Warum gehst du eigentlich täglich joggen? „Weil das einfach ein super Ausgleich ist. Da kann ich so richtig abschalten und loslassen. Sobald ich meine Laufschuhe geschnürt und losgelegt habe, fällt der Alltag einfach ab.” Aha!
Warum bestellst du dir eigentlich so oft Sushi? „Wenn ich spät nach Hause komme, will ich nicht mehr allzu viel essen. Nur etwas Kleines. Gesund kochen ist mir oft zu aufwendig. Bis das ganze Gemüse geschnitten ist, das dauert. Ich bin oft so k.o. und will eigentlich nur noch auf die Couch. Sushi ist da perfekt. Die liefern innerhalb einer halben Stunde. Und kalt werden kann es auch nicht“. Aha!
Warum besuchst du eigentlich regelmäßig das Solarium? „Für meine Psyche. Ich brauche die Sonne einfach. Unter der Woche ist es aber meist dunkel, bis ich daheim bin und alles erledigt habe. Im Solarium kann ich das super nachholen“. Aha!
Und warum ziehst du dir bei deinen Autofahrten regelmäßig Hörbücher rein? „Den Tipp hat mir meine Mama gegeben. Wir lesen ja beide unheimlich gern. Aber seit Mama den neuen Job bekommen hat, verbringt sie täglich vier Stunden im Auto. Wenn ich von Vorarlberg/Südtirol/Bayern/Salzburg/Oberösterreich nach Innsbruck pendle, bin ich auch dauernd mehrere Stunden am Steuer. Zum Lesen komme ich hingegen selten. Abends im Bett, wenn ich es versuche, fällt mir das Buch vor Müdigkeit aus der Hand. Abgesehen davon muss ich fürs Studium so viel Fachliteratur reinpressen, da bin ich froh, wenn ich einfach zuhören kann, wie jemand anders vorliest“. Aha!
Aha! Aha! Aha! Die schönsten Nebensachen der Welt, jene Dinge, die wir machen, weil wir uns etwas Gutes tun, endlich mal leben, den Alltag vergessen wollen, tun wir, weil wir für alles andere zu wenig Zeit haben und zu oft kaputt sind? Nein. Macht Sinn. Absolut. „Ich geh noch schnell Joggen“, „Ich muss noch kurz zum Yoga, ein bisschen entspannen“ oder „Ich muss jetzt echt mal wieder was für mich tun“ – sind die Leitsätze unserer Generation.
Hinterfragen? Fehlanzeige. Dabei gäbe es genügend Gründe, genau das einmal zu machen. „Ich muss jetzt echt mal wieder was für mich tun.“ Eine ganze Gesellschaft, entblößt in nur zehn Wörtern. Da braucht manch einer beim One-Night-Stand länger. Ernsthaft? Wenn du „jetzt echt mal wieder was für dich tun musst“, für wen machst du dann den ganzen anderen Unsinn? Für deine Eltern? Für deinen Chef? Für den lieben Gott?
Haben dir deine Eltern mit zwölf, als du das erste Mal keine Lust auf Schule hattest, nicht erklärt, dass du schließlich und endlich nur FÜR DICH, nicht für die Schule, nicht für den Lehrer, nicht für uns, sondern FÜR DICH selbst lernst? Hat dir dein Chef nicht gesagt, dass die eine oder andere Überstunde und Zusatzqualifikation mehr, super für DEINEN Lebenslauf und DEINE Karriere wären? Hat dir dein Religionslehrer nicht erzählt, dass Jesus für DICH am Kreuz gestorben ist? Damit DU DEIN Leben lässig und selbstbestimmt leben kannst, ohne Schuld und so? Haben sie? Dann frag ich dich, wann zum Teufel hast du das vergessen?
Wann hast du aufgehört, dein eigenes Leben zu leben und hast es eingetauscht gegen ein Dasein, das weniger spannend, abwechslungsreich und vorhersehbar ist als eine Folge Criminal Minds?
Bitte hör auf damit, Dinge zu machen, weil du dir „wieder mal“ etwas Gutes tun musst und fang lieber an, mit den Sachen aufzuhören, die dir nicht guttun! Hast du schon einmal hinterfragt, ob es wirklich sinnvoll ist, alle zwei Wochen nach Hause zu fahren, nur weil deine Eltern dich sonst um ein Passfoto bitten könnten, weil sie vergessen haben wie du aussiehst, oder weil dein Trachtenvereinsobmann/ Schwimmtrainer/ Fußballtrainer/ Kapellmeister/ Pfadfinderchef ohne dich den Verein nicht weiterführen kann („Ohne mich geht bestimmt alles den Bach runter!“), oder weil deine alten Schulfreunde dich nicht mehr zu jedem Kaffeekränzchen einladen könnten, wenn du nicht alle 14 Tage mit ihnen einen draufmachst? Hast du schon einmal hinterfragt, ob du wirklich Karriere machen willst? Na klar, du bist der Erste in der Familie, mit einem akademischen Abschluss und brauchst jetzt einen ganz, ganz tollen, prestigeträchtigen Job. Wie würde Mama sonst vor Tante Gertrude dastehen? Wie der letzte Depp, oder?
Abgesehen davon machst du das ja für dich selbst. Du willst dir selbst, und nur dir selbst, beweisen, dass du es kannst, dass du gut darin bist. Richtig? Woher der Drang, uns ständig selbst etwas beweisen zu müssen, kommt, interessiert dich gleich wenig, wie die Frage,
ob deine Studienwahl wirklich deine eigene, freie Entscheidung war, nicht? Der Drang, dir dauernd selbst etwas beweisen zu müssen, kommt aus der gleichen Quelle, wie der Drang dauernd laufen und entspannen zu müssen. Aus deinem beschränkten, kleinen, dauerquatschenden Verstand.
Der wird dich nie fragen, wie es dir, deinem Körper und deinen Gefühlen gerade geht. Er wird dich immer antreiben, weiterquälen und zu Sachen bewegen, die vermeintlich gut für DICH sind, weil andere das von dir so erwarten. Der arme Kerl (dein Verstand!!!!) kann nicht anders, er hat das so gelernt. Hilf ihm, etwas Neues zu lernen. Deshalb! Bitte, bitte, bitte – hört endlich auf zu joggen. Zumindest dann, wenn ihr es nur macht, weil ihr euch etwas Gutes tun müsst und fangt an zu Laufen, weil ihr dazu gerade Lust habt und draußen so wunderbar die Sonne scheint …