Urbanisierung, Modernisierung und der Rückgang von Erzkatholizismus und -konservatismus haben die Bestände des Stereo- und Archetyps des Tirolers immer weiter geschmälert. Letzte Reservate finden sich noch in den hintersten Herrgottswinkeln der vielen schattigen Täler Tirols, in die die Aufklärung auch nach zweihundert Jahren noch recht wenig Licht hat bringen können. Gottverlassen sind im wörtlichen Sinne demnach eher die großen Niederungen. Verlassen sind das Inntal und die anderen größeren Talschaften aber nur vom Urtiroler Typen – verdrängt wurde er von einem neuen. Die umgebenden Skigebiete, Mountainbike-Trails und die Universitäten von Innsbruck scheinen ihm ein bestens geeignetes Habitat zu bieten.
Erste Vorkommen wurden schon vor einigen Jahren in der Landeshauptstadt gesichtet. Phänomenologisch sind große Unterschiede zum Stereotyp zu erkennen. Der archetypische Tiroler trägt Vollbart, Trachtenhut und Lederhose – Kritiker behaupten allerdings, dass es diesen idealtypischen Urtiroler gar nie gegeben habe, die Beschreibung treffe einfach verdächtig genau auf den Tiroler „Volkshelden“ Andreas Hofer oder die Models der Tirol-Werbung zu.
Ein eindeutiges Erkennungsmerkmal der neueren Tirolerinnen und Tiroler ist die typische Kopftracht. Es handelt sich dabei um ein ähnliches Konzept wie das der herkömmlichen Mütze – allerdings gehen diese Kopfbedeckungen nicht bis über die Ohren, die klimatische Determiniertheit wird hier von einer – zugegeben, etwas irrsinnigen – kulturellen Eigenart überprägt. Kombiniert wird das ganze mit zu weiten und zu kurzen Hosen, die den Blick auf weiße Socken freigeben.
Vor allem bei den jüngeren Exemplaren der Neo-Tiroler ist diese Tracht zu beobachten – selbst die tiefsten Temperaturen vermögen nicht zum Tragen wärmerer Mützen zu verleiten. Umgekehrt bleiben sie auch im Sommer wie angewachsen. Die eigenartige Verkürzung der Kappen dient möglicherweise also auch der ganzjährigen Verwendung. Eine verwegenere Theorie mutmaßt jedoch auch, dass unter den fest verankerten Mützen eine recht chaotische Haarpracht verborgen liegt – bedeckt werden die Haare aus dem einfachen Grund, dass sie dann weniger Pflege bedürfen.
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Eine gewisse Lässigkeit – um nicht Nachlässigkeit zu sagen – liegt den neueren Arten in Tirol aber insgesamt. Wer in Innsbruck als elegant gekleidet gilt, der kommt in anderen Städten nicht einmal in ein Casino rein. Wer hier eine Krawatte trägt, der steht unter dem Verdacht, ein Jus-Absolvent, ein Großkapitalist oder auf dem Weg zu einer Faschingsfeier zu sein. Der Sportsgeist vieler Bewohner Tirols drückt sich nämlich auch im Kleidungsstil aus. Sweater, atmungsaktive T-Shirts und der Fitness-Tracker am Handgelenk sind so etwas wie die Uniform. Survival of the fittest bekommt in Tirol eine ganz eigene Bedeutung, fit muss man hier vor allem beim Bergsport sein.
Auch wenn ungeschriebene Konventionen einmal zum Tragen eines Hemdes oder einer Bluse zwingen sollten – die Füße stecken trotzdem in den Trekkingschuhen. Auch diese, so könnte man vermuten, werden das ganze Jahr über getragen – was da drin aber versteckt wird, das wollen wir gar nicht so genau wissen.
Die Lässigkeit macht die Tiroler Bevölkerung aber auch zu recht angenehmen Gesellen. Solange ihnen niemand das Kletterzentrum oder die Skitourenroute sperrt, kommt man blendend mit ihnen aus.
Sie sind ein lustiger, toleranter, aber auch ein bunter Haufen. So augenfällig die halben Mützen als Erkennungsmerkmale auch sind, neuesten Erkenntnissen zufolge gibt es beinahe unzählig viele Subtypen der Tiroler, die auch die Hobby-Ethnographen interessieren. Tiefergehende, partizipative Untersuchungen erleben momentan einen Boom, besonders tief wird dabei direkt im Forschungsfeld, in den wieder gut gefüllten Bars und Lokalen, ins Glas geschaut – eben angewandte Wissenschaft.
Dieser Artikel erschien auch in der Mai/Juni-Ausgabe 2022.