Konfliktthema Kraftwerk Kaunertal

von Friederike Westrich
Lesezeit: 4 min
Bei der Premiere und Podiumsdiskussion im Leokino zum Film „Bis zum letzten Tropfen – Tirol und die Wasserkraft“ ging es um die Frage, was wir in der Energiekrise falsch machen.

Was ist denn nun wichtiger? Klimakrise oder Biodiversitätskrise? Moore oder Wasserkraft? Wilde Flüsse oder Energiegewinnung? Kohlenstoffsenke oder erneuerbare Energien? Das Land Tirol sagt, Moore gehören zu den am stärksten bedrohten Lebensräumen weltweit. Dem stetigen Verlust durch Entwässerung, Torfabbau und intensive Bewirtschaftung soll etwas entgegen gesetzt werden, rund 90 Prozent der Tiroler Moorflächen sind bereits zerstört. Das Land Tirol rühmt sich mit der Initiative „Aktiv für Moore“ und der Moorrenaturierung im Karwendel.

Das noch intakte Moorgebiet mit 20 Hektar Fläche im Platzertal dagegen spielt wohl keine so große Rolle. Die Kraftwerkpläne der TIWAG zum Ausbau des Kraftwerks im Kaunertal durch einen Stausee im Platzertal sind schon lange ein heißes Thema. Wasser soll mit einem 120 Meter hohen Staudamm aufgestaut werden und das Wasser aus Venter und Gurgler Ache soll abgeleitet werden.

Ausgebuchter Kinosaal

Der Filmmacher Harry Putz fährt ins Platzertal, trifft Menschen und Meinungen. Das Ganze wird kompakt in 30 Minuten dargestellt, aus der Sicht der Gegner:innen des Kraftwerks und in Zusammenarbeit mit dem Verein WET – Wildwasser erhalten Tirol. Nun fand die Premiere im Leokino statt – kostenlos und ausgebucht. Viele auf Glück Hoffende versuchten, auch ohne Reservierung einen Platz zu erhaschen, doch der Andrang war zu groß.

Besonders spannend war wohl die Aussicht auf eine einstündige Podiumsdiskussion zwischen den Mitwirkenden: Michael Reischer (Tiroler Umweltanwaltschaft), Bettina Urbanek (WWF Österreich), Prof. Dr. Leopold Füreder (Universität Innsbruck), Liliana Dagostin (Österreichischer Alpenverein) und Produzent Harry Putz.  Allein Joseph Geißler aus der Tiroler Landesregierung hatte abgesagt.

Keine Klimamaßnahme?

Auf die Frage hin, wer sich von den Zuschauenden schon mit dem Thema beschäftigt hätten, meldete sich fast der gesamte Saal. Das Interesse scheint sehr groß, jedenfalls in der passenden Bubble.

In der Diskussion geht es dann um die Vorgehensweise, um die Einordnung in den Gesamtzusammenhang, um die Möglichkeiten zur Verhinderung. „Warum muss die Realisation in Tirol stattfinden?“, fragt sich Michael Reischer. Vom Kraftwerk in Kühtai geht der Großteil der Energie nach Deutschland, jedoch werde immer beworben, dass viele Haushalte in Tirol, nicht woanders in der Welt von der Energie profitieren können. Der Bau eines Wasserkraftwerks sei erstmal keine Klimamaßnahme, sagt Reischer. Energiequellen müssen reduziert werden, da führt kein Weg drumherum.

Zudem gäbe es in Österreich schon viele Pumpspeicherwerke, weltweit sind wir auf Platz acht, sagt Bettina Urbanek. Warum die TIWAG und das Land Tirol nicht andere Wege einschlagen, fragt sie sich. Man könne nicht nur auf Wasserkraft setzen. Auch sie findet, es brauche eine wirkliche Energiereduktion. Daraufhin sagt Liliana Dagostin, ein Tag Baggern verbrauche eine Tonne CO2. Zeitlich kann man die Klimaziele von Paris auf jeden Fall nicht erreichen. Sie setzt auf die Verbesserung von bestehenden Anlagen.

Raubbau an Ökosystemen

Auch Leopold Füreder findet, eine nachhaltige Zerstörung der Landschaft dürfe nicht passieren. Moore können nicht so einfach wiederhergestellt werden, das bräuchte hunderte bis tausende Jahre. Wir sollten uns als Gesellschaft die Frage stellen, ob wir weiter den Weg gehen wollen, den wir die letzten 100 Jahre gegangen sind. So löse sich das Problem nicht. Zudem sind die Wechselwirkungen in den Mooren noch gar nicht ganz verstanden, und werden sie auch nicht, wenn diese vorher zerstört werden. Der Raubbau an den Ökosystemen müsse ein Ende haben.

Zuletzt gibt er einen Ratschlag: Nicht alles soll man glauben, wo das Etikett „gut“ draufsteht. Am Ende noch die Frage, wie das Ganze verhindert werden könnte. Sensibilisierung der breiten Masse und das Unterschreiben der Petition sei hilfreich. Ist der einzige Weg dagegen durch die Gesellschaft und Menschen auf der Straße? Es kann nur der Wille der Öffentlichkeit sein, etwas zu verändern, kommt es am Ende aus dem Publikum.

Intakte Natur, Ökosystemdienstleisungen, ein funktionierender Kreislauf gegen Klimaerwärmung. Das alles spricht gegen Flächenfraß und Verbauung, geschweige denn von den sozialen Problemen, die bei den Anwohnenden auftreten, vor allem in der Landwirtschaft, im Wassersport und im Tourismus. Der große Andrang auf die Premiere zeigt die Wichtigkeit des Themas. Daher wurde auch eine Zusatzveranstaltung organisiert – am 22.03.2023 im Patagonia Store. Zudem findet nun eine zweimonatige Filmtournee durch das ganze Oberland statt und ab Mai läuft der Film im Leokino.

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