Warum schreiben wir?

von Christina Knapp
Lesezeit: 3 min
In beinahe jedem Studium müssen Studierende regelmäßig wissenschaftliche Arbeiten verfassen. Eine Frage drängt sich dabei besonders auf: Warum müssen wir das alles überhaupt schreiben?

Für die Freude am Schreiben?

In einem Lehramtsstudium mit zwei geisteswissenschaftlichen Fächern kommt es nicht selten vor, dass man einen im Jahre 1583 völlig unleserlich verfassten Heiratsbrief analysieren soll. Oder dass man Totenbücher aus dem Jahre 1914 für die Gemeinde Weerberg aufarbeiten darf und schließlich noch eine zwanzigseitige Proseminararbeit über die Darstellung dunkelhäutiger Charaktere auf der englischen Theaterbühne im 18. Jahrhundert bis heute, 23:59 Uhr, auf OLAT hochladen muss. Gleichzeitig noch eine mehrseitige Reflexion über den eigenen Umgang mit Schülern und Schülerinnen in einer unter Zeitdruck ausgearbeiteten Unterrichtsstunde verfassen zu dürfen, raubt wohl jedem noch so engagierten und motivierten Schreiberling die Freude am Schreiben. Ein teilweise übermäßiger Workload und das Prokrastinieren während des Semesters generieren diese Art des Bulimie-Schreibens und liefern für mich keine zufriedenstellende Erklärung für das Warum des wissenschaftlichen Schreibens an Universitäten.

Für den Professor/die Professorin?

Theoretisch schreibt jeder und jede von uns Seminar- und Proseminararbeiten für ein ganz bestimmtes, ausgewähltes Publikum: für unseren Professor oder unsere Professorin. Diese Person ist es schließlich auch, die unsere Mühen bewertet und über unser Schreiben urteilt. Oftmals lässt sich die Frage nach dem Warum demnach ganz simpel mit einem „Weil ich eben muss” beantworten. Da lässt es sich nur hoffen, dass Professoren und Professorinnen sich auch die Zeit nehmen, unsere Meisterwerke genau und im Detail zu lesen – immerhin sind ihre Anforderungen oft der einzige Grund für Studenten und Studentinnen, sich ans Schreiben zu machen. Auch sind unsere Lehrpersonen sehr oft die einzigen, die unsere Arbeiten schlussendlich zu lesen bekommen. Meine Familie oder meine Freunde interessiert es längst nicht mehr, mein Gefasel über die Merowinger-Königinnen (Korrektur) zu lesen.

Für die Wissenschaft?

Um ein Studium abzuschließen, erscheint es sehr plausibel, sich in der Wissenschaft dieses Studiums auszukennen – und welchen besseren Weg gibt es dafür, als wissenschaftliche Forschungen und Ergebnisse des eigenen Faches zusammenzutragen und zusammenzufassen? Schreibe ich dann aber, um Zusammenfassungen zusammenzufassen? Oder gelingt es mir manchmal wirklich, eigene Ergebnisse zu generieren? Zu schreiben, um selbstständig erforschte Ergebnisse aus einer zugegebenermaßen kleinen – aber eigenen – Studie zu präsentieren, scheint mir wiederum eine gute Antwort auf die Frage nach dem Warum zu sein. Immerhin fühlt es sich dann so an, als ob man einen wichtigen Beitrag zur eigenen Wissenschaft erbracht hätte. Es muss sich auch nicht unbedingt um eine quantitative oder qualitative Studie handeln, auch eine oben genannte Analyse von Quellen oder Darstellungen kann interessante, neue Perspektiven und Ergebnisse bringen. Daher ein Appell an alle Studenten und Studentinnen: Unterstützt das Sinnvolle des wissenschaftlichen Schreibens und nehmt zumindest an ein paar der Studien, die euch über Webmail erreichen, teil – wenn möglich bitte wahrheitsgetreu.

Für mich selbst?

Warum auch immer wir schreiben, was auch immer und wie auch immer wir es zu erforschen und zu präsentieren versuchen – sobald wir es für uns selbst machen, scheint jede Frage nach einem Warum für mich ausreichend beantwortet. Versuchen wir uns daran zu erinnern, warum wir unser Studium gewählt haben und was uns daran interessiert hat und hoffentlich immer noch tut. Ich bin überzeugt, dass es dann leichter fällt, weitere zwanzig Seiten über ein x-beliebiges Thema zu schreiben.

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