Ein Tag in der Straßenbahn

von Tobias Jakober
Lesezeit: 5 min
Wer geistige Einsicht sucht, braucht keinen Guru-geführten Trip ans andere Ende der Welt – sein Selbst findet sich schließlich immer dort, wo man sich selbst befindet. Betrachtungen eines Tages in der Straßenbahn. 

Wie beginnt man besser einen Tag in der Straßenbahn als mit dem ersten Wagen der Linie eins? Es ist 5:42 Uhr und ich befinde mich an der Mühlauer Brücke. Im stockfinsteren Morgen klingt das Vogelgezwitscher unnatürlich laut. Das heißt, die Vögel sind wohl so laut wie immer, bloß alle anderen Geräusche scheinen noch nicht aus ihrem Schlaf erwacht zu sein, um in unsere Ohren zu wispern.
Da kommt sie angefahren, die Straßenbahn. Eine irrwitzige Vorstellung, wie da in der fein ausgebreiteten Lautlosigkeit der Nacht dieser Wagen daher gerumpelt kommt. Es bringt das Bild des Morgens ins Ungleichgewicht – die Stille kippt. Wie kommt dieses Gefährt aus Stahl und Eisen hierher? Wie viele Elemente – mechanische, elektrische, menschliche – müssen zusammenwirken, damit dieser Wagen zu genau der Zeit hier ankommt, zu der ich hier stehe und ihn erwarte? Die noch müde baumelnden Fäden meiner Gedanken verknoten sich um das Henne-Ei-Paradoxon dieser Straßenbahn: wer kutschiert diesen Wagen? Wer fährt den Tramfahrer zum Tramfahren? Bleibt das Werk die ganze Zeit am Laufen? – die Fahrer der letzten Schicht bleiben bis zur ersten am andern Morgen? Ist diese ganze Maschine ein organisches Ding? Es ist wie in der Lok des Snowpiercers, in der ein Menschlein im Getriebe hockt und seine Hebel waltet. Immer braucht es Menschen, die diese Ansammlung von Metallteilen erst zu einem Straßenbahnwagen machen – im Führerhaus und an der Haltestelle. 

Die Ruhe der Dunkelheit durchdringt auch den Raum der verwaisten Straßenbahn selbst – jedes Ächzen und Poltern hallt wie ferner Donner in meinem Kopf.
Im selben Maß, wie das Dämmerlicht die Welt draußen schärfer werden lässt, verflüchtigt sich auch der unwirkliche Eindruck, den ein früher Morgen in einem übermüdeten Gehirn hinterlässt. Die Straßen werden immer belebter und auch die Tram beginnt, sich sachte mit Menschen zu füllen.
Dann, plötzlich – wie das flammende Licht der nun aufgehenden Sonne einem schlagartig die Sicht raubt, branden nun Wellen von Schülern bei den Türen herein. So schnell wie man sich an die sanften Strahlen im Gesicht gewöhnt hat, ebben diese Fluten auch wieder ab und versiegen zu einem bloßen Tröpfeln, das sich mit dem steten Strom der anderen Fahrgäste vermengt. 

Weltengänger 

Die Stadt Innsbruck passt in eine Nussschale. Dies zeigt sich bald daran, dass man in gut einer halben Stunde von ihrem einen Ende zum anderen fährt. Ich brauche nicht lange, dann habe ich jede der Linien bis zu ihrem Ende verfolgt. Die Meldungen auf dem Infoscreen sind bereits nach kurzer Zeit zu altbekannten Gesichtern geworden, die immer und immer wiederkehren.
Dennoch, dies mag nur ein kleiner Teil einer kleinen Stadt sein, trotzdem sind ganze Welten in ihm enthalten. Da ist der seltsame Typ, der laut und unvollständig zur Musik seiner Kopfhörer singt, die ältliche Dame mit jutener Einkaufstasche, das kleine Mädchen in der rosa Winterjacke auf dem Weg zur Schule. Im Geiste jedes einzelnen Fahrgastes entfalten sich neue Dimensionen. So viele Lebensstränge, deren Schicksal der Zufall nur für diesen einen Augenblick zusammengeknüpft hat. In einer physischen Welt mag die Person, die vor mir sitzt, mir nahe scheinen, dabei sind wir doch nur so flüchtig miteinander verbunden. In der Dimension ihres Lebens könnte ich kaum weiter von ihr entfernt sein. Ich könnte diese unüberbrückbare Distanz zwar überschreiten, gleichsam wie durch ein Wurmloch durchschlüpfen, wenn ich die Person nur anspräche.
Wenn wir durch die Straßen wandern, sind es also eigentlich keine Menschen, denen wir begegnen – es sind ganze Galaxien, die sich einem auftun, immer nur einen Quantensprung von uns entfernt. Doch diese breite Vielfalt von Universen ist zu viel für unsere schmalen Geister, darum bleiben wir sitzen und lassen fremde Welten an uns vorbeispazieren. Wir legen unserem Bewusstsein Scheuklappen auf und stieren bloß in eine Richtung. Einer vertieft sich in den Seiten seines Buches, eine andere blickt aus dem Fenster und sieht doch eine gänzlich andere Welt vor sich, wieder ein anderer versucht im Blickduell dem Boden die Bedeutung seiner Geheimnisse zu entlocken. Wir schauen in die bunten Bildschirme unserer Smartphones, als wären sie Kristallkugeln, aber tatsächlich hier, in diesem Augenblick, in dieser Straßenbahn, ist niemand wirklich. Wir alle schwingen unentwegt und ohne nachzudenken mit der Eigenfrequenz unserer Routinen mit, ebenso wie dieser Straßenbahnwagen bloß hin und her pendelt zwischen den Enden seiner eisernen Pfade. 

Zwischen Himmel und Straße 

Für jemanden wie mich, der nicht mit einer Stadt wie Innsbruck groß geworden ist, stellt eine Straßenbahn ein Kuriosum dar. Ein Gedankensouvenir, das man sich mitnimmt von dem Besuch anderer Städte. Im Führerscheinkurs hat man wohl davon gehört, Scheinwerfer auf Scheinwerfer gegenüber stand man ihr jedoch noch nie. Für die unerfahrenen Fahrradfahrenden tun sich ganze Schluchten von Gefahren auf, auch wenn sie bloß Zentimeter messen mögen.
Wer ist bitte auf die Idee gekommen, eine Eisenbahn in die Straße zu versenken? Das Beste aus zwei Welten? Von wegen. Ein Mischling, der einen Zug mimt und dennoch im Straßenstau stecken bleibt. Ein besserer Autobus, der aber nur auf festen Bahnen fahren kann. 

Das hybride Wesen der Straßenbahn wird ganz offensichtlich bei der Fahrt mit der Stubaitalbahn. Jenseits von Wilten erhebt sie sich nicht bloß über die Dächer der Stadt, sie überschreitet auch die Grenzen ihrer Definition und verlässt ihr festes Fundament aus Asphalt. Statt an Häuserzeilen zieht die – der Straße beraubte – Bahn nun an Waldfluren und Feldern vorbei. Meine Endstation heißt Sonnenburgerhof. Bis hierher vermag mich mein Ticket zu tragen. Ich steige auf einen spärlich bewaldeten Hügel, um die Stadt wieder sehen zu können. Wer in Innsbruck seinen Blick in die Ferne schweifen lassen will, wird bald an kaltem Stein zum Stehen gebracht werden. Hier oben allerdings sieht man den Himmel sich über den Felsmassiven wölben, die bedrohlich auf die Häuser der Stadt hinunterstarren. Die zwergenhafte Stadt wirkt, als könnte sie von einem bloßen Husten dieser Bergriesen wie nebenbei hinweggefegt werden. Ein Zwerg, dessen Raum sich hunderttausendfach vergrößert in den Geistern seiner Hunderttausend Seelen. 

Genau dorthin kehre ich nun zurück, in meine einzig eigene Welt, in die Stadt zwischen den Bergen, in der auf eisernen Schienen Züge die Straßen befahren. 

Dieser Artikel erschien auch in der Mai/Juni-Ausgabe 2022.

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