“Ich kann nichts sehen”, sagte ich angeblich zum Rettungssanitäter. “Nur schwarze Flecken. Als würde ich eine ganz schlimme Migräne bekommen”. Ich kann mich an nichts erinnern. Nicht an den Unfall. Nicht an die Stunden davor oder die danach. Ich muss mich auf die Beobachtungen anderer verlassen. Aber offensichtlich war ich nicht in guter Verfassung.
Ich hatte eine schwere Gehirnerschütterung, wie mir die Ärzte im Tal Samnaun später sagten. Einer meiner Skier war bei der letzten Abfahrt des Tages im dicken, schweren Kunstschnee hängengeblieben und ich wurde den Hang hinuntergeschleudert. Nach ein paar Salti schlug ich mit dem Hinterkopf – zum Glück durch einen Helm geschützt – und dem ganzen Rücken auf einer dicken Schicht Glatteis auf. Die gefährlichen Mugeln, die ich zugegeben sehr schnell umfahren bin, hatten sich den ganzen Morgen über angesammelt, während Anfänger und Fortgeschrittene gleichermaßen ihr ganzes Gewicht in den wässrigen Matsch gruben, der die Schlammflecken der Schweizer Berge bedeckte.
Zwar ist das Verletzungsrisiko beim Wintersport in den letzten Jahren insgesamt gesunken. Aber das ist noch keine wirklich gute Nachricht. Denn auch die österreichische Alpinpolizei beobachtet eine stetige Zunahme bei schweren Verletzungen und spricht nach einem ungewöhnlich schlimmen Start ins neue Jahr eine Warnung aus. Beinahe täglich landeten Sportler im Spital. Mitte Februar ereigneten sich drei Unfälle innerhalb zehn Minuten an derselben Stellen im Tiroler Söll, berichtete die Kronen Zeitung. Im Skigebiet Bad Kleinkirchheim krachte ein Osteuropäer bereits Ende Januar besonders unglücklich mit dem Kopf gegen einen Baum, nachdem er von der Piste abgekommen war. Den Unfall überlebte er nicht.
Vermutet wird, dass der Mangel an natürlichem Schnee Ursache ist. Kunstschnee würde durch seine Dichte und Härte zu höherer Fahrgeschwindigkeit und somit höherer Krafteinwirkung bei einem Sturz führen. Liegt wenig Schnee, könnten auch Steine, Felsen oder Wurzeln entlang der Piste eher zum Vorschein kommen und Gefahren darstellen. Und sichere Sturzräume sind wegen hoher Temperaturen und gelegentlicher Regenfälle aktuell Mangelware.
Mein Unfall war selbst verschuldet. Das ist unumstritten. Wie in den meisten Fällen. Nur rund zehn Prozent passieren aufgrund einer Kollision oder weil dem Opfer der Weg abgeschnitten wurde. Ich war nicht vorsichtig genug. Ich bin zu schnell gefahren. Aber genau das ist mein Problem mit der ganzen Situation. Ich bin keine rücksichtslose Skifahrerin. Ich bin sogar eine sehr gute. Jahrelang der Stolz meiner Salzburger Mutter, die zu einer Zeit aufgewachsen ist, wo es noch gar keine Pistenraupen gab. Sie war im österreichischen Nachwuchskader. Ihr Studium finanzierte sie sich als Skilehrerin. Als ich eineinhalb Jahre alt war, stellte sie mich das erste Mal auf Skier. Sie brachte mir alles bei, was sie wusste. Dazu gehörte, darauf zu achten, wo ich hinfahre, andere auf der Piste zu respektieren und niemals ein Tempo zu wählen, das ich nicht kontrollieren kann. Und trotzdem hat es mich auf die “Goschen” gehauen, wie sie sagen würde.
Die Genesung war langwierig und mühsam. Monate voller Kopfschmerzen, verspannter Muskeln, Müdigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten, Verlust des Kurzzeitgedächtnisses und Übelkeit. Obwohl ich jung und sonst gesund bin, machte mir diese Erfahrung Angst. Aber nicht, weil ich dachte, ich könnte den Berg nicht noch einmal bewältigen. Oder weil ich dachte, ich würde wieder verletzt werden. Eher, weil ich nun weiss, dass es den Sport nicht mehr so gibt, wie ich ihn einmal kannte.
Auch Schweizer Skigebiete – wie Samnaun – bleiben nicht verschont. Die Beratungsstelle für Unfallverhütung zählt dortzulande rund 63.000 Personen, die pro Jahr beim Wintersport verunfallen. Auch starben heuer bereits zwei Skifahrer. “Der Wintersport steht aus verschiedenen Gründen etwas unter Druck”, sagt Markus Berger, Mediensprecher von Schweiz Tourismus. “Dazu zählen neben den Auswirkungen des Klimawandels und der gesellschaftlichen Veränderung auch Mode- und Trenderscheinungen, bei denen plötzlich auch eher individuelle Winteraktivitäten in den Vordergrund rücken können”. Als Beispiel nennt er Schneedschuhwandern oder Eisklettern. Allerdings würde Schweiz Tourismus keine Ängste vor einer Unfallgefahr bei Ski- oder Snowboardfahrern beobachten. “Im Gegenteil”, führt Berger aus. Nachdem beispielsweise die Anzahl der “Skierdays” – also Tages-Ersteintritt in ein Skigebiet – während mehrerer Jahre bis 2017 jedes Jahr abnahm, setzte danach eine Trendwende ein und die Zahlen nahmen wieder zu.
Gemäß einer Studie des Bundesamts für Sport aus dem Jahr 2022 zum Verhalten der Schweizer Bevölkerung ist Skifahren immer noch auf Rang vier aller Sportarten – hinter Wandern, Radfahren und Schwimmen. Aber Fakt ist: Die Pisten hinunterzurasen, bei tollen Bedingungen, viel Neuschnee und ohne Menschenmengen – das gehört der Vergangenheit an. Das ist für viele in Ordnung. Sie passen sich an. Für Schweizer und Österreicher ist Skifahren nach wie vor Teil ihrer nationalen Identität. Und es ist noch immer Touristenattraktion. “Dass dies auch in Zukunft so bleibt, dafür sorgen die Tourismusanbieter durch laufende Investitionen in Anlagen, Infrastruktur, Pisten; durch das Anbieten neuer, zusätzlicher Aktivitäten; und durch aufmerksames Beobachten der Gästebedürfnisse”, sagt Berger. Doch, ob die Branche dies einsehen will oder nicht, mit fortschreitendem Klimawandel und Mangel an Naturschnee könnte sich die Situation doch langsam ändern.