interview.
Annabell: Hidaio, gehen wir noch ein Eis essen?
Hidaio: Ja!
Das Sindbad-Programm
Wer zwischen 20 und 35 Jahre alt ist, kann sich bei Sindbad als ehrenamtlicher Mentor oder Mentorin engagieren. Die Mentees sind zwischen 13 und 19 Jahre alt und suchen nach der Pflichtschule eine weiterführende Schule oder Lehre. Ziel des Mentoring-Programms ist, für mehr Chancengerechtigkeit in Österreich zu sorgen und unterschiedliche Lebenswelten in Verbindung zu bringen.

Infoabende zu Sindbad finden bis Mitte November in der Bäckerei statt. Die Termine sind hier zu finden, allgemeine Informationen zu Sindbad sind auf deren Website zusammengestellt.