Ein Besuch bei der Wohnungslosenhilfe: Zufluchtsort vor Kälte und Not

von Anna Mayr
Lesezeit: 5 min
Irmi wohnt seit vier Jahren in der Wohnungslosenherberge. In der Innenstadt verkauft sie den 20er, die Tiroler Straßenzeitung
Längst nicht alle  haben die Möglichkeit, es sich zur Winterzeit zuhause gemütlich zu machen. Die Herberge der Innsbrucker Sozialen Dienste (ISD) bietet Menschen in besonders schwierigen Lebenssituationen eine Grundversorgung, Sicherheit — und ein warmes Dach über dem Kopf. Ein Nachmittag in der Wohnungslosenherberge.

„Hallo Irmi. Wir würden kurz reinkommen“, sagt Raimund Sölder, Leiter der Wohnungslosenhilfe der ISD, nachdem er geklopft hat. Dann öffnet er die Tür. Zigarettenrauch hängt schwer in der Luft. Auf dem Bett sitzt eine ältere Frau und blickt freundlich lächelnd über den Rand ihrer Brille. In ihrer rechten Hand hält sie eine Zigarette. Das Fenster ist geschlossen, Popmusik schallt aus dem Radio. Sölder betritt den Raum und schaltet die Lautstärke runter. 

„Grüß euch“, sagt Irmi. Seit vier Jahren wohnt die 72-Jährige in der Wohnungslosenherberge. Hier hat sie ein gut zwölf Quadratmeter großes Zimmer mit einem kleinen Bett, Schrank, Fernseher und Tisch. Das Bad teilt sie sich mit einer anderen Bewohnerin.  In Innsbruck ist sie laut Sölder eine richtige Berühmtheit. Seit 25 Jahren verkauft sie in der Innenstadt den 20er, die Tiroler Straßenzeitung. Fünf bis sieben Exemplare am Tag, je 3,40 Euro. „Es kann schon sehr mühsam sein, aber ich mach es trotzdem gern“, sagt Irmi. Dann verabschiedet er sich von ihr. „Einen guten Tag noch“, wünscht sie. Irmis Arbeit trägt laut Sölder maßgeblich dazu bei, dass Wohnungslose in der Gesellschaft sichtbarer werden. „Sie geht raus in die Welt.“

„Das große Ziel wäre es, uns selbst abzuschaffen.“

Raimund Sölder ist nach seinem Zivildienst im Sozialbereich geblieben. Seit 1996 arbeitet er in der Wohnungslosenhilfe. „Ich lerne jeden Tag dazu, die Arbeit macht mir viel Freude“, sagt der 58-Jährige. Er und seine 32 Kollegen betreuen in der Herberge Menschen in prekären Lebenssituationen. An diesem Tag sind es 63 Männer und 25 Frauen. Im Jahr 2027 feiert die Herberge 100-jähriges Bestehen. „Das große Ziel wäre es, uns selbst abzuschaffen“, sagt Sölder. Er weiß aber genau, dass das nicht erreichbar ist. Denn eine Zukunft ohne Armut, Krankheit und Sucht wird es nie ganz geben.

Die Gründe, wieso Menschen zur Herberge kommen, sind unterschiedlich. Oft sind die Bewohner:innen alkoholkrank. Alkoholkonsum ist im Haus verboten, aber zum Beispiel im Garten erlaubt. Dort können Betroffene ihren Alkohol in Spinds deponieren. Die meisten brauchen ihn schon in der Früh. „Alkoholsucht ist eben eine sehr schwere Krankheit“, sagt Sölder.

Die Hälfte der 88 Bewohner:innen könnte theoretisch alleine leben — aber es gibt schlichtweg zu wenig leistbaren Wohnraum. Alabid Omar sucht seit langer Zeit nach einer Wohnung. Der 61-Jährige ist vor zwei Jahren aus Ostsyrien nach Österreich gekommen. In Syrien hat er als LKW-Fahrer gearbeitet. Er teilt sich sein 15 Quadratmeter großes Zimmer mit einem anderen Syrer. Die Gemeinschaftstoiletten befinden sich auf dem Gang. Wie gefällt ihm die Herberge? „Gut“, antwortet er in gebrochenem Deutsch und reckt beide Daumen in die Luft. Später geht er in die Schule zum Deutschunterricht. 

In der Herberge wohnen insgesamt 15 Geflüchtete. Eine Wohnung zu finden, ist für sie besonders schwer: Einerseits werden sie wegen ihrer Herkunft oft benachteiligt, andererseits gibt es die städtischen Wohnungen erst für Bedürftige, die Innsbruck für einen längeren Zeitraum als Hauptwohnsitz angegeben haben. „Ich finde das ewig schade“, sagt Sölder später. Schließlich habe Omar einen positiven Asylbescheid, könnte längst arbeiten, findet aber keine Wohnung. 

Der Wohnungsmarkt in Innsbruck ist mehr als angespannt: Am Anfang des Semesters haben laut Sölder sogar drei Studierende bei ihm angefragt, die er dann an die Jugendherberge weitergeleitet hat. Heuer hat Sölder zum ersten Mal mitbekommen, wie zwei Personen im Auto übernachtet hatten, bevor sie zur Herberge kamen. Es sei spürbar, dass die Wohnungslosigkeit mehr in der Mitte der Gesellschaft ankomme.

Nun führt Sölder zum Neubau: Die Pflegestation wurde 2015 eröffnet. Sie bietet 20 Einzelzimmer für pflegebedürftige Wohnungslose, die beispielsweise aufgrund ihrer Sucht physisch und psychisch schwer gezeichnet und dadurch auf Betreuung angewiesen sind. Die Herberge bietet ihnen neben der Pflege unter anderem eine Unterstützung für kontrollierten Alkoholkunsum, Hilfe bei Alltagsbesorgungen, Geldverwaltung, Freizeitbeschäftigung und ein würdevolles, oft auch letztes Zuhause. 

Sölder grüßt seine Mitarbeiter:innen am Eingang der Station und geht durch den Flur auf einen Mann im Rollstuhl zu. „Hallo Bernie. Dürfen wir uns kurz dein Zimmer anschauen?“, fragt er ihn. „Natürlich“, antwortet Bernie. Im Zimmer steht ein großes Bett, ein Kleiderschrank, ein Regal, Pflanzen. Der Fernseher läuft. „Eminem“, sagt Bernie und zeigt auf ein Poster des Rappers an der Wand. Auf einem anderen Poster ist Bushido zu sehen. Der Kleiderschrank ist vollgeklebt mit Hundestickern. Bernie wohnt seit acht Jahren in der Herberge. Er ist einer der wenigen Bewohner:innen, die noch Kontakt zu ihrer Familie haben. Aufgewachsen ist er im Kinderdorf. Bernie freut sich, in die Zeitung zu kommen. „Super“, sagt er und lächelt in die Kamera. Dann verabschiedet sich Sölder von ihm.

Foto: Anna Mayr

Zurück im Haupthaus angekommen, stehen ein Rollkoffer und zwei Taschen am Eingang.  Es zieht wieder jemand ein.

Der Wunsch: Weniger Einsamkeit

Wie können junge Erwachsene den Wohnungslosen helfen? „Mit Zeit”, antwortet Sölder. Viele der Wohnungslosen seien sehr einsam. Laut ihm wäre es schon eine große Hilfe, wenn die Bewohner:inne jemanden zum gemeinsamen Kaffeetrinken oder Spazieren hätten. „Wir können das als Mitarbeiter:innen leider nicht leisten“, bedauert er. Am wichtigsten sei es, die Bewohner:innen mit raus in die Welt zu holen. Es gäbe auch immer wieder gute Projekte: Mal hätte eine Schule ein gemeinsames Frühstück für die Wohnungslosen organisiert, ein anderes Mal spielten Sportstudierende mit den Bewohner:innen Fußball. Auch eine Joggingruppe habe es bereits gegeben. Sachspenden hat die Herberge eher genug. Dafür bräuchten sie dringend jemanden, der die gespendeten Kleidungsstücke sortiert. 

Zur Weihnachtszeit veranstaltet die Herberge eine Weihnachtsfeier für die Bewohner:innen. Jeder kann sich etwas wünschen. Pullover, Jogginghose, Zigaretten — es ist oft das einzige Geschenk, das die Bewohner:innen bekommen.

Die Innsbrucker Sozialen Dienste freuen sich immer über freiwillige Helfer:innen. Interessierte können sich beim ISD Ehrenamt melden unter: ehrenamt@isd.or.at

2 Kommentare

Scheulen 5. Dezember 2023 - 23:06

Super lebendig beschrieben und gut, dass da auch mal jemand hinguckt am unteren Rand unserer Wohlstandsgesellschaft.

Mag. Peter Scheulen

Antworten
Ernst Bernhard 12. Dezember 2023 - 16:54

Toller Bericht zu diesem schwierigen und bedrückenden Thema.

Antworten

Schreibe einen Kommentar

* Durch die Verwendung dieses Formulars stimmst du der Speicherung und Verarbeitung deiner Daten durch diese Website zu.

Artikel aus der selben Rubrik