Angefangen hat alles in Innsbruck: 1988 begann der Student Andreas Pfeifer als freier Mitarbeiter beim ORF Tirol. Heute, 33 Jahre später, ist er außenpolitischer Ressortleiter im aktuellen Dienst des ORF-Fernsehens. Sein Karriereweg führte ihn zunächst nach Bozen. Später wurde er Korrespondent in Washington und Rom und erlebte die Präsidentschaft Bill Clintons in den USA ebenso mit, wie das Italien unter Silvio Berlusconi. Seit 2007 ist er nun Chef der ZiB-Auslandsredaktion. Für seine journalistische Arbeit gewann er Preise und war an zwei Buchveröffentlichungen (Metamusik, Geheimnis Vatikan) beteiligt.
Doch was hat den Alumnus der Universität Innsbruck so weit gebracht? In unserem Gespräch via Zoom haben wir mit Pfeifer über seine Studienzeit, seine journalistische Laufbahn und den Wandel der Außenpolitikberichterstattung gesprochen.
UNIpress: Herr Pfeifer, als Sie sich an der Uni Innsbruck für Germanistik und Musikwissenschaft eingeschrieben haben, was für Berufsziele hatten Sie damals vor Augen?
Andreas Pfeifer: Mir war klar, dass ich mich mit Sprache beschäftigen wollte. Ich hatte damals schon für ein paar Literaturzeitschriften etwas geschrieben. Und mir war klar, dass ich nicht Lehrer werden wollte, weil ich mir die Kompetenz des Unterrichtens nicht zugetraut habe. Insofern hatte ich schon eine dezidierte Vorstellung darüber, was ich machen wollte oder nicht.
Musikwissenschaft habe ich studiert, weil das ein großes Thema für mich war. Ich habe gleichzeitig am Konservatorium in Innsbruck eine Ausbildung zum Musiklehrer mit dem Hauptfach Zither absolviert. Auf der Zither habe ich Renaissance-, Barock- und zeitgenössische Musik gespielt, nicht so sehr die volkstümliche Schiene. So bin ich damals ins Studium gegangen. Aber wohin das führen würde, das war mir damals noch nicht klar. Priorität waren für mich Sprache und Kultur, aber der Weg zum Journalismus war dann noch ein langer und verschlungener.
UNIpress: Was war das prägendste Ereignis aus Ihrer Zeit als Student in Innsbruck?
Pfeifer: Auf der subjektiven Ebene war das prägendste Ereignis für mich in den 1980er Jahren der Aufbruch in die große weite Welt. Es war keine große Reise, ich kam aus Bozen. Das Leben dort war damals fast schon vordefiniert: Man lebt dort, kriegt leicht eine Wohnung, kann schnell eine Familie gründen und hat einen gewissen Wohlstand.
Ich wollte aber dieser Südtiroler Enge, die ich damals empfunden habe, entfliehen. Und da waren für mich schon diese 120 Kilometer über den Brenner an eine offene und kosmopolitische Universität ein Ausbruch in eine Welt, deren Horizont dann später noch weiter wurde.
UNIpress: Wo waren Sie abseits der Hörsäle und der eigenen vier Wände in Innsbruck am häufigsten anzutreffen?
Pfeifer: Ich habe mich viel in den eigenen vier Wänden und an der Universität aufgehalten. Ich war jetzt nicht ein Student mit unglaublich reichem Sozialleben. Aber ich habe viel Zeit mit Freunden verbracht. Ein Freund von mir hatte in Sistrans ein Sommerhaus und dort haben wir viele Partys gefeiert, sehr viel Musik miteinander gemacht und Innsbruck von oben betrachtet.
UNIpress: Was waren Ihre ersten Berührungspunkte mit dem Journalismus? Und was hat Sie dann zum ORF geführt?
Pfeifer: Ich habe im Rahmen meiner musikwissenschaftlichen Ausbildung ein Seminar darüber gemacht, wie man eine Musikkritik schreibt. Ein Professor aus Wien hat das Seminar gehalten. Jeder musste über ein Lieblingsstück von sich eine Konzertkritik schreiben. Ich nahm damals meinen Lieblingskomponisten Steve Reich und habe über eine Minimalkomposition namens „Music for 18 Musicians“ geschrieben. Viele Kolleginnen und Kollegen als auch der Professor haben diese Minimalmusik abgelehnt – er fand sie kompositorisch nicht sehr interessant oder lehrreich. Ich aber schon und ich habe in dieser Kritik über die Schönheit der Musik und ihrer Struktur geschrieben.
Damals ist dann etwas passiert, das in dieser Form heute so nicht mehr vorkommt: Der ORF hat bei diesem Professor angerufen und gefragt, ob bei ihm jemand im Kurs war, der für die Radio-Kulturberichterstattung hier und da Musik-, Konzert- und Theaterkritiken machen könnte. Der Professor hat meinen Namen genannt. Der ORF hat dann mich angerufen und gesagt: „Wir sind das Landesstudio Tirol. Wir suchen jemanden, der Kulturberichterstattung für das Radio macht. Wollen Sie das nicht probieren?“ Und da habe ich „Ja“ gesagt. Dann habe ich meine ersten Schritte als Radio-Kulturredakteur im Landesstudio Tirol gemacht.
Es war auch ein sehr holpriger Anfang: Mein erster Beitrag war über Aspekte der postmodernen Musikästhetik. Nachdem dieser auf Sendung gegangen ist, hat mich der Intendant zu sich gerufen und gesagt: „Aus Ihnen wird niemals ein Journalist. Sie sind da viel zu verschroben in Ihren Gedankenwelten. Sie müssen vielmehr so formulieren, dass die Hausfrau beim Rühren des Kuchenteiges auch noch versteht, was Sie da erzählen.“ Ich habe mir gedacht: „Ok, das ist schon wieder vorbei, die Chance habe ich jetzt verpasst.“ Aber er meinte: „Nein, nein. Machen Sie noch ein paar Beiträge.“ Und so bin ich als Student im Landesstudio Tirol langsam in die Kulturberichterstattung hineingewachsen.
UNIpress: Als Italien-Korrespondent haben Sie den Robert-Hochner-Preis für herausragende journalistische Leistungen erhalten. 2017 folgte beim Filmfestival „Diagonale“ der Franz-Grabner-Preis in der Kategorie Fernsehdokumentarfilm. Was ist das Erfolgsrezept für guten Journalismus?
Pfeifer: Ich habe den Robert-Hochner-Preis für meine Berichterstattung über Silvio Berlusconi und den Papst-Wechsel von Johannes Paul II. zu Benedikt XVI. bekommen. Zur Frage, was das Rezept für guten Journalismus ist, würde ich Folgendes sagen: Einerseits Neugierde und Bereitschaft zur Recherche und andererseits auch eine gewisse Unerschrockenheit.
Wenn man mit Journalismus zu tun hat, hat man mit Institutionen zu tun – also mit Repräsentanten von Macht. Es ist sehr wichtig, sich diesen Repräsentanten zwar respektvoll, aber auch mit einer unerschrockenen Unvoreingenommenheit zu nähern.
Ganz egal, ob das der Ministerpräsident von Italien Silvio Berlusconi oder ob das der Papst ist. Ich glaube, das sind Qualitätskriterien des Journalismus.
Ich habe dann im Laufe der Zeit viele Gelegenheiten gehabt, Urteilskraft und Kritikfähigkeit an sehr schillernden Persönlichkeiten zu entwickeln – wie Silvio Berlusconi oder zuletzt Donald Trump. Ich glaube, da muss man eine sehr klare journalistische Haltung der Aufklärung haben, um mit solchen Herausforderungen umzugehen und dann im richtigen Moment nicht eine Kampagne zu betreiben oder Verurteilungen zu äußern, sondern ein kritisches Urteil – soweit sollte ein Journalist schon gehen.
UNIpress: In der Ära Clinton waren Sie zwei Jahre lang ORF-Korrespondent in Washington. Inwiefern hat sich das Land seit Ihrer Zeit dort verändert?
Pfeifer: Sehr stark. Die zweite Amtszeit Bill Clintons war eine Zeit des Aufbruchs, des großen Wohlstands. Ich kann mich erinnern, dass viele Menschen Fernsehsendungen verfolgt haben, die ihnen geraten haben, in welche Aktien und Fonds sie ihre überflüssigen Dollar investieren sollen. Mit Bill Clinton ist auch stilistisch ein Ruck durch das Land gegangen: Er war ein sehr charismatischer und weltoffener Präsident, der die konservative Reagan-Ära etwas vergessen ließ. Insofern war es eine sehr optimistische Zeit.

@David Scull
US-Präsident Bill Clinton und sein damaliger französischer Amtskollege Jacques Chirac
Dann kamen Skandale, darunter seine eigenen – Stichwort Monica Lewinsky und das Impeachment-Verfahren. Schließlich kam 2001 die düstere Zäsur mit 9/11. Amerika hat sich nach den Anschlägen in New York und Washington eingeigelt und sich auf den Kampf gegen den Terrorismus fokussiert: Der Krieg in Afghanistan geht vielleicht bald erfolglos zu Ende. Und auch die inneren Freiheiten in den USA wurden etwa durch Polizei- und Sicherheitskontrollen stark eingegrenzt.
Dann kam die Zeit von Obama. Für mich war er ein Präsident, der das richtige Konzept, für eine multilaterale, multipolare, globalisierte Welt und Friedensentwicklung hatte. Aber die Welt hat ihn im Regen stehen gelassen und die republikanische Opposition zu Hause noch mehr. Er ist mit diesen Versuchen sehr redlich gewesen, letztendlich aber gescheitert. Das gilt für seine nationalen und zum Teil auch für seine internationalen Bemühungen.
Danach kam Donald Trump und hat diese Tendenz der Polarisierung und Unversöhnlichkeit befördert und weitergespielt. Hinzugekommen ist bei Trump ein absoluter Mangel an Respekt vor demokratischen Spielregeln und diplomatischen Gepflogenheiten. Das hat zur Destabilisierung der amerikanischen Demokratie geführt. Für mich waren die Ereignisse am 6. Jänner am Kapitol eine erschreckende Erfahrung. Ich hatte als Auslandschef im ORF zuletzt viel mit der US-Wahl zu tun und mich mit Trump beschäftigt: Da wurde mir klar, dass dieses Amerika nichts mehr mit dem Land gemein hat, das ich Ende der 90er Jahre kennengelernt habe.
UNIpress: Inwiefern hat sich die Auslandsberichterstattung seit ihren Anfangsjahren beim ORF verändert?
Pfeifer: Die Auslandsberichterstattung hat sich in zweierlei Hinsicht geändert: Einerseits hat die technologische Entwicklung eine unglaubliche Beschleunigung herbeigeführt. Als ich meine ersten Beiträge gemacht habe, hat man noch am ersten Tag geplant, am zweiten gedreht, am dritten geschnitten und am vierten ging etwas auf Sendung.
Heute ist es so, dass wenn zum Beispiel jetzt gerade Markus Söder zur jüngsten Entwicklung in Deutschland spricht, dann werden Sie das schon um 13 Uhr im Fernsehen sehen und wir werden eine Live-Schaltung nach Berlin haben.
Zweitens habe ich das Gefühl (manchmal auch beim ORF), dass früher das Bewusstsein für globale Entwicklungen größer und die außenpolitische Berichterstattung wichtiger war. Man hat sich nämlich mehr in einem globalen oder europäischen Kontext beheimatet gesehen. Heute leben wir in einer Zeit der vielen nationalen Alleingänge – trotz einer Pandemie, die eigentlich die ganze Welt beschäftigt. Man muss sich als außenpolitischer Journalist immer öfter bemühen, um auch zu berichten, was im Libanon, in Syrien oder in Brasilien geschieht und um als öffentlich-rechtlicher Sender dem Publikum das Fenster zur Welt zu öffnen.
UNIpress: Die Corona-Krise hat die internationale Berichterstattung der letzten 14 Monate stark überschattet. Wie schafft man bei der ZiB tagtäglich die Balance, das Publikum über die Pandemielage zu informieren, ohne dass das sonstige Weltgeschehen dabei zu kurz kommt?
Pfeifer: Es war eine große Schwierigkeit, während der Pandemie immer wieder darauf hinzuweisen, dass es parallel dazu noch einige andere Entwicklungen gibt. Es ist aber auch nachvollziehbar: Die Pandemie ist eine große gesundheitliche, politische, logistische, wissenschaftliche und weltanschauliche Herausforderung. Es ist eine große Zäsur, die uns alle betrifft. Es ist auch wichtig, dass man vergleicht, wie das in Deutschland, Großbritannien oder in den USA gehandhabt wird.
Eine Zeit lang gab es eigentlich nur monothematische Berichterstattung auf dieser Welt. Jetzt ändert sich das langsam, da eine große Pandemie-Müdigkeit eintritt und die Menschen nicht mehr von A bis Z nur Corona-Meldungen in den Nachrichten haben wollen. Ein gutes Beispiel dafür sind die aktuellen Ereignisse in Deutschland: Während auch dieses Land viel Ratlosigkeit im Umgang mit der Pandemie an den Tag legt, streiten sich Armin Laschet und Markus Söder um eine Kanzlerkandidatur für die Wahl, die im September stattfinden wird (Anm. Red. Das Interview wurde vor der Entscheidung geführt). Da sieht man, dass die Mechanismen des politischen Alltags wieder zurückkehren. Ich finde gut, dass die Berichterstattung wieder breiter wird, denn die Welt ist Gott sei Dank immer noch mehr als eine Pandemie.
UNIpress: Zurück zu Ihnen: Wo sehen Sie Ihre eigene Zukunft? Es heißt ja, sie könnten künftig die Leitung des ORF-Korrespondentenbüros in Berlin übernehmen?
Pfeifer: Sie sind aber gut informiert. Ja, ich muss sagen, Deutschland hat mich schon immer sehr interessiert. Schon in meiner Studentenzeit war es für mich eine Richtgröße für demokratiepolitische Berechenbarkeit und Transparenz. Das habe ich in Italien, wo ich herkomme, und zuletzt auch in Österreich, wo ich jetzt wohne, manchmal sehr vermisst.
Schon als ich begonnen habe, als Journalist zu arbeiten, war es mein Fernziel, Auslandskorrespondent in Deutschland zu werden. Womöglich ist das bald denkbar: Eine Stelle wird im November frei und ich bin gerade dabei, darüber nachzudenken, ob ich mich bewerben werde oder nicht. Das Ergebnis kann ich Ihnen jetzt noch nicht verraten, aber das wäre sicher eine interessante Aufgabe für mich. Natürlich hängt das noch von einigen beruflichen und privaten Faktoren ab.
UNIpress: Zum Abschluss: Was würden Sie all jenen empfehlen, die in der Auslandsberichterstattung tätig werden wollen?
Pfeifer: Was für den Chef-Korrespondenten bis zum Praktikanten, der bei uns im Monitoring anfängt, gilt: Eine gewisse Wachheit für das, was auf der Welt passiert, zu pflegen. Es ist nicht leicht, die Welt zu durchblicken, man braucht sehr gute Instrumente, um das zu tun und zwar nicht nur technische: Es genügt nicht nur versiert zu sein mit Social Media-Plattformen oder digitalen Foren. Durchaus empfiehlt es sich auch, Papier in die Hand zu nehmen, Zeitungen oder Bücher zu lesen oder an der Uni Seminare über Medienpraxis zu besuchen.

@Philipp Mühlegger
Live dabei sein ist das Um und Auf
Dann gibt es etwas, das hat sich meiner Meinung nach nicht geändert, ist aber schwieriger geworden: Das physische, geografische Ausschwärmen in die Welt. Es gibt eine große Paradoxie, teilweise auch beim ORF: Menschen die sich mit Außenpolitik beschäftigen, sitzen am meisten in Wien in einem Büro und beziehen Informationen aus zweiter oder dritter Hand über Agenturen oder als User-generated Content – natürlich mit Quellenforschung. Aber sie kommen nicht mehr raus.
Deswegen ist es für einen außenpolitischen Journalisten sehr wichtig, sich einen Weg zu bahnen, um wirklich noch das zu erleben, was Auslandsjournalisten schon immer legitimiert hat: Die Augenzeugenschaft.
Es ist etwas anderes, wenn ich in Wien sitze und einen Kommentar über den Vatikan mache oder ob ich bei einer Papstwahl auf dem Petersplatz stehe und dann auch einige Menschen im Umfeld kenne, die an solchen Ereignissen auch näher dran sind und mit denen ich persönlich sprechen kann. Also diese Hoffnung auf Augenzeugenschaft und direktem Erlebnis muss man pflegen und das würde ich jedem außenpolitisch interessierten Journalisten empfehlen.
UNIpress: Vielen Dank für das Gespräch!