Hinter den Kulissen, aber vor der Kamera
Mein Tag beginnt heute um Punkt 9:00 Uhr. Zur gleichen Zeit, nur ein paar Straßen weiter, hat ÖH-Vorsitzender Johann Katzlinger schon eine halbe Nussschnecke, einen COVID Schnelltest und zwei Sitzungen hinter sich. Während ich noch friedlich schlafe, sitzt Johann – virtuell natürlich – mit dem Wirtschaftsausschuss zusammen. Pünktlich zum Ertönen meines Weckers geht’s dann für ihn weiter zur Sitzung der Universitätsvertretung, also dem “Studierendenparlament“, für welches die Fraktionen gerade Wahlkampf betreiben.
Als wir uns dann um 10:45 vorm Kaufhaus Tyrol treffen, wirkt Johann, obwohl er täglich um sechs Uhr auf den Beinen ist, sehr ausgeglichen. Ohne sich auch nur eine Spur von Müdigkeit anmerken zu lassen, gibt er mir ein kurzes Briefing für das kommende Interview mit Tirol TV bezüglich der ÖH-Wahl, bei dem ich ihn heute begleite. Schon beim beschriebenen Ablauf für das, was gleich auf den ÖH-Vorsitzenden zukommt, stellt es mir als Präsentationsverweigerin die Haare auf. Wir betreten das Gebäude und ich fühle mich, als wäre ich vom Unileben in eine neue Welt geworfen worden. Moderne Glasfenster und professionell gestylte Leute mit Kleidung, die ich mir vermutlich nur für besondere Ausgehzwecke leisten könnte. Nach ein wenig entspanntem Small-Talk mit der Moderatorin und dem Geschäftsführer von Tirol TV geht’s auch schon ins Filmstudio. Vier Kameras, inklusive meiner kleinen Handykamera, sind auf Johann gerichtet, der von zwei Bildschirmen strahlt, während hinter ihm die Screens in die richtige Position geschoben, letzte Härchen zurechtgerichtet und Gesichter gepudert werden.
Johann selbst steht währenddessen in „UNIform“, dem ÖH-Polo, und mit zu einem Dreieck geformten Händen da. Kurz vor dem Interview habe ich ihn noch gefragt, ob er denn gar nicht nervös sei, wenn er vor der Kamera steht, mit Fragen gelöchert wird und nebenbei noch die Interessen aller Studierenden der Uni Innsbruck vertreten soll. Er lächelt kurz, bevor er mir dann erklärt, dass er zwar gelegentlich Lampenfieber hat, aber durch Erfahrung und vor allem auch guter Vorbereitung eher froh als aufgeregt ist, seine Standpunkte mit seinen Mitmenschen teilen zu können: „Mit mehr Erfahrung sinkt die Nervosität. Es ist natürlich vor jedem Termin, bei dem du Leistung erbringen musst, eine gewisse Anspannung da. Ich spiel das immer runter, beruhige mich damit selber und meistens weiß man ja, in welche Richtung circa die Fragen gehen werden. Es ist wie bei mündlichen Uni-Prüfungen: wenn du gut vorbereitet bist, solltest du nicht nervös sein müssen. Aber es ist auch eine Charakterfrage. Viele Leute sind einfach von Grund auf ein bisschen nervöser, da hab ich persönlich ein bisschen Glück, dass ich einfach gern rede und mir auch Wörter einfallen, die ich gerade brauche“, meint Johann. Und ebendiese Worte sprudeln nur so aus ihm heraus, als Fragestellungen rund um den anstehenden Wahlkampf und das aktuelle uni-interne politische Klima im Interview thematisiert werden.

© Kristina Kerber
Büroarbeit behind the scenes
Nach dem TV-Auftritt geht’s gleich weiter in Johanns Büro in der Österreichischen Hochschülerinnen- und Hochschülerschaft. Das erste, das mir dort ins Auge sticht, ist das große Whiteboard, mit all den anstehenden Terminen, die wahrscheinlich in ihrer Quantität mein ganzes Semester zusammenfassen. Zwischen all den Sitzungen, Interviews und Reden steht ganz viel Schreibtischarbeit am Programm. Kaum habe ich mich hingesetzt, fällt auch schon ein fetter blauer Ordner auf den Tisch, der mich kurz bangen lässt, dass die Holzbeine unter dem Gewicht zusammenbrechen. „Die Corona Hilfsfonds-Anträge“, wie Johann mir erklärt. Mindestens dreimal pro Woche nimmt sich der ÖH-Vorsitzende Zeit, um hunderte von Anträgen durchzugehen und per Hand zu berechnen. Bei ein paar dieser Antragserörterungen bin ich dabei und die Zahlen schwirren nur so um meinen Kopf herum. Er versichert mir, bei jedem Antrag selbst die Auszahlungssumme festzulegen und, dass diese To-Dos „wohl the most rewarding“ sind, da er tatsächlich Studierenden ganz konkret helfen kann, was ein tolles Gefühl ist: „Die besten paar Stunden der Woche sind das“, meint er erfreut, als er kurz von der Mappe aufblickt.
Ein zentraler Fokus seiner Arbeit spielt sich hinter den Kulissen ab. Dem Motto der ÖH gerecht sind es die Studierenden, die im Vordergrund aller Tätigkeiten der ÖH stehen. Vor allem jetzt in Zeiten von Corona und Co ist es daher besonders wichtig, dass die Studierenden die Unterstützung bekommen, die ihnen zusteht: „Einfach studieren, um den Rest kümmern wir uns. Das ist so die Maxime, die wir als ÖH verfolgen. Um den ganzen Ballast und die ganzen ungute Kommunikation mit den Lehrenden, mit Unileitung und so weiter kümmern wir uns“, so Johann.
„Fordernd, aber rewarding“
Stichwort Corona: Damit hatte es Johann in seiner bisherigen Amtszeit alles andere als einfach. Gleich zu Beginn seiner Tätigkeit als ÖH-Vorsitzender stand die Welt in Flammen. Nicht länger war die Rede von Studentenlokalen, Seminarsaaländerungen und Co. Stattdessen wurde das Team rund um Johann ins kalte, (Corona-)virenverseuchte Wasser geworfen. „Ich wollte eigentlich vor allem ein bisschen Leben in den Campus bringen, Veranstaltungen in Präsenz machen und einfach den Studierenden eine lässige Zeit ermöglichen. Ist jetzt im Endeffekt natürlich viel mehr Vertretungs- und inhaltliche Arbeit. Wir mussten damit leben, Sachen anders zu machen, aber es ist uns ganz gut gelungen.“
Schon in Schulzeiten war Johann in der Schülerunion und der Landessschülervertretung politisch aktiv. Im Vergleich zu seiner Tätigkeit als ÖH-Vorsitzender, beschreibt er die damalige Tätigkeit als Spielwiese, auf der man sich ausprobieren kann. Aber eine Mappe voller Hilfsfonds-Anträge im Wert von tausenden von Euros vor sich liegen zu haben, ist eine ganz andere Nummer: „Das ist keine Spielwiese mehr. Da spielst du schon mit im politischen Zirkus. Du redest mit der Politik, mit der Stadt wegen dem Sonnendeck, du setzt dich dafür ein, du organisiert mit der Universität gemeinsam Teststationen, du zahlst über 100.000€ an Studierende aus. Also das sind schon andere Sphären“, erzählt der ÖH-Vorsitzende. Elitär ist er aufgrund all der auf seinen Schultern lastenden Verantwortungen allerdings nicht. Das Amt beschreibt er als überaus fordernd, aber dennoch sehr „rewarding“. „So viele Leute wie möglich sollen die Chance haben, es einmal zu erleben, so gestalten zu können. Die Möglichkeit, mit so viel Budget und so viel Verantwortung in dem Alter zu arbeiten, hast du normalerweise nicht. Damit kann man wirklich was bewegen.“ Wichtig ist ihm daher auch Nachhaltigkeit. Nicht nur im ökologischen Sinne, sondern in Bezug auf arbeitstechnische Zukunftsfähigkeit: „Du musst schauen, dass nach dir Leute nachkommen, die mindestens so gut sind wie du. Nur so entwickelt sich die Organisation weiter. Das heißt, du musst noch, während du Vorsitzender bist, drei, vier Leute herbeiholen, die dir eventuell nachfolgen könnten, die ganzen Strukturen verstehen und die Praktiken weiterführen können“, meint Johann.

Motivation oder Resignation
Nach dem Trimmen der dicken blauen Hilfsfondmappe haben wir knapp eine Stunde, bis es für Johann zu einem weiteren Medienauftritt geht, diesmal im Podcast-Format. Mich sehnt es nach dem bisherigen Workload schon nach Kaffee, aber als ÖH-Vorsitzende würde ich mir wahrscheinlich gleich eine Koffein-Leitung legen lassen, um den Tag frisch und munter zu überstehen. Nur bei genauer Inspektion erkenne ich ein wenig die Augenringe in seinem Gesicht. „Wahlkampf eben“, sagt er schulterzuckend und erklärt: „Es ist eine irrsinnig stressige Arbeit und die Opposition erspart dir auch nichts.“ Auf die Frage, wie ihm sein Amt denn trotz allem gefalle, erwidert er: „Ehrenamtlich ist die perfekte Bezeichnung, weil es eine Ehre ist, dieses Amt auszuführen. Es ist natürlich für mich persönlich ein wahnsinniger Erfahrungsschatz, der mich sicher auch für mein weiteres Leben stark voranbringt. Das Zentrale ist natürlich aber, dass wir einfach coole Sachen für Studierende machen können, die ihnen effektiv etwas im Studium bringen. Es ist nicht zielführend, wenn wir uns in den Demonstrationen gegen den Kaffeepreis in Nicaragua einsetzen, wie das andere machen. Es muss den Studierenden was bringen und das ist unser höchstes Ziel.“
UNIpress ahoi
Wie bereits angeschnitten, ist Johann bereits seit seinen Jahren des Schulbankdrückens im politischen Bereich tätig. Was ihn aber dann motiviert hat, bei der ÖH mitzumachen, war UNIpress, durch die er „in die ÖH gerutscht“ ist. Noch als er in der Schülerunion war, wurde er von seiner Vorsitzvorgängerin Johanna Beer gefragt, ob er ein wenig bei der ÖH mitschnuppern wolle. Als Vorsitzstellvertreter wurde er immer mehr eingebunden und gerade auch durch seine Schreibtätigkeit für UNIpress an die ÖH herangeführt: „Ich habe ein paar Artikel geschrieben und, was natürlich das Wichtigste war, Leute kennengelernt und mich mit ihnen verstanden. Das war sehr lässig. Gerade Letztens ist auch mein Artikel zu Erasmusbabys veröffentlicht worden!“
Und wie geht’s weiter?
Mitten im Gespräch schaut Johann immer wieder aufs Handy. Die obengenannte „ungute Kommunikation“, vor der er die Studierenden bewahren will, bleibt dann eben an ihm kleben. Das Problem heute: Das Regenwetter, das den Wahlständen einen Strich durch die Rechnung macht. Aber auch das ist mit einem schnellen Anruf, ein paar WhatsApp-Nachrichten und einem Social-Media-Post vom Team schnell geklärt. Während es für mich dann langsam in die Mittagspause geht, gibt es für Johann ein Glas Fruchtsaft, um sich stimmtechnisch für das Podcast-Interview vorzubereiten. Eine Stunde hat Johann dafür Zeit, bevor auch schon ein ganzer Nachmittag voller Büroarbeit und To-Do List Surfing vor der Tür steht. Heute ist es vor allem inhaltliche Arbeit, die am Programm steht. „Pressearbeit, Aussendungen, Planung der Wahlwoche, Anfragen der Opposition“, der Terminkalender ist voll. Was außerdem voll ist, sind die Energiereserven und der Wille, etwas inmitten der gefühlten Corona-Stagnation zu bewegen. Während ich gelassen entlassen werde, geht für Johann der Alltagswahnsinn weiter. Einfach ein weiterer Tag im Leben des ÖH-Vorsitzenden.