Am letzten Sonntag im März ist es wieder soweit. Ob wir wollen oder nicht, werden die Uhren mit in der Nacht zurückgestellt. Von wenigen geliebt, von vielen gehasst, ist die Sommerzeit seit 1980 ein fester Bestandteil in unserem Jahreszeitenkalender. Aber was spricht heutzutage eigentlich noch dafür?
Nur 40 Prozent aller Länder haben eine Winter- und eine Sommerzeit (Stand 2018 hatten 140 Staaten die Regelung schon einmal eingeführt, wobei sie mehr als die Hälfte wieder abgeschafft haben). Allein Europa, Nordamerika und einzelne Gebiete im Nahen Osten sind Anhänger der Zeitumstellung. Allerdings haben einzelne Länder keine einheitliche Regelung: So ist die Zeitumstellung in Kanada Bezirkssache. In den USA kann sich jeder Bundesstaat aussuchen, wie er es hält. Arizona ist momentan der einzige, der nur Sommerzeit hat. Wobei auch hier die Situation nicht so einfach ist, weil die Navajo-Nation, ein semi-autonomes Territorium der Ureinwohner, sich schon an die Zeitumstellung hält. Und die Hopi-Nation, die geografisch in der Navajo-Nation liegt, sich wiederum an Arizonas Sommerzeit-Regelung festhält.
Kein Wunder also, dass das manchen Ländern alles zu kompliziert ist… Etwa der Türkei: 2016 wurde hierzulande die neue „Turkish Time“ eingeführt, die gänzlich ohne Zeitumstellung auskommt. Überhaupt unüblich ist sie in Asien, Afrika und südamerikanischen Ländern nahe des Äquators.
Europäische Institutionen hilflos
Doch ein europäischer Flickenteppich verschiedener Zeitzonen ist keine Lösung. Der Kontinent muss auf einen gemeinsamen Nenner kommen.
Die Frage ist nur, wie? Die europäischen Institutionen scheinen hilflos. Die EU-Kommission will die Zeitumstellung schon seit Jahren abschaffen. “Die zweimal jährliche Zeitumstellung ist sinnlos und gefährlich”, sagte Europaabgeordneter Heinz Becker (ÖVP) 2018, als sie das letzte Mal die Winter- und Sommerzeit in Frage stellte. Damals stimmte ihm der Großteil Österreichs zu: 61 Prozent der Bevölkerung wünschten sich laut Umfrage des Markt- und Meinungsforschungsinstituts Akonsult die Beibehaltung der Sommerzeit. Doch das EU-Parlament bleibt unentschlossen und im EU-Rat sind alle Länder unterschiedlicher Meinung.
Nichts geht vorwärts. Die Zeit steht still.
Vielleicht sollte mal jemand ein Machtwort sprechen… Aber für welche Seite?
“Minijetlag” für Körper
Die Umstellung der Uhr ist deshalb so unbeliebt, weil sie wie ein “Minijetlag” auf unseren Körper wirkt. Jede unserer Zellen besitzt eine innere Uhr. Sie regeln unseren Organismus, steuern lebenswichtige Vorgänge und organisieren uns sowohl tagsüber als auch in der Nacht. Sie folgen aber einem bestimmten Takt. Ändert sich dieser Takt, merken wir’s.
Die konkreten Auswirkungen der Zeitumstellung sind aber sehr vielschichtig, so dass eine Abwägung schwer fällt. Ein Grund für die Einführung der Sommerzeit war die Energieeinsparung (durch weniger Nutzung von künstlichem Licht). In der Zeit, in der wir aktiv sind, gibt es mehr Tageslicht. Auch nach Feierabend.
Zwar zeigen einige Studien, dass es kurz nach der Zeitumstellung Ende März zu einem Anstieg an Verkehrsunfällen kommt. Aber auf der anderen Seite scheint die Sommerzeit insgesamt eher zu einem Rückgang derselben zu führen, da die Hauptverkehrszeiten mehr in der Tageslichtphase liegen. Wieder gegen die Umstellung spricht der Anstieg von Arbeitsunfällen direkt nach der Umstellung und der Umstand, dass in diesen Tagen viele Arbeitnehmer über Müdigkeit und Konzentrationsprobleme klagen – mit entsprechenden Folgen für die Produktivität. Die zusätzlichen Sonnenstunden nach der Arbeit führen aber zu mehr Zufriedenheit… Darüber hinaus gibt es viele Stimmen in der Wirtschaft, die die Sommerzeit befürworten, da so mehr Geld für Freizeitaktivitäten ausgegeben wird – was ihr zu gute kommt und sogar zusätzliche Arbeitsplätze schafft. Auf der gesundheitlichen Ebene belegen Untersuchungen allerdings, dass es in den Tagen nach der Umstellung zu einer erhöhten Herzinfarktrate kommt. Auch wird von einer erhöhten Suizidrate berichtet.
So einfach, wie die Zeitumstellung eingeführt wurde, wird sie also nicht wieder abgeschafft.
Anderswo gelingt Abschaffung
Wobei, vielleicht kann sich Europa ein Beispiel an den USA nehmen. Letzt Woche Dienstag, 15. März, verabschiedete der US-Senat ein Gesetz namens “The Sunshine Protection Act”, das die Sommerzeit ab diesem Jahr dauerhaft einführen und die zweimal jährliche Umstellung der Uhren beenden würde.
Nur das Repräsentantenhaus, das zu diesem Thema eine Anhörung im Ausschuss abgehalten hat, muss das Gesetz noch verabschieden, bevor es Präsident Joe Biden zur Unterzeichnung übergeben werden kann.