Mut zum Gleichmut

von Laura Klemm
Lesezeit: 5 min
Innsbruck ist die Stadt der Waghalsigen, die Bergisel-Schanze ein Symbol der Überwindung: Hier steht der Mut an der Tagesordnung. Doch diese Eigenschaft hat es in sich.

Waghalsige überqueren auf Slacklines die Sillschlucht, Adrenalinjunkies vollführen schwindelerregende Schanzensprünge, menschliche Gämsen klammern sich an senkrechten Felswänden fest – Innsbrucks Risikobereitschaft ist nicht zu übersehen. Neben sportlichen Wagnissen können alltägliche Vorhaben natürlich ebenfalls zu regelrechten Schweißausbrüchen führen. Und auch unser Wortschatz wird von verwegenen Wörtern dominiert: Wir weinen wehmütig, bitten demütig, stolzieren anmutig, feiern übermütig, zerstören mutwillig – der Mut ist überall.

Die Mitte zwischen Angst und Zuversicht

Anders als man hierorts manchmal glauben mag, sind die Menschen nicht erst tapfer, seitdem es Skisprung-Schanzen gibt. Im Gegenteil: Mut ist ein Konzept, das die Menschheit schon lange begleitet. Nach Aristoteles lässt sich die Eigenschaft in drei wesentliche Bestandteile zerlegen. Um eine Handlung als mutig definieren zu können, müsse eine Person angemessen und zielgerichtet vorgehen und dabei ein gewisses Risiko in Kauf nehmen. In der Psychologie werden verschiedene Mut-Typen unterschieden: Wer vom Zehnmeterbrett springt und damit eine mögliche Lebensgefahr auf sich nimmt, beweist physischen Mut; Aktivist:innen handeln moralisch mutig, denn sie riskieren gesellschaftliche Ächtung; und die Seattle Pacific University spricht Menschen, die psychologische Instabilität in Kauf nehmen, den sogenannten psychologischen Mut zu. Mut ist außerdem domänenspezifisch. Das bedeutet, dass eine Person in einem bestimmten Bereich besonders risikofreudig sein kann, sich in anderen womöglich jedoch vor vielem scheut. Vor allem ist Mut aber etwas zutiefst Persönliches.

Die vermeintlich einfache Definition der Innsbrucker Eigenschaft bringt daher einige Probleme mit sich. Denn wer wann wie mutig ist, können Außenstehende nicht festmachen, ohne die persönliche Geschichte der handelnden Person zu kennen. Erst die Kenntnis über deren Umstände kann Unwissende dazu verleiten, eine vermeintlich unspektakuläre Handlung nun als mutig zu bewerten. Hat beispielsweise ein Kind unfassbare Angst vor Wasser und wagt eines Tages dennoch den Sprung ins Becken, ist es im Vergleich zur befreundeten Badenixe deutlich mutiger. Um über Mut und Feigheit entscheiden zu können, müsste eigentlich die gesamte individuelle Motivation einer Person bekannt sein.

Mannhafte Wagnisse

Dennoch erkennen oft Autoritäten den Mut von Menschen an. Diese Personen an der Spitze der Hackordnung geben richtungsweisend vor, wer und was mutig ist. Den hierarchisch Untergeordneten verhelfen sie somit je nach eigener Definition und persönlicher Präferenz zum Held:innenstatus. Diese Hervorhebung bestimmter Personen wird oft als Aufforderung zur Nachahmung verstanden. Die neuen Vorbilder werden besonders von denjenigen bewundert, die eine ähnlich Rolle in der Gesellschaft einnehmen wie zuvor ihre Idole.

Bundesverdienstkreuze und sonstige Auszeichnungen für besonders Kühne verleihen somit oft obere Instanzen. Diese Positionen besetzen noch heute meist Männer, die wiederum vermehrt andere Männer für ihre Heldentaten auszeichnen. Doch nicht nur patriarchale Strukturen verwandeln das Konzept rund um „Mut“ in ein teils sexistisches. Die Wortherkunft des synonym gebrauchten Wortes „Tapferkeit“ weist bereits auf die mangelde Inklusivität des Konzepts hin. In der Literatur bezeichnete erstmals Homer in seinem Werk Ilias Menschen als tapfer; im Original verwendete der Dichter den altgriechischen Ausdruck „andreia“. Wurde der Begriff in der deutschen Ausgabe mit „Tapferkeit“ übersetzt, lautet die wortwörtliche Übersetzung jedoch „Mannhaftigkeit“. Homer wird mit „andreia“ also wohl kaum Menschen gemeint haben, die ihre persönlichen Alltagshürden mit viel Durchhaltevermögen überwinden. Stattdessen Krieg, Kampf und vor allem: Männer.

Acht Millimeter Unterschied

Mut wird bei Frauen anders bewertet als bei Männern. Erst vor wenigen Wochen ging ein Aufschrei durch die deutsche Presse. Der Grund: Frauen in Deutschland erhalten kleinere Bundesverdienstkreuze als Männer. Entschieden hat das der ehemalige Bundespräsident Karl Carstens in den Siebzigerjahren. Nachvollziehen könne man den Grund dafür heute nicht mehr, äußert sich das Bundespräsidialamt. Der amtierende Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier spricht sich nun für einen Unisex-Orden aus. Doch Deutschlands Frauen tragen nicht nur kleinere Orden, sie werden auch deutlich seltener ausgezeichnet als Männer.

Frauen erhielten für ihren eigenen Mut selten Anerkennung, kritisiert die Psychoanalytikerin Rotraut Perner. Sie seien stattdessen dafür zuständig, ihre Mitmenschen zu loben, darunter hauptsächlich die eigenen Kinder. Beweisen sich Frauen dagegen selbst als tapfer, indem sie sichbeispielsweise auflehnen – gegen private, berufliche oder gesellschaftliche Missstände – werden sie selten als mutig empfunden. Stattdessen nimmt man sie als störend war. Noch seltener attestiert man ihnen physischen Mut.

Doch das stereotypisierte Bild einer mutigen Person schadet sowohl Frauen als auch Männern. Denken wir an mutige Männer, dann oft an „Helden“, die sich in Auseinandersetzungen außerordentlich hervortun und sich vor nichts fürchten. „Trau dich!“, sagt man schon kleinen Jungen und verleitet sie damit dazu, nicht auf ihr eigenes Angstempfinden zu vertrauen. Mit dem Appell, mutig zu sein, wird zudem manipuliert. Oft wird dabei Gehorsam eingefordert. Menschen werden dadurch dazu verleitet, ähnliche Risiken wie andere Personen ihrer Peergroup einzugehen. Denn die Einfordernden wissen, dass die meisten das Herausfallen aus ihrem sozialen Umfeld nicht riskieren würden. Auf diese Art und Weise funktionieren Mutproben. Sie dienen dazu, die Widerstandskraft und den Mut der Ungleichen zu prüfen – ein Unterwerfungstest.

Ein Hoch auf das Draufgängertum?

Doch Mut ist keine quasi-militärisch antrainierte Eigenschaft, sondern kann in einem Prozess erlernt werden. Nach Aristoteles entwickle man ihn dann, wenn Wagnisse gelingen. Wer sich weiterentwickeln will, dem rät der antike Philosoph, sich auf die Angst zu fokussieren. Denn dort wo das Zögern ankert, befinde sich der nächste Entwicklungsschritt.

Niemals werden wir wohl erfahren, was Aristoteles dächte, würde er Zeuge der Sillschlucht-Balanceakte und Bergisel-Schanzensprünge. Vielleicht würde er sich fragen, ob nach dem dreißigsten Absprung noch Entwicklungsschritte lägen, ob es irgendwann keinen Mut mehr brauche, um Schluchten in schwindelerregenden Höhen zu überqueren. Psychoanalytikerin Perner rät währenddessen zum Gleichmut: Gleichmütige nehmen in Maßen kleine und große Wagnisse auf sich, sofern sie sich dabei ihre innere Ruhe bewahren können. Auch Balu und Mogli riefen schon zum Gleichmut auf: „Probier’s mal mit Gemütlichkeit“, singen sie im Dschungelbuch und laden dazu ein, gelassen und unerschütterlich durch die Welt zu gehen.

 

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