Universität ist Bildung, heißt es immer. Doch um der Bildung treu zu bleiben, braucht es Reflexion, Verständnis und Bereitschaft zur Veränderung.
Die Universität in Innsbruck wird dem in vielerlei Hinsicht gerecht: Sie bietet uns viele Wege, wie durch das breit gefächerte Studienangebot oder Auslandsaufenthalte. Doch wie es Wege so an sich haben, gibt es auch Sackgassen, überdenkbare Strukturen und Erneuerungsbedarf. Daher gilt es, immer wach zu bleiben.
„Bildung ist die Anregung aller Kräfte des Menschen, damit diese sich über die Aneignung der Welt entfalten und zu einer sich selbst bestimmenden Individualität und Persönlichkeit führen.“ Mit diesen Worten definierte bereits Wilhelm von Humboldt den Bildungsbegriff. Bildung ist also Persönlichkeitsentwicklung, Selbstentfaltung und Selbstbestimmung. Und vor allem ist Bildung eines: Sie ist mehr als Kompetenz. Und sie ist auch nicht messbar.
Unser System, das jede unserer Leistungen mit ECTS-Punkten messen und belohnen will, wird diesem Bildungsverständnis nicht ganz gerecht.
Daher erachte ich es als wichtig, mehr Raum für Leistungen zu schaffen, die frei von Bewertung sind. Es sollte auch das Konzept des Hörsaals reflektiert werden. Zum Beispiel darin, dass es in einem Hörsaal willkommen sein darf, mehr zu tun, als „zuzuhören“, wie im Namen steckt. 90 Minuten Frontalvortrag ist nicht gerade förderlich für die Aufmerksamkeit. Diskussionsfragen, Gruppenarbeiten oder kurze Pausen unterstützen hingegen effektives Lernen. Und auch im Hinblick auf Seminare sollten diese vor allem dazu genutzt werden, auf mehreren Ebenen und mit ganzheitlichen Methoden zu lernen.
Im Hinblick auf den Begriff der Selbstbestimmung kann bei den Prüfungsmodi der suchende Blick nach Wahlmöglichkeiten ins Leere laufen. Gerade bei bewerteten Abschlussübungen wäre es leicht, verschiedene Wahlmöglichkeiten zur Verfügung zu stellen. Und auch so manche Prüfungsformate von Vorlesungen sollten überprüft werden. Denn wo lässt zum Beispiel eine klassische Multiple-Choice-Prüfung Raum für meine eigenen Gedanken zur Thematik?
Zeitlich geballte Prüfungstermine tragen außerdem nicht dazu bei, dass wir uns den Lernstoff nachhaltig merken können. Denn auch wenn es mehrere Prüfungstermine gibt, liegen diese oft eine lange Zeit nach dem ersten, teilweise bereits im nächsten Semester. Das frühere Abschließen von manchen Lehrveranstaltungen, die dafür auf kürzerer Dauer zeitintensiver sind, wäre eine Alternative.
Ich wünsche mir eine Universität, die weiß, was Bildung für die Gesellschaft bedeutet. Dass es um Persönlichkeitsbildung geht, um Erkenntnisse, angeregten Austausch. Eine Universität, die dies auch regelmäßig zu reflektieren wagt und sich nicht blind der Entwicklung der Zeit hingibt. Und zuletzt auch mit Immanuel Kants berühmten Worten im Kopf: „Sapere Aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“