Wir befinden uns in den 80ern, als ein spätsommerlicher Abend in der französischen Uni-Stadt Clermont-Ferrand gerade seinen gemütlichen Ausklang findet. Drei der zehn Lieder in den Bravo Jahrescharts zuhause in Österreich sind von Nena, Wham! hat gerade „Wake Me Up Before You Go Go“ herausgebracht und Studierende überall auf der Welt tragen die Haare zu lang und die Kleidung zu groß. Ein Tiroler Student aus dem Pitztal ist hier in Frankreich gerade auf Auslandsjahr und sitzt gemeinsam mit seinen internationalen Uni-Freunden auf der Wiese vor der Uni. Auch dabei ist eine Austauschstudentin aus Schottland. Er kann recht gut Englisch, sie passabel Deutsch – das wissen sie nicht, also sprechen sie Französisch, weil ihnen gesagt wurde, dass man das auf Erasmus halt so macht. Der Abend ist jung, das Auslandsjahr auch. Beide wissen an jenem Sommerabend noch nicht, dass sie eines Tages Eltern von zwei der 1.000.000 heutigen Erasmus-Babys werden.
Genau wie meine eigenen Eltern haben sich seit Beginn des Erasmus-Programms abertausende Paare im Ausland kennengelernt. Diejenigen unter euch, die bereits im Ausland waren, mag das bestimmt nicht überraschen, heißt es doch über Auslandsjahre oder -semester immer, dass dort eine ganz andere, viel lockerere Atmosphäre herrscht, wo Begegnungen gesucht, Freundschaften und eben auch Liebschaften gefunden werden. Doch kann es wirklich sein, dass in 32 Jahren eine Million Kinder während des Auslandsaufenthalts entstanden sind?
Was ist Erasmus+ eigentlich?
Bevor wir uns nun mit den überraschend fruchtbaren Nebenwirkungen des Erasmus-Programms befassen, hier ein kurzer „Erasmus-Crashkurs“: Das Erasmus-Programm ist ein EU-Förderprogramm für europäische Studierende, welches Studierenden ermöglicht, durch großzügige monatliche Unterstützungen und internationale Uni Partnerschaften verschiedene Facetten von Europa kennenlernen zu können. Mit Erasmus+ kann man also einen Teil des Studiums an Hochschulen in anderen Programmländern absolvieren.
Seit 2014 haben über 95.000 Personen aus Österreich eine Förderung durch das EU-Programm Erasmus+ erhalten. Diese großzügige Taschengeld-Initiative lässt sich die EU auch einiges kosten: Laut FAZ für den Zeitraum zwischen 2014 und 2021 an die 15 Milliarden Euro. Seit mittlerweile 32 Jahren haben Studierende die Möglichkeit mit dem Erasmus-Programm ins Ausland zu reisen und eine Weile dort zu studieren und zu leben.
Good to know:
• Studienleistungen, die wir „abroad“ erbringen, erkennt die Heimathochschule an, sofern sie dem vorher vereinbarten Studienplan entsprechen.
• Studienaufenthalte von drei bis zwölf Monaten pro Studienzyklus werden gefördert (Bachelor, Master, PhD).
• Studierende können sogar mehrere Auslandsaufenthalte kombinieren, solange die Gesamtlänge ein Jahr nicht überschreitet.
• Laut erasmusplus.at beträgt die monatliche Fördersumme zwischen 300 und 400 Euro. Auf der UIBK-Homepage ist gar von noch höheren Summen zu lesen (Erasmus+ Zuschuss von ca. Euro 360-460 pro Monat)
• Wer im Ausland studiert, genießt den Luxus, an seiner Gasthochschule keine Studiengebühren zahlen zu müssen.
Wie kann ich mich für Erasmus bewerben?
Interesse geweckt? Deinen ersten Stopp kannst du beim International Relations Office in der Herzog-Friedrich-Str. 3 (Montag-Freitag 9-12 Uhr; Dienstag, Mittwoch 13.30-15 Uhr) einlegen. Dort beraten dich die Erasmus+ Coordinators. Bei ihnen und bei deinen Erasmus+ Departmental Coordinators erfährst du deine individuellen Bewerbungsfristen und Bewerbungskriterien, welche Sprachkenntnisse du mitbringen musst, wohin du gehen kannst, welche Kurse du belegen kannst und vieles mehr.
Auf der Homepage der Universität Innsbruck kannst du herausfinden, welche Personen die Erasmus+ Departmental Coordinators deiner Studienrichtung sind. Wenn alles Organisatorische geklärt ist (Platzzusage etc.), wirst du in den Nominierungsprozess aufgenommen. Das Nominierungsformular steht ab Ende Jänner 2021 zur Verfügung. Es wird empfohlen, die Unterlagen so früh wie möglich beim International Relations Office abzugeben.
Solltest du Fragen haben, kannst du dich natürlich auch an das zuständige ÖH-Referat wenden: Das ÖH-Referat für Internationales ist unter der Mail-Adresse international@oeh.cc für dich da. Es berät dich auch über andere mögliche Austauschprogramme.
Ist ein Erasmus+-Aufenthalt wirklich eine gute Entscheidung?
Auf der Suche nach einem Interviewpartner wurde ich bei einem Mitstudenten fündig: Marco Troppmair (23) war in seinem Marketing-Bachelor ein Semester lang an der Universität in Vilnius.
UNIpress: Was hat dir deine Zeit auf Erasmus gebracht?
Marco: In erster Linie eine großartige persönliche Entwicklung. Aber auch unglaublich viele Eindrücke und Erfahrungen, die man wohl auf keine andere Weise innerhalb eines Semesters zuhause sammeln kann.
UP: Was war dein Highlight in Litauen?
Marco: Vilnius ist einerseits eine wahnsinnig schöne und historische Stadt, andererseits ein toller Ausgangspunkt, um andere Länder zu bereisen. Während meines Auslandsemester reiste ich viel, ich war insgesamt in acht verschiedenen Ländern.
UP: Was empfiehlst du Studierenden, die sich überlegen, auf ein Auslandssemester zu gehen?
Marco: Fixiert euch nicht auf ein bestimmtes Land, sondern seid offen für alle Optionen. Die besten Erfahrungen sammelt man vermutlich nicht dort, wo man selbst oder schon jeder anderer auf Urlaub war. Es kommt immer darauf an, was man selber daraus macht und mit welchem Mindset man an die Sache rangeht.
UP: Hast du auch ein Erasmus-Baby?
Marco: Nicht, dass ich wüsste.
Was hat es jetzt mit diesen Erasmus-Babys auf sich? Keine Angst, hier handelt es sich nicht (ausschließlich, Anm. d. Red.) um Kinder, die aus unrühmlichen OneNight-Stands in Lissabon oder zweiwöchigen „doch-nicht-so-toll-Liebeleien“ in Stockholm entstanden, sondern um die Nachfahren jener Studierenden, die ab 1987 während ihres Auslandssemesters den Partner fürs Leben fanden und dann Kinder bekamen. Die Kinder, die aus diesen Beziehungen mit Erasmus-Ursprung stammen, nennt man also Erasmus-Babys. Oder zumindest kann man sie so nennen. Eine exakte Datenerfassung darüber, wie viele Kinder im wahrsten Sinne des Wortes im Auslandssemester „entstanden” sind, beschäftigt das UNIpress-Recherche-Team bis dato.
Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schreibt, dass laut der ehemaligen EU-Bildungskommissarin Androulla Vassiliou ganze 27% aller Erasmus-Studierenden die Liebe des Lebens im Erasmus-Semester finden. Laut Vassiliou sind so seit 1987 ca. eine Million Babys als Kinder von Erasmus-Beziehungen auf die Welt gekommen.
Fazit: Studi-Austauschprogramm oder Anreizsystem für nachhaltige demografische Entwicklung?
Vielen Regierungen in Europa stellt sich seit Jahren die Frage, wie die demografische Entwicklung positiv beeinflusst werden könnte. Gerade in der Bevölkerungsschicht der Hochschulabsolventinnen ist die Fertilitätsrate besonders niedrig. Durch welche Anreize kann die Geburtenrate erhöht werden und damit vielen sozialen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Problemfeldern eine Antwort geboten werden? In Österreich waren in naher Vergangenheit Versuche wie der Familienbonus oder die Familienbeihilfe zu sehen.
Doch spätestens jetzt ist geklärt: Keine Angst, die EU hat 1987 mit dem Erasmus-Programm vorgesorgt! Das Erasmus-Programm ist kein Versuch einer Image-Politur der EU und auch kein reines Förderprogramm für zukünftige Akademiker, sondern schlicht eine Nachwuchsfabrik für bilingual aufwachsende Erasmus-Babys!
Die erfolgreichste Nachwuchspolitik in Europa seit Kaiserin Maria Theresia: „Vernetzung Europas durch Heirat und Nachwuchs.“ Liebe EU, liebes Erasmus-Programm, Maria Theresia wäre stolz! Eine kleine Änderung im Motto des Erasmus+-Logos wäre daher durchaus angemessen:
Aus “Enriching Lives, Opening Minds” werde “Producing Lives, Opening Minds”.
Dieser Artikel erschien erstmals in der November-Ausgabe 2019.